1. Startseite
  2. Frankfurt

Macht euch die Erde untertan

Erstellt:

Von: Gernot Gottwals

Kommentare

Spricht am Mittwoch in der Paul-Gerhardt-Gemeinde: Rainer Kessler FOTO: michael faust
Spricht am Mittwoch in der Paul-Gerhardt-Gemeinde: Rainer Kessler © Michael Faust

Professor hält Vortrag über Gott, das Buch Genesis und nachhaltiges Leben

Als Rainer Kessler sein Wohnhochhaus nahe der Osterkirche bezog, war ihm klar: "Da oben gehört etwas drauf." Denn Solarenergie, fleischarme Nahrung und wenige Flugreisen sind wichtige Beiträge zur Umweltpolitik. Seit drei Jahren forscht der Theologe auch verstärkt biblisch zum Thema Nachhaltigkeit - und hinterfragt die Aufforderung an den Menschen, wie er mit der Schöpfung umgehen soll.

Müllaktion und Pflanzkästen

Einige seiner Erkenntnisse und Erfahrungen wird Kessler am Mittwoch, 17. März, in seinem Vortrag "Macht euch die Erde untertan" in der Paul-Gerhardt-Gemeinde weitergeben. "Der Vortrag gehört zu unserer Veranstaltungsreihe ,Nachhaltig leben'. Wir versuchen dieses wichtige Thema mit möglichst vielen Gemeindegruppen aufzugreifen und auch Experten dazu einzuladen", sagt die Pfarrerin Claudia Vetter-Jung. Geplant sind unter anderem ein offenes Netzwerktreffen "Nachhaltig leben - Kirchen und der Ansatz der Gemeinwohldemokratie" am Montag, 14. März, um 19.30 Uhr, ein Frühjahrsputz mit Müllsammelaktion am 2. April um 10 Uhr, die Aktion Pflanzkästen am 30. April um 15 Uhr sowie im Lauf des Jahres eine Kleidertauschparty und im Herbst ein Meditationstag.

Zwar scheint der gegenwärtige russische Krieg gegen die Ukraine langfristige Umweltthemen zu überlagern, doch Kessler verweist darauf, dass die Kontrolle des Kernkraftwerks Tschernobyl und der Angriff auf das südukrainische Kernkraftwerk Saprorischja zu einer Situation führen, die durchaus an die nukleare Bedrohung während des kalten Krieges erinnert.

Der Theologe gilt als ausgewiesener Kenner des Alten Testaments und der Sozialgeschichte in der Bibel und im alten Israel. 1944 geboren wuchs der Sohn sudetendeutscher Eltern in der Nachkriegszeit in und um Frankfurt auf und wurde 1972 über die Quellenlage in den fünf Büchern Mose promoviert. 1987 nahm er eine Assistenzstelle an der Kirchlichen Hochschule in Bethel und 1993 eine Professur in Marburg an, lehrte und forschte über Staat und Gesellschaft im alten Juda, Prophetie und Hermeneutik.

Dem Thema Schöpfung, Umwelt und Nachhaltigkeit in der Bibel widmete er sich eingehend, als parallel zur Bewegung "Fridays for Future" vor drei Jahren in Marburg die Bewegung "Scientists for Future" entstand. "Seit der Antike begann der schleichende Prozess, sich die Umwelt zunehmend anzueignen. Doch der Durchbruch der Auffassung, der Mensch sei Herrscher und Besitzer der Natur, erfolgte vor 400 Jahren unter René Descartes", erklärt Kessler.

Der Mensch als Ausbeuter

Der Mensch als Ausbeuter seiner Lebensgrundlage? Kessler erlebte den Vietnamkrieg und die Studentenunruhen, was nicht ohne Folgen blieb: Er schloss sich dem Kommunistischen Bund Westdeutschland an, trat von 1975 bis 1983 sogar aus der Evangelischen Kirche aus. Einen Schritt, den er bald revidierte: "Im Rückblick erkannte ich, dass die linksextremen Strömungen Gewalt und Terror legitimierten und dabei auch keinerlei Rücksicht auf die Umwelt nahmen."

Doch wie kommt die Bibel damit klar, dass der Mensch sich die Erde untertan machen und dabei doch nachhaltig wirtschaften soll? Kessler greift hier gerne den allseits bekannten Psalm 23 vom "guten Hirten" auf. "Denn ein umsichtiger Hirte weidet seine Schafe sorgsam und ist nicht nur aufs Schlachten aus", lautet sein Credo.

Kessler spannt den Bogen weiter zu Psalm 104, der die Schöpfung des Herrn lobt und den Menschen als Teil davon versteht, zu Ludwig Klages, einem Urvater der modernen Ökologiebewegung, bis zu Lynn Whites, der an die weltweite Verantwortung des Christentums appelliert.

Er selbst jedenfalls will die nötigen Konsequenzen in und auch über seinen eigenen vier Wänden ziehen. "Eine Solaranlage ist bereits in Planung", sagt er. Nur die Eigentümerversammlung müsse noch zustimmen. Der Vortrag beginnt am Mittwoch, 16. März um 19.30 Uhr im Gemeindezentrum Gerauer Straße. Gernot Gottwals

Auch interessant

Kommentare