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Main und Oder: Das Leben im anderen Frankfurt

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Flüsse gibt es in beiden Frankfurts: Susanne Finn ist von der Oder an den Main gezogen, Joram Ulmke hat den umgekehrten Weg eingeschlagen.
Flüsse gibt es in beiden Frankfurts: Susanne Finn ist von der Oder an den Main gezogen, Joram Ulmke hat den umgekehrten Weg eingeschlagen. © dpa

Nach Frankfurt an der Oder sind es gut 600 Kilometer, ein Besuch auch in der Osterzeit kann sich aber durchaus lohnen. Zwei Menschen, die vom Main an die Oder beziehungsweise umgekehrt gezogen sind, berichten von den Vorzügen ihres „neuen“ Frankfurts.

Als Joram Ulmke aus der Hessen-Metropole Frankfurt in die gleichnamige Kleinstadt in Brandenburg zog, erntete er von Bekannten jede Menge Klischee-Kommentare. „Sie sagten mir: Frankfurt (Oder)? Es wird hässlich sein. Plattenbau. Nazis“, sagt der Student und schmunzelt. Er lebt jetzt tatsächlich in einem Plattenbau – den Umzug nach dem Abi im Herbst 2016 wegen seines Jura-Studiums bereut er aber nicht. Im Gegenteil. Susanne Finn hat den umgekehrten Blick, sie zog von Brandenburg nach Hessen. Die beiden erzählen, wie sie das jeweils andere Frankfurt sehen. Einen Lieblingsplatz hat Ulmke schon. Die Stadtbrücke über die Oder, die die deutsche Grenzstadt mit dem polnischen Slubice verbindet. Im ersten Semester ging er jedes Wochenende über die Brücke in ein polnisches Restaurant – günstig Pizza essen, wie der 20-Jährige berichtet. Und er sieht weitere Vorteile gegenüber der hessischen Großstadt. „Hier gibt es Wohnraum, ich hatte sofort ein Zimmer.“

Zu viel Hektik

Als Ulmke geboren wurde, gab es die DDR nicht mehr. Mit seinem Umzug an die Oder sei sein Interesse für die Vergangenheit des heutigen Ostdeutschlands gestiegen. „Ich habe mich noch nie so intensiv mit der DDR-Geschichte beschäftigt“, sagt er. Weg von einem Leben in der Banken-Metropole hin zu einem in einer brandenburgischen Kleinstadt – mit dieser Umstellung sei er gut klargekommen. „Ich wollte wieder in eine kleinere Stadt“, sagt Ulmke. Er sei auf dem Land in Hessen aufgewachsen und dann mit seinen Eltern nach Frankfurt am Main gezogen.

Doch das beschauliche Leben habe ihm gefehlt, zu viel Hektik in der Stadt mit ihren mehr als 730 000 Menschen. In Frankfurt (Oder) mit gut 60 000 Einwohnern finde er das wieder. Finn ist mit dem großen Frankfurt auch lange nicht so richtig warm geworden. Sie zog mit ihrem damaligen Mann im April 1991 ins nur wenige Kilometer entfernte Bad Homburg. „Wir sind mit dem Trabi losgefahren, weil wir wissen wollten, wie es im Westen ist“, erzählt die 47-Jährige. Anlaufstelle war eine Verwandte. Die Bankenstadt fand Finn vor allem steril. „In Frankfurt (Oder) war ein komplett anderes Flair.“ Dort hatte sie Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Musik studiert und war in der „Singebewegung“ aktiv – einer Art Liedermacherszene. „Diese Szene habe ich in Hessen vermisst. Das Kulturelle war auf einmal so weg.“

Kulturelles Angebot

Der Ausflug in eine typische Apfelwein-Kneipe in Sachsenhausen hat sie auch nicht für das andere Frankfurt eingenommen: „Die erste Begegnung mit Ebbelwei und Handkäs’ mit Musik fand ich furchtbar.“ Eine Musikkneipe im selben Stadtteil hat ihr Verhältnis zu der fünftgrößten deutschen Stadt Jahre später jedoch verändert. Finn ist inzwischen in der irischen Musikszene aktiv und hat dort auch ihren neuen Partner kennengelernt. Sie schätzt inzwischen das kulturelle Angebot, vor allem die Konzerte und Ausstellungen. „Ich fühle mich wohl hier, habe einen tollen Job und einen super Freundeskreis“, erzählt die Leiterin einer Kindertagesstätte. Ihr Lieblingsplatz in Frankfurt ist wie Ulmkes am Wasser: Bei der „Sommerwerft“, dem Theaterfestival am Main. „Da kann man auf der Mauer sitzen, die Beine baumeln lassen und was trinken.“

West und Ost, Skyline und Oderbrücke, Goethe und Kleist, Main und Oder – vom äußeren Anschein sind die rund 600 Kilometer voneinander entfernten Städte wie Feuer und Eis. Wie kommt es zu demselben Namen? Nach Angaben des Stadtarchivs in Frankfurt (Oder) gibt es mehrere Hypothesen. Diese sei die wahrscheinlichste: Kaufleute aus dem älteren Frankfurt am Main zogen einst hierher in die Gegend und wurden sesshaft. So sei es zu der Namensübertragung gekommen. Erstmals urkundlich erwähnt worden sei Frankfurt (Oder) im Jahre 1253 – als Frankenvorde.

Die Namensdoppelung der Städte brachte unlängst die Linke auf eine Idee. Die Partei warb im Internet mit einer Grafik für die kurz aufeinanderfolgenden Oberbürgermeisterwahlen in beiden Städten. Zu sehen waren ihre Kandidaten mit dem Slogan: „An Main und Oder: Frankfurt verändern!“

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