+
Rainer Jung im Kampf gegen den Schmutz: Der 48-Jährige ist sowohl Gebäude- als auch Tatortreiniger.

Tatortreiniger

"Man darf das nicht an sich ranlassen"

  • schließen

Dieser Mann macht aus eklig wieder wohnlich: Rainer Jung leitet zusammen mit seinem Bruder eine Gebäudereinigungsfirma in dritter Generation. Wenn sie anrücken, werden Fenster und Böden geputzt – oder aber Tatorte gereinigt.

Das Telefon klingelt, Rainer Jung hebt die Hand, „da muss ich kurz drangehen“, entschuldigt er sich und nimmt ab. „War es viel?“, fragt er. Die Antwort seines Gesprächspartners wispert und näselt unverständlich aus der Hörmuschel. Wäre Rainer Jung Steuerberater, Spediteur oder Bäcker – niemand, der dieses Telefonat zufällig aufschnappt, würde einen weiteren Gedanken über den Gegenstand der Frage verlieren. Aber Rainer Jung arbeitet als Tatortreiniger.

Steuerberater arbeiten an Schreibtischen, Spediteure in der Einsamkeit voller Lagerhallen oder voller Autobahnen und Bäcker in Backstuben. Die Wirkungsstätten von Rainer Jung hingegen sind häufig und in mehrerlei Hinsicht Unorte. Wenn der 48-Jährige gerufen wird, dann oft dorthin, wo traurige Schicksale besiegelt wurden, letzte Gebete ungehört blieben und jede Hilfe zu spät kam.

Als die Gebäudereinigungsfirma Jung gegründet wurde, hatte Ludwig Landmann gerade seit einigen Jahren das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters inne. Baurat war der Architekt Ernst May, der das Gesicht der Stadt so prägen sollte wie wenige nach ihm. 1927 zog Otto Jung los, mit einer Leiter auf der Schulter und einem Eimer in der Hand fuhr der Glasreiniger und Parkettschleifer von Frankfurt bis in den Taunus, um arbeiten zu können. Die Zeiten waren hart, die wilden Zwanziger verpufft. Mammon hatte die Moral erstickt, es dämmerte eine folgenschwere Wirtschaftskrise auf der anderen Seite des Atlantik.

Der Großvater, Innungsobermeister Otto Jung, starb früh, im Jahr 1954. Rainer Jungs Onkel übernahm die Geschäfte solange, bis Jungs Vater alt genug war, um den Familienbetrieb zu führen. 2005 übergab Norbert Jung, seinerzeit Vorstand der hessischen Landesinnung, an seine beiden Söhne, Jürgen und Rainer. Beide nehmen inzwischen selbst Gesellen- und Meisterprüfungen ab. Die Zeiten mögen sich geändert haben, das Geschäft jedoch bleibt unverändert eine Herausforderung.

„Wir sind eine kleine Firma, bieten allerhand Reinigungsarbeiten an, müssen uns aber auch Nischen suchen,“ schildert Jung. Der Markt sei groß, aber dicht besiedelt. Lohndumping erschwere die Lage. Deutschlandweit tätige Dienstleister horteten ein beträchtliches Stück des Kuchens. Große und beständige Aufträge sind rar. „Deshalb spezialisieren wir uns und bieten auch ausgefallenere Dienste an“, so Jung. Dazu gehört neben dem Entrümpeln und Desinfizieren von sogenannten Messie-Wohnungen auch Schädlingsbekämpfung – und eben Tatortreinigung.

Über diese „ausgefalleneren“ Leistungen spricht Rainer Jung mit beinahe behördlicher Nüchternheit. Er ist ein Mann des Fachs, berufliche Distanz ist in seinem Job eine Grundtugend. Früh begeistert er sich für Chemie, für Atome und für die Wirkungsweise von Säuren und Laugen. Seine Lehre zum Gebäudereiniger bei einer Münchner Firma führt ihn auch in Krankenhäuser. Auf Abitur und Ausbildung folgen Meisterbrief und Prüfungen zum Desinfektor und Schädlingsbekämpfer. „Mit diesen Qualifikationen ist man beruflich bereits auf einem Level, für das man einen starken Magen braucht. Da waren Seminare zur Tatortreinigung naheliegend,“ so Jung.

Viele Details seiner Arbeit in diesem Bereich sind vertraulich. Schon deshalb, weil Takt und Diskretion heute so unerlässlich sind wie damals Leiter und Eimer. Nicht nur um der Würde der Verstorbenen wegen – auch die Auftraggeber, Eigentümer und Hausverwalter, setzen auf Jungs Vertraulichkeit.

Wenn Rainer Jung mit weißem Schutzanzug und Gasmaske anrückt, ist die Polizei bereits fertig. „Eine Leiche ist nie da, wenn ich zu Arbeit komme“, relativiert er die Schilderungen die dann folgen.

„Je länger ein Mensch tot in seiner Wohnung liegt, desto mehr hat man zu tun. Der Verwesungsprozess setzt sehr schnell ein“, so Jung, „Haut und Haare, Blut, Körperfette und Säuren – besonders aufwendig wird es, wenn etwas unter die Bodenleisten oder durch eine Naht im Linoleum sickert. Das dringt bis zum Estrich durch und man muss den Boden rausreißen – andernfalls bekommt man den Geruch nie aus den Räumen. Da hilft auch kein Renovieren.“

Zwischen sechs und zwölf Mal im Jahr wird Rainer Jung zu solchen Einsätzen gerufen. Die Schutzvorkehrungen in seinem Job sind hoch, da nie sicher ist, ob der Verstorbene Krankheiten hatte. Doch schlaflose Nächte bereitet sein Job ihm nicht. Aus ihm sprechen Erfahrung und Können. „Es ist wie bei vielen Arbeiten: Man darf nicht zu angestrengt drüber nachdenken. Ich entkoppele mich von den Schicksalen, indem ich Schutzanzug und Atemgerät anlege. Wenn der Geruch nicht da ist, empfinde ich auch keinen Ekel.“

Nerven bewahren – das ist sein Rezept. Auch wenn eine Badewanne gereinigt werden muss, in der über drei Wochen lang ein lebloser Körper seiner Zersetzung überlassen war. „Die Polizeibeamten hatten zwar die Leiche geborgen, dann aber das Wasser nicht abgelassen.“ Die Badewanne konnte auch Jung nicht mehr retten. Nerven bewahren, auch wenn die demente Frau des Verstorbenen über mehrere Wochen nicht bemerkt, dass ihr Mann tot auf der Toilette sitzt. Die Nachbarn hatten sich schließlich über den Geruch beklagt. „Das sind traurige Schicksale, klar. Aber das darf man nicht an sich ranlassen“, sagt Jung.

Die Reaktionen von Außenstehenden seien unterschiedlich. Manchen jage die Vorstellung einen kalten Schauer über den Rücken, andere finden Jungs Arbeit interessant – sogar lustig.

Seit 2015 verfolgt ein breites Publikum deutscher Zuschauer den größten NDR-Erfolg seit langem. Der Schauspieler Bjarne Mädel führt als Heiko Schotte, genannt „Schotty“, mit viel Witz und einem untrüglichen Riecher für Situationskomik und Tiefgang zugleich durch den fiktiven Arbeitsalltag eines Tatortreinigers. Rainer Jung macht den Job seit fast zehn Jahren. Die Fernsehserie habe dem Ruf des Reinemachers post mortem durchaus gut getan. Jung, selbst ein großer Fan, lobt die solide Recherchearbeit der einzelnen Folgen. „Was da im Fernsehen gezeigt wird hat Hand und Fuß“; meint er. „Es ist aber natürlich etwas anderes, einmal tatsächlich in Blut rumzuschrubben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare