War lange nicht nur im Untergrund des Rebstockbades für dessen Betrieb verantwortlich: Harald Kümbel.
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War lange nicht nur im Untergrund des Rebstockbades für dessen Betrieb verantwortlich: Harald Kümbel.

Rebstockbad

"Man kam in einen Mythos hinein"

  • VonKatja Sturm
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Langjähriger Leiter Harald Kümbel nimmt vor dem Abriss Abschied

Frankfurt. -Manches Mal hat Harald Kümbel in den vergangenen Wochen nach einem triftigen Grund dafür gesucht, ins Rebstockbad zu fahren. Vor Ort nahm sich der 54-Jährige dann etwas Zeit, um von einem guten Platz aus die "besondere Aura" der Anlage zu genießen. Zwar hat der langjährige Betriebsleiter Ende Februar die Zuständigkeit für die Sport- und Freizeitstätte abgegeben, um bei den Bäderbetrieben die Abteilung Aus-, Fort- und Weiterbildung zu übernehmen. Doch seine enge Verbundenheit zu der Frankfurter Schwimm-Oper ist geblieben.

Auch wenn sich an diesem Freitag die Türen des Bauwerks für immer schließen, wird Kümbel dabei sein. "Die eine oder andere Träne", da ist er sicher, wird er vergießen. Dass er nicht zu denen gehört, die alles ausräumen müssen, bevor die Bagger anrücken, darüber zeigt Kümbel sich erleichtert. Der Neubau, der anstelle des alten Bades bis 2025 entstehen soll, sei "eine große Chance". Der Abschied von dem liebgewonnen Objekt sei für ihn dennoch ein harter Schnitt, "die nächsten ein bis zwei Jahre werde ich sicher nicht hierhin zurückkehren".

"Eine unglaubliche Strahlkraft"

Das Mitglied einer "Wasseraufsichts-Familie", wie Kümbel seine Herkunft bezeichnet, kann sich noch bestens an die Anfänge des Rebstockbades erinnern. "Man kam in einen Mythos hinein", schwärmt er. Zuvor kannte man nur normale Hallenbäder. Hier jedoch, in dieser vergleichsweise riesigen Erlebnis- und Wasserlandschaft, imponierte nicht nur die japanisch angehauchte Architektur mit der auffälligen Dach- und Deckenkonstruktion. "Man stand an der Kasse in der Schlange", es gab Wellen, einen Sprungturm, eine große Anzeigetafel und Musik. "Das alles hatte eine unglaubliche Strahlkraft", sagt Kümbel. Er selbst wollte nur noch dorthin.

Die Übertragung der Eröffnungsfeier im ZDF-Sportstudio am 13. November 1982 hatte der damals 16-Jährige im Fernsehen gesehen. Vater Ludwig, der beim Sport- und Badeamt für das Freibad Hausen zuständig war und mit seiner Familie in der dortigen Dienstwohnung lebte, war eingeladen. Dem Sprössling erzählte er später von seinen Eindrücken beim Zusammentreffen mit Eintracht-Fußballer Ralf Falkenmayer, der selbst gelernter Schwimmmeistergehilfe ist, oder dem populären Sportmoderator Harry Valerien.

Keine zwei Jahres später, am 1. September 1984, trat Harald Kümbel als Lehrling in die Fußstapfen seines Vaters. Schwimmen konnte er früh, dazu wusste er bereits mit den Wasserfiltern umzugehen, da bot sich eine Ausbildung als Schwimmmeistergehilfe an. Nach dem Abschluss sicherte er sich zu seiner großen Freude den Traumjob im Rebstockbad.

Bis weit in die 90er Jahre hinein war dieses Schauplatz zahlreicher Ereignisse. Seat etwa, erzählt Kümbel, lud während der Internationalen Automobilausstellung regelmäßig zu Veranstaltungen dort ein, es gab Konzerte, Discos, TV-Shows. "Das Rebstockbad war in allen Medien", sogar ein Lied wurde von dem Frankfurter Musiker Chima darauf gedichtet.

"Wetten, dass...?"

war 1998 zu Gast

Zu seinen "Top-Erinnerungen" zählt der leidenschaftliche Liebhaber die "Wetten, dass...?"-Show im März 1998, für die die Anlage eine Woche lang zwecks Vorbereitung und Geheimhaltung der Außenwette geschlossen und ihre Fenster verdunkelt wurden. "Das war mitten in der Saison eine Sensation." Zwei Jahre zuvor war Kümbel Betriebsleiter geworden; angesichts der Herausforderung "ging mir ganz schön die Pumpe". Der frühere Kinderstar Thomas Ohrner moderierte, wie zwei Kanus eine Kerze anzündeten. Nur dass Thomas Gottschalk bei der Überleitung von einem "Hallenbad" sprach, schmeckte dem Gastgeber überhaupt nicht.

Die zwischenzeitlichen Sparmaßnahmen seitens der Stadt seien damals schon zu spüren gewesen. Als das Rebstockbad Mitte der 90er Jahre zwecks Auffrischung sechs Wochen lang schließen sollte, aber nach 14 Tagen wieder geöffnet war und nur neue Farbe "im Wert von gerade mal 1000 Euro" die Wände schmückte, habe man den Besuchern die Enttäuschung angemerkt. "Vorher gab es immer ein neues Highlight, wenn länger geschlossen war", die Erweiterung der Saunalandschaft etwa oder den Bau der beiden Riesenrutschen. Diese Erwartung erfüllte sich diesmal nicht.

Ein kleines Hoch aus persönlicher Sicht erlebte Kümbel noch mal, als 2001 die erste elektronische Desinfektionsanlage für die 104 Duschen in Betrieb genommen wurde. Zuvor hatten diese stets eine Nacht lang manuell gereinigt werden müssen. Einmal vergaß der Betriebsleiter darüber sogar seinen Hochzeitstag und wunderte sich, warum seine Frau Susanne bei seiner Rückkehr das eigene Treppenhaus mit Rosen geschmückt hatte. "Sie wusste aber, dass das Bad bei mir immer an erster Stelle kam." Selbst wenn er mit Tochter Lena Louisa dort schwimmen ging, nutzte er die freie Zeit, um noch etwas im Büro zu erledigen.

Den Anfang vom Ende sah Kümbel 2014 gekommen, als sich durch starken Wind Elemente der Dachverkleidung lösten und man in der Folge nur noch "lebensverlängernde Maßnahmen" in Auftrag gab.

Der monatelange "Abschied auf Raten", der zustande kam, weil Pandemie-bedingt zuletzt nur noch Leistungssportler und Schulkinder ins Rebstockbad durften, sei für ihn etwas leichter zu ertragen. "So konnte ich mich Schritt für Schritt davon trennen." Ein abruptes Ende, glaubt Harald Kümbel, wäre noch viel schmerzhafter gewesen. "Das Rebstockbad war wie mein Zuhause", betont er. "Ich vermisse es schon jetzt." Katja Sturm

Das auffällige Dach gehört zu den Besonderheiten des Bades.
Ausreichend Platz für Erholung.

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