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Jan Schmitt, Adrian Lawrence und Emily Radke werben für eine Lehre bei Elektro-Bürkle.

Ausbildungsmesse in Sossenheim

„Man muss halt aufstehen!“

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2013 mit fünf Unternehmen gestartet, ist die Zahl der Aussteller bei der Ausbildungsmesse in Sossenheim mittlerweile auf 38 gestiegen. Viele junge Menschen informierten sich gestern im Volkshaus und im Nebengebäude über Möglichkeiten ihrer Zukunftsgestaltung.

„Es fühlt sich an, als ob die Hand einschläft, die Finger lassen sich nicht mehr gut bewegen“, sagt Aurent (16). Kein Wunder – durch den TENS-Stimulator fließt Reizstrom, der bei verschiedenen Krankheitsbildern helfen soll, Schmerzen zu lindern oder Muskeln zu stimulieren. Nebenan konnten sich Unerschrockene darin üben, eine Spritze zu setzen – an einem leblosen Modell, versteht sich. Kommit, das internationale Bildungszentrum Rhein-Main für Pflegeberufe, war einer der 38 Aussteller, die bei der 4. Ausbildungsmesse in Sossenheim mit jungen Menschen ins Gespräch kommen wollten. Rund 2500 kamen – nach etwa 2000 im vorigen Jahr.

„Wir sind hier, um Fragen zu stellen“, sagen Aurent und Qasim (14), die auf die Eduard-Spranger-Schule gehen. Unter anderem interessieren sie sich für die Voraussetzungen, die nötig sind, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Geräte zum Ausprobieren sind natürlich ein Eisbrecher, weiß Jeanette Oeser aus der Kommit-Geschäftsführung. Die Schüler seien ernsthaft interessiert: „Das hängt natürlich auch ein bisschen davon ab, wie gut die Lehrer sie darauf vorbereiten.“

Die Messe will ein wenig anders sein als andere. Bei großen, „hochoffiziellen“ Veranstaltungen trauten sich viele Jugendliche nicht, die Firmen anzusprechen, berichtet Anita Lemaile von der Gesellschaft für Jugendbeschäftigung und Mitglied im Organisations-Team. Viele Hauptschüler würden dort außerdem euphorisch starten – und müssten dann feststellen, dass sie bei großen Konzernen mit einem Hauptschulabschluss meist keine Chance bekommen, ergänzt Eva Scharf vom Zentrum für Weiterbildung. Aus diesen Erfahrungen ist die Sossenheimer Messe entstanden, die auf die westlichen Stadtteile zugeschnitten ist: vorrangig mit Betrieben aus der Umgebung, die sich in einer „heimeligen Atmosphäre“ präsentieren, so Lemaile. Die Besucher sollen sich zu Hause fühlen und ohne Scheu auf die Vertreter der Firmen zugehen können.

Dazu trägt auch bei, dass an den Ständen selbst Auszubildende stehen, die aus ihrem Arbeitsalltag berichten. So wie Luisa Zyzik (20), die im zweiten Lehrjahr als Immobilienkauffrau bei der ABG Frankfurt Holding ist. Eine ganze Mädchen-Clique von der Eschborner Heinrich-von-Kleist-Schule umringt sie, fragt ihr Löcher in den Bauch. Gibt es die Möglichkeit eines Jahrespraktikums? Was macht man den Tag über? Und wie viel verdient man? „Unsere Schule hat uns angeboten, hierhin zu gehen“, sagt Oliwia, die sich danach über eine Ausbildung im medizinischen Bereich informieren will.

Seitenwechsel auf die andere Seite des Tisches zu Luisa. Sie kam durch Mundpropaganda zu ihrer Lehrstelle, berichtet sie: Eine andere Auszubildende habe sie darauf gebracht, dass sie sich bei der ABG bewerben könnte. „Ich habe es mir unangenehmer vorgestellt“, sagt sie ehrlich. Sie kannte Bürojobs von Praktika, aber ihre jetzige Stelle sei abwechslungsreich, etwa durch den Kontakt zu Mietern: „Das ist mir wichtig.“ Generell könne sie eine Ausbildung empfehlen: „Man muss halt aufstehen, nicht so wie Studenten“, sagt sie lachend.

Auch die Unternehmen profitieren. Den Elektrogroßhandel Alexander Bürkle, der im Rhein-Main-Gebiet mehrere Standorte unterhält, kannten beispielsweise einige Jugendliche noch gar nicht. Sie wurden von den Kabeln und Schaltern angezogen und dachten zunächst, dass es sich um einen Handwerksbetrieb handelt. Nicht nur das wurde in den Gesprächen schnell aufgeklärt: „Im letzten Jahr haben wir zwei Kandidaten direkt von der Messe eingeladen“, sagt Ausbilderin Tanja Mai.

Der Bewerbermarkt hat sich in den vergangenen Jahren ein wenig gewandelt, berichtet Alexander Waldeyer. Er ist Ausbildungsleiter bei Immo Herbst Garten- und Landschaftsbau und hat unter anderem festgestellt, dass die Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz zunehmend später eingehen. Das Unternehmen hat daher den Ausbildungsbeginn bereits vom 1. August auf den 1. September verschoben. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: Vielleicht haben die Schüler heute zu viel zu tun, um sich frühzeitig um eine Lehrstelle zu kümmern, vielleicht ist die Vielfältigkeit des Berufsbilds Landschaftsgärtner auch zu wenig bekannt: „Bei einem Kfz-Mechatroniker hat jeder sofort ein Bild vor Auge.“

Ob es für die Besucher mit einem Ausbildungsplatz klappt, wird sich zeigen. Ein „Ausbildungsplätzchen“ aber bekam gestern jeder: Das leckere Gebäck hatte das Sossenheimer Café Kitzel gespendet. Nach dem Abschluss um 15 Uhr trafen sich die Aussteller zu einer Feedback-Runde. Angesichts der guten Besucherzahlen dürfte im kommenden Jahr mit einer weiteren Neuauflage der Messe zu rechnen sein.

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