Zeichner Klaus Meyer-Gasters

Ein Mann der ersten Stunde

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Als am 15. April 1946 die erste Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse erschien, gehörte der Zeichner Klaus Meyer-Gasters zu den Männern der ersten Stunde. Überregional bekannt ist der vielseitige Künstler heute durch Aquarellkalender, die von den Apotheken verschenkt werden. An diesem Freitag wird Meyer-Gasters 90 Jahre alt.

Der Krieg war ein halbes Jahr vorbei. Frankfurt lag in Trümmern, doch aus den Ruinen wuchs ganz allmählich neues Leben. Seit August 1945 erschien auch wieder die erste Tageszeitung in der Stadt, die „Frankfurter Rundschau“. Richard Kirn, einer ihrer Redakteure, liebte das Stöbern in der Buchhandlung Mühlhausen in der Schillerstraße. Dort stieß er eines Tages auf ein Büchlein mit Zeichnungen eines gewissen Klaus Meyer-Gasters und war fasziniert von den Lehrer-Porträts. In den Jahren 1941 und 1942 waren in der Ziehenschule diese „Skizzen unter der Schulbank“ entstanden – so der Titel des schmalen Büchleins. Es kostete

5,80 Reichsmark und brachte Meyer-Gasters die ersten bescheidenen Einkünfte als Künstler. Der als knausrig bekannte Kirn aber kaufte die Skizzensammlung nicht.

Wie der Zufall es wollte, wurden der gestandene Redakteur und der junge Zeichner ein paar Monate später Kollegen. Die amerikanische Militärregierung hatte nämlich beschlossen, eine zweite Tageszeitung als politisches Gegengewicht zur linken FR auf den Markt zu bringen: die Frankfurter Neue Presse.

Kirn, damals 41 Jahre alt, wechselte von der FR zur FNP – das wollten die Amerikaner so. Zur fünfköpfigen FNP-Redaktion in der Rahmhofstraße 4 gehörte auch Klaus Meyer-Gasters, der sich um die Stelle des Hauszeichners beworben hatte. Als solcher ist er auch im Impressum der ersten Ausgabe vom 15. April 1946 aufgeführt.

Für bescheidene 680 RM im Monat war der 20-Jährige eingestellt worden. Er hatte schon am ersten Erscheinungstag sein Erfolgserlebnis: Die Titelseite des Sechs-Seiten-Blattes zierte seine Zeichnung von der Amtseinführung des neuen Rektors der Frankfurter Universität, Prof. Walter Hallstein. Es folgten Zeichnungen vom Nürnberger Prozess gegen Nazi-Kriegsverbrecher, Reportagen an der Seite der resoluten Redakteurin Madlen

Lorei – und die wohlbekannteste Zeichnung von einem Frankfurter: der markante Hinterkopf von Nachkriegs-Oberbürgermeister Walter Kolb. „Die FNP war für mich eine gute Grundlage“, sagt Meyer-Gasters heute über die drei Jahre im Team von Richard Kirn.

Anfang der 1950er Jahre, zu Zeiten des berühmten Zoodirektors Bernhard Grzimek, saß der Künstler viele Stunden vor den Gehegen und schuf außergewöhnliche Tier-Aquarelle. Seine einmalige Technik: die Farben fließen lassen und die Bilder so zu einem besonderen Kunsterlebnis werden lassen. Das weckte Anfang der 1960er Jahre die Neugier eines Pharmakonzerns. Die ersten Bildkalender mit Heilpflanzen waren das Ergebnis der Zusammenarbeit und wurden auf Anhieb ein Renner. Das sind sie bis heute geblieben – mehr als ein halbes Jahrhundert später sind sie bundesweit als Werbegeschenk der Apotheken gefragt wie eh und je. Seit 1977 erscheinen die Kalender im eigenen Meyer-Gasters-Bildverlag.

Heute wird der Künstler 90 Jahre alt. „M-G“ – so seine Signatur – wurde am 15. Mai 1925 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Sein Vater, der Architekt Arthur Meyer-Gasters, starb 1937, da war der Sohn erst zwölf. Ein Jahr später zog die Mutter mit ihren drei Kindern nach Frankfurt.

Vor vielen Jahren zog der Maler jedoch von dort fort, in ein idyllisch gelegenes Dörfchen im Südosten des Vogelberges, das gerade mal 36 Einwohner hat. Hier wohnt Klaus Meyer-Gasters seit 1978. Sein Haus liegt versteckt hinter Bäumen und Büschen an einem Feldweg. Natur pur. „Achtung Katze“ warnt ein Schild am Hoftor. Doch weit und breit ist kein wildgewordener Stubentiger zu sehen, der den Besucher attackiert. „Das ist ein Gag“ schmunzelt der Künstler.

Mit diesem Haus haben sich Klaus Meyer-Gasters und seine Frau Jutta ihren Traum vom Leben in der Natur verwirklicht. „Die Wurzel der Kunst liegt im Erleben der Natur“, sagt er. Der Entschluss der beiden, von Frankfurt-Bockenheim hierher zu ziehen, stand fest, nachdem die junge Familie mit den beiden Töchtern Anja (1950 geboren) und Nelia (1953) ein paar Sommer zum Zelten hier war.

Im Jahr 2013 ist Ehefrau Jutta im Alter von 84 Jahren gestorben. Ihr Tod nach 64 Ehejahren hat Meyer-Gasters ziemlich aus der Bahn geworfen. Mittlerweile hat sich der so überaus freundlich schauende Künstler mit den weißen Haaren und dem weißen Vollbart einigermaßen gefangen. Die Lust am Malen ist wieder da, das Funkeln in den Augen ebenso wie das verschmitzte Lächeln. Doch die Inspiration sei noch nicht so wie früher, sagt er. Aber sie kommt: Der Moschusochse auf der Staffelei in dem lichtdurchfluteten großen Atelier unterm Dach macht es deutlich. Es mutet so an, als habe ihm das mächtige Tier mit den großen, dunklen Augen Porträt gesessen. So wie immer bei Meyer-Gasters. Ob Mensch, Tier oder Pflanze: Es wird stets ein Porträt – wie’s außer ihm keiner kann. Das wusste auch Richard Kirn an ihm so zu schätzen. Als Meyer-Gasters den beliebten Lokaljournalisten 1978 porträtierte, dankte ihm Kirn überschwänglich: „Da ist Ihnen Bedeutendes gelungen. Sie haben den ,eigentlichen Kirn‘ präsentiert und gesehen, was nur ein begnadeter Künstler sehen und wiedergeben kann.“

Viele Jahre hatte Meyer-Gasters nicht nur sein

Atelier in Bockenheim

, im Hinterhaus Leipziger Straße 56, die Familie wohnte bis zum Umzug in den Vogelsberg auch hier. Der Weg ins Atelier war leicht zu finden: Vorn an der „Bockenheimer Zeil“ wies ein Plakat mit einem unvergleichlichen Nilpferd den Weg. 2012 haben der Meyer-Gasters-Bildverlag und die Galerie neue Räume in Wiesbaden-Erbenheim bezogen. Klaus Meyer-Gasters ist mächtig stolz auf Tochter Nelia und Enkelin Jana, die in der Landeshauptstadt das Familienunternehmen in Schwung halten. Er selbst zieht die Ruhe des Vogelsbergs der Großstadt vor („Ich brauche die Natur“). Heute aber wird er nicht umhin kommen, nach Wiesbaden zu fahren, denn dort steigt die große Geburtstagsfeier.

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