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Marcus Reinhardt pilgert auf Luthers Spuren durch Frankfurt

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Das Luther-Denkmal in Worms. Dass der Reformator die berühmten Worte wirklich sprach, ist nicht belegt.
Das Luther-Denkmal in Worms. Dass der Reformator die berühmten Worte wirklich sprach, ist nicht belegt. © Uwe Anspach (dpa)

Der Lutherweg erinnert an die Reise des Reformators zum Wormser Reichstag und zurück. Auf 400 Kilometern können sich Pilgerer mit Religion und Geschichte auseinandersetzten. Zehn Kilometer verlaufen quer durch Frankfurt. FNP-Mitarbeiter Marcus Reinhardt ist sie gelaufen – und geriet ins Sinnieren und Meditieren.

Einen besseren Ausgangspunkt für einen Pilger-Trip kann man sich nicht denken. Wer sich mit Geschichte und Glaubensfragen auseinandersetzen möchte, kommt im Lohrberg Park in die richtige Stimmung. Von hier oben gesehen liegt Frankfurt wie auf einem Seziertisch vor dem Wandersmann. Der Park erweckt dazu auch ohne Schlange und Apfelbaum Assoziationen an den Garten Eden, so gelungen hat ihn wohl ein Landschaftsgärtner entworfen. Die wenigen Bäume liefern Schatten und lassen Platz, um sich in der Sonne zu lümmeln. Die Parkbänke am akkurat geschnittenen Wegesrand sind auf die Skyline ausgerichtet. So fragt man sich bald, ob auch der Rest der Welt einem Schöpfer zu verdanken ist.

Wäre ich etwas früher auf den Lohrberg gekommen, genauer einen Monat und 496 Jahre früher, hätte ich das mit dem Reformator Martin Luther diskutieren können. Auf seinem etwa 600 Kilometer langen Weg von Wittenberg zum Wormser Reichstag ist er im April 1521 hier vorbeigekommen.

Immer dem „L“ nach

An diese historische Reise erinnert der „Lutherweg“. In 18 Etappen führt der Pilgerpfad, markiert mit einem grünen „L“, von der Wartburg bei Eisenach über Bad Hersfeld und Frankfurt bis Worms. Es verändere einen, so lange zu pilgern, sagt Bernd Rausch vom Verein „Lutherweg in Hessen“, der das Projekt initiierte. Nach zwei bis drei Tagen gehe es nur noch um die körperlichen Grundbedürfnisse wie Waschen, Essen und Schlafen. Da bekomme man den Kopf frei.

Mir ist die Pilgerei neu. Auf den zehn Kilometern, die durch Frankfurt führen, mache ich meine ersten Schritte zur religiösen Selbstfindung und steige auf dem schmalen Weg hinab nach Seckbach.

Zwischen den Fachwerkhäusern fühlt man sich in die Zeit zurückversetzt. Das „Dorf“ gab es auch schon, als Luther hier entlang kam. Wegen Schriften wie „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ war er schon aus der Kirche ausgeschlossen. Dass er die päpstliche Bannandrohung öffentlich verbrannte, spielte sicher auch eine Rolle. Auf dem Wormser Reichstag wurde über ihn auch die Reichsacht verhängt, weil er seine Lehren nicht widerrufen wollte – oder konnte. Jeder hätte den Reformator damit straffrei ermorden können. „Luther wusste nicht, ob er den Reichstag überleben wird. Der Mut, dennoch zu seinen Überzeugungen zu stehen, ist, was man von Luther lernen kann“, sagt Rausch.

Wie konnte sich Luther seiner Sache so sicher sein?, frage ich mich, während ich auf der Zeuläckerstraße unter der Stadtautobahn hindurch laufe und über mir die Autos wie wütende Götter donnern. Luthers Ideen verbreiteten sich in Windeseile. Als er nach Frankfurt kam, war er eine Berühmtheit. Das erzeugte sicher Erwartungsdruck. Im Bornheimer Stadtkern komme ich an Cafés und Geschäften vorbei. Ich stelle mir vor, wie die Menschen über die Thesen des Reformators streiten. Der Gedanke ist befremdlich. Viel diskutieren wir heute über das Zusammenleben verschiedener Religionen. Über glaubensinterne Fragen sprechen wenige. Das sollte sich ändern.

Zeit für die Gretchenfrage

Wie durch göttliche Fügung treffe ich im Günthersburgpark meinen Freund Ahmed. Ich stelle gleich die Gretchen-Frage: „Wie hast du’s mit der Religion?“ Ahmed ist Syrer und kennt den Islam besser als den christlichen Glauben. Mit Gott hält er es wie Faust. Er glaubt nicht daran. Er glaubt an die Naturwissenschaft, er braucht Belege. Er glaubt aber auch, dass nach dem Tod „die Energie“ erhalten bleibe. „Der Körper zerfällt, aber die Produkte seiner Arbeit bleiben.“ Kurz: Für Ahmed ist es eine Frage des Energieerhaltungssatzes. Luther habe sein Leben riskiert, sage ich, und dass er in Katharina von Bora verliebt gewesen sei. „Das Leben ist mehr als biochemische Reaktionen“, rufe ich. Er lacht, und wir diskutieren voller Genuss.

Erst auf dem Martin-Luther-Platz können wir uns auf etwas einigen; nämlich dass moderne Kirchenarchitektur ein ungewohnter Anblick ist. Die Lutherkirche wurde im Jahr 1990 um zwei Vorbauten mit gläsernen Fronten erweitert. Mit dem neogotischen Kirchturm in der Mitte spiegelt der Bau den Spagat zwischen Tradition und Erneuerung. Diese Verrenkung wird dem Christentum heute ebenso wie zu Luthers Zeiten abverlangt. Im Inneren diskutiert man auch über Luther. Ein kleines Mädchen von etwa sechs Jahren erklärt die Reformation zwei Freundinnen. „Wenn man etwas Böses gemacht hat, konnte man sich freikaufen. Dabei stimmt das gar nicht. Das hat Luther gesagt.“ Mit offenen Mündern zeigen die beiden anderen, dass sie gebannt zuhören, und mit gerunzelten Augenbrauen, dass sie nichts verstehen. Draußen verabschiedet sich Ahmed; und ich gehe allein in Richtung Innenstadt.

Auf der Zeil ringen Leuchtreklamen in einem Wettbewerb um meine Aufmerksamkeit, bei dem die St.-Katharinen-Kirche an der Hauptwache keinen Stich macht. Auch die Paulskirche ist für mich nur Sinnbild der Demokratie. Bisher übersah ich stets die religiösen Symbole, als verbreiteten sie ihre Botschaft in Ultraschallwellen, die wahrzunehmen mir das Sinnesorgan fehlt. Über die Buchgasse, wo Luther in Frankfurt genächtigt haben soll, komme ich zum Eisernen Steg. Hier macht man Fotos, auf denen Hochhäuser Kirchtürme dominieren.

Auf der Brücke begegnen mir Frauen mit Kopftuch. Einer älteren Frau baumelt ein kleines Kreuz vor der Brust. Religiöse Toleranz, die heute so wichtig ist, entstand in Europa durch die konfessionelle Spaltung der Kirche. Aufklärer wie Immanuel Kant oder Friedrich Nietzsche waren mit Luthers Lehren aufgewachsen. Ganz Europa ging einen Weg, den der Reformator vorbereitete. So bringt mich der Lutherweg am Ende meines Pilger-Trips nicht nur durch Sachsenhausen. Luthers Spur führt direkt ins Hier und Jetzt.

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