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Am Aufgang Richtung Steinweg fordern Sicherheitsleute der VGF Obdachlose auf, ihre Tüten und Taschen aus dem Weg zu schaffen.

Klagen von Nutzern und Geschäftsinhabern

So heruntergekommen ist die B-Ebene der Frankfurter Hauptwache

Leerstehende Flächen, Schmutzecken und herumlungernde Obdachlose – die B-Ebene der Hauptwache ist schon lange keine Vorzeigeadresse mehr in Frankfurt.

Frankfurt - Menschen hasten zu den S- und U-Bahnen, Rolltreppen hinauf oder Treppen hinunter. Der Obstverkäufer preist seine Waren zum Sonderpreis an, Kunden strömen in das Untergeschoss des Kaufhofs, andere holen sich Verpflegung in einer der Fast-Food-Ketten. Auf den Stufen, die ins Freie führen, lagern Obdachlose, ein Violinist spielt traurige Lieder. Für die meisten ist die B-Ebene der Hauptwache nur ein Durchgang auf dem Weg nach Hause oder zur Arbeit, bis zu 200 000 Menschen steigen hier täglich um. Andere zieht es zum Shoppen auf die Zeil. Aber es gibt einige, die hier etwas mehr Zeit verbringen. Seit fast 30 Jahren verkauft Ladenbesitzer Hudeyda Gültekin unter der Erde, zuerst in einem Zeitschriftengeschäft, nun im „Zigarren Rohn“. Es ist viel los in dem kleinen Raum, Zigaretten, Pfeifen und Zigarren füllen die Wände.

Gültekin ist verärgert über die Zustände in der B-Ebene. „Früher hat es einen Ansprechpartner gegeben, der kümmerte sich.“ Auch der Leerstand stört den Geschäftsinhaber. Das Café Point sei schon seit einem Jahr zu, sagt er und zeigt auf die Fläche gegenüber. Vor allem in diesem Bereich, wo sie in Richtung Roßmarkt hinausführt, wirkt die Passage trostlos und verlassen. Ein Schuhladen samt Reparaturservice und ein Kosmetiker bieten ihre Dienste an. Einige Scheiben sind mit Logos der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) verhängt.

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Die VGF verwaltet in der Hauptwache 29 Gewerbemietflächen in der A 1- und der B-Ebene. Vier davon stünden leer, sagt eine Sprecherin. In einen Teil der Räume der ehemaligen Kaufhalle zieht das Dialogmuseum ein; wann genau, könne man noch nicht sagen. Herbst 2019 steht auf der Homepage des Museums, das versucht, Sehenden die Welt von blinden und stark sehbehinderten Menschen zu vermitteln. Museumsleiterin Klara Kletzka war sehr froh, nach langem Zittern endlich eine Bleibe gefunden zu haben. Der 1400 Quadratmeter große Laden habe allerdings mehr als zehn Jahre leer gestanden, ist sich Gültekin sicher.

Weggeworfene Becher, eine leere Zigarettenschachtel und anderer Dreck liegen an einem Aufgang herum.

Der zuständige Ortsbeirat 1 fordert nun von der Stadt, die VGF dazu zu bewegen, leerstehende Ladenflächen endlich zu vermieten. „Damit der Stadt nicht jährlich Hunderttausende Euro verloren gehen“, heißt es in dem CDU-Antrag. Die VGF befinde sich für drei Flächen in konkreten Vertragsverhandlungen, beziehungsweise Vermarktungsgesprächen mit Interessenten, sagt die Sprecherin. Der Stadt selbst gehören nur wenige Ladenflächen, die Räume, in denen „Kentucky Fried Chicken“ Hühnchen verkauft, und die Räume des ehemaligen Kindermuseums. Hier wird das Techno-Museum Momem einziehen. Ob die Stadt auf die VGF einwirken kann, lässt sich schwer klären. Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) sagt nur so viel: Er kenne die Probleme. Es herrsche Konsens zwischen der Stadt und VGF. Mittelfristig strebe man an, das Ladenkonzept neu zu ordnen. Das habe vor der Sanierung keinen Sinn.

Hohe Mieten

Ärger hatte es mit dem Restaurant „Che Vegara“ gegeben: Der Betreiber beklagte Schikane der VGF, die Verkehrsgesellschaft wiederum warf ihm unter anderem vor, gegen Sicherheitsvorschriften zu verstoßen. Der Laden sei weiterhin vermietet, allerdings derzeit nicht in Betrieb, sagt die VGF. „Aktuell befinden wir uns in Abstimmung mit unserem Mieter über ein neues Nutzungskonzept.“

Vielleicht sollte die VGF mit der Miete runtergehen, dann finde sie mehr Interessenten, mutmaßt Gültekin. Seine eigene Miete sei auch nicht gerade billig, 3000 Euro zahle er für den 30 Quadratmeter kleinen Laden im Monat. Darüber hinaus müsste die B-Ebene dringend saniert werden; ein Teil der Decken sei erneuert worden, der andere nicht. Die VGF hatte einen Teil der B-Ebene 2015 aufgehübscht, neue Leuchtschilder und Schaukästen angebracht. Zuwenig, findet Gültekin. Tauben nisteten in den Zwischenräumen der Decke. Zudem störten organisierte Bettlerbanden, und dabei gehe es ihm nicht um den einen oder anderen Obdachlosen, betont er.

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Neben den leeren Läden befindet sich das Fundbüro der VGF, Dorothée Veron-Tartare hat nach einer verlorenen Sporttasche ihres Sohnes gefragt. „Ich finde es hier unten schrecklich“, sagt sie über die B-Ebene. Es gebe kein schönes Licht, und das Konzept sei nicht einheitlich, zu viele Farben. Sie mache einfach einen traurigen Eindruck, bleiben möchte man hier nicht. „Ich sehe das eher als Durchgang“, sagt eine junge Frau, sie kommt von der Arbeit und wartet auf eine Freundin. Manchmal hole sich in der Mittagspause etwas zu essen, „aber nur ,to go’“. Einige Meter weiter bietet „Cri Cri“ Einrichtungsgegenstände, Porzellan und Stoffe an. Inhaberin Ilse Kofler verkauft nun seit drei Jahren in dem Zwischengeschoss – unzufrieden mit den Bedingungen ist sie nicht. „Wir haben keine Probleme.“ Sie möge die großen Schaufenster und die Lage, in unmittelbarer Nähe befinden sich drei Rolltreppen.

Terror am Abend

Andere Ladenbesitzer äußern sich weniger glücklich über den Zustand der Passagen. Es herrsche Desinteresse, schimpft ein Inhaber. „Kommen Sie mal freitags- oder samstagabends, gerade vor McDonalds ist Terror.“ Dann hingen hier nur jugendliche Chaoten herum, und reagiert werde nur, wenn etwas passiere. Ein dauerhafter Wachschutz in der Zeit sei nötig. Die VGF weist darauf hin, dass in der Hauptwache rund um die Uhr ein bis zwei Dienstgruppen des „Sicherheit & Service“-Teams unterwegs seien. Bei Bedarf würden selbstverständlich weitere Kollegen angefordert.

Der Sprecher des Ordnungsamtes, Michael Jenisch, weiß über die Zustände in der B-Ebene Bescheid. „Es ist nicht immer leicht zu regeln, aber wir gucken drauf.“ Es gebe ja auch eine Polizeiwache dort. Die sei allerdings auch oben zuständig, bis zur Konstablerwache, ein großer Bereich. Wenn jemand aggressiv werde, andere belästige oder Gefahr für die öffentliche Sicherheit bestehe, griffen die Kollegen natürlich ein.

In einer Bäckerei holt sich Martin Beier ein Brötchen. Der Neu-Isenburger arbeitet in Frankfurt. „Ich finde es immer ziemlich schmutzig hier.“ Ähnliches sagen die meisten Passanten. Dass es viele Beschwerden gebe, verwundert eine Sprecherin der FES. Die Frankfurter Müllentsorger sind für die Sauberkeit in der B-Ebene zuständig. Schließlich seien drei Mitarbeiter unter der Woche von 5 bis 21.30 Uhr unterwegs, samstags bis 20 Uhr. Sie kehrten, leerten die Papierkörbe und wischten den Boden. Sonntags werde nur grob gereinigt.

Eine umfassende Sanierung wird noch eine Weile auf sich warten lassen. Zunächst müssen die Renovierungen an den Bahnsteigen abgeschlossen werden. Die Verkehrssicherheit habe Vorrang, sagt Mark Gellert vom Planungsdezernat. Erst dann werde man sich um die Umgestaltung der Hauptwache, ober- und überirdisch, kümmern. Dann könnte auch ein Gestaltungswettbewerb ausgerufen werden.

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Seit Jahren wird über einen Umbau der unterirdischen Einkaufs- und Gastronomie-Passage an der Hauptwache diskutiert. Doch passiert ist bislang nichts. Der frühere Planungsdezernent Martin Wentz hat nun ein neues Betreibermodell vorgeschlagen, das in München bereits zum Erfolg geführt hat.

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