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Maroder Musentempel: Rundgang durch die Opern-Katakomben

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Verbaut: die Fassade der Oper im Innenhof
Verbaut: die Fassade der Oper im Innenhof © Heike Lyding

In diesem Jahr fällt wohl die Entscheidung, ob die Städtischen Bühnen saniert oder abgerissen und neu gebaut werden. Wie ist der Zustand hinter den Kulissen? Und wie marode ist eigentlich „marode“? Ein Rundgang durch den Untergrund der Städtischen Bühnen.

Den Begriff „marode“ wird der geneigte Frankfurter Opernbesucher möglicherweise nicht ganz nachvollziehen können angesichts des prunkvollen Interieurs, das er stets zu Gesicht bekommt. Der Besucher hinter den Kulissen hingegen braucht nur wenige Meter, um dem Wort ein Bild zuordnen zu können. Wortlos deuten Anita Wilde und Daniel Delorette im siebengeschossigen Treppenhaus über sich zur Decke, um auf den deutlich abgeblätterten Putz hinzuweisen. „Das ist ein Beispiel, bei dem es materiell sichtbar wird“, sagt Wilde, seit über einem Jahr Verwaltungsdirektorin der Städtischen Bühnen.

Enge in den Umkleiden

Marode müssen sich auch die Orchestermusiker fühlen, wenn sie sich des Abends in dem Raum E22 für ihre großen Auftritte bei „La Bohème“ und anderen Werken umziehen. Die Umkleiden platzen aus allen Nähten. 31 Damenspinde zählen wir in dem schmalen Räumchen, rund 80 bis hundert Musiker spielen pro Abend – und die Herren haben’s nicht großzügiger.

Gegenüber in E18, der Einblas-Kabine, könnte man fast Platzangst bekommen. Die fehlenden Fenster verhindern jegliche Zufuhr von Tageslicht, was heute der Musikervorbereitung dient, war früher noch ein Lagerraum. „Man brauchte eine Räumlichkeit in Bühnennähe“, erklärt Daniel Delorette, der Leiter der Haus- und Betriebstechnik, der den Untergrund der Städtischen Bühnen wie seine Westentasche kennt. Der groß gewachsene Mann mit Pferdeschwanz muss sich bücken, um uns das sogenannte Kriechlager zu zeigen. Der Name ist Programm: Hier ist alles an Requisiten und Technik untergebracht, was nicht größer als 1 Meter 20 ist. „Das Haus platzt aus allen Nähten“, sagt Delorette, als er wieder gerade stehen kann und die Tür zum Kriechlager verschließt.

Was glamourös „Musikbibliothek I – VII“ genannt wird, sind schlichte Stahlschränke auf den Fluren. Stahl wird von der Feuerwehr geduldet – nicht mehr und nicht weniger. Bei einem möglichen Umbau allerdings müssten auch diese aus den Fluren weichen: Fluchtwege. „Und wenn wir schon umbauen, wollen wir alles vorschriftskonform einrichten“, ist Wilde wichtig. Für die Musikbibliothek gilt ebenso wie für die Einblas-Kabine und die Technik das Schlagwort „bühnennah“. „Die Sachen werden nahezu jeden Abend gebraucht; da bringt uns eine Lagerhalle zum Beispiel in Offenbach nichts“, weiß Delorette.

Viel improvisieren müssen die Mitarbeiter. Das Instrumentenlager für Trommelstöcke, Tam-Tam-Schlägel und China-Becken beispielsweise nutzen die Musiker auch als eine Art Aufenthaltsraum. Auch die Unterbühne, das Herzstück von Theater und Oper, wo Kunst und Technik am deutlichsten miteinander verbunden sind, dient teilweise als Lagerort. Anita Wilde deutet auf die unzähligen Kabelstränge, die für den ungeübten Betrachter labyrinthartig von oben nach unten und wieder zurück verlaufen. „Heutzutage würde man das gar nicht mehr so bauen. Aber wenn wir Kabel austauschen müssen, zieht das einen riesigen Rattenschwanz nach sich“, erklärt Wilde.

Drehende Bühnen, echte Malereien in Kinogröße, Nebel, das Spiel mit Licht und Schatten sind die Magie des Theaters, so dass sich der Zuschauer, wenn sich der Vorhang hebt, verzaubern lassen kann von den imposanten Effekten der Theatertechnik. Doch damit der Zauber wirkt und funktioniert, brauchen Musiker, Techniker und Künstler eine gute Infrastruktur. Vieles wie etwa die Schreinerei und der Malersaal wurde bereits saniert. Doch liegt auch noch jede Menge im Argen.

Im Sommer 2016 ist eine politische Diskussion darüber entfacht, ob man die zum Teil marode Theater-Doppelanlage mit Schauspiel und Oper am Willy-Brandt-Platz aufwendig sanieren oder abreißen und (womöglich gar an anderer Stelle) neu bauen sollte. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat die Stadt bereits über 90 Millionen Euro für die Sanierung ausgegeben. Größter Brocken war dabei die Sanierung der Werkstätten mit knapp 60 Millionen Euro.

Studie zur Sanierung läuft

Für das Team um den neuen Schauspiel-Intendanten Anselm Weber sei der Standort kein Diskussionsthema, so Verwaltungsdirektorin Anita Wilde. Die Priorität liege auf einer abschnittsweisen Teilsanierung, „da wir dann durchspielen könnten“, erklärte sie. Die Stadt hat kürzlich eine Vergleichsstudie in Auftrag gegeben, die Kosten und Nutzen einer Sanierung gegenüber eines Neubaus abwägt. Der Bestand wurde analysiert, hinter jede Wand und jedes Rohr geguckt, aber auch die Mitarbeiter befragt, welcher Bedarf da ist. „Damit haben wir jetzt eine Basis an Datenmaterial, die wir vorher nie hatten. Das ist die Grundlage, um vernünftige Pläne machen zu können“, so Wilde.

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