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So sehen Sieger aus (v.l.): Lena Gerard (Platz zwei), Josephine Hermann (Platz eins) und Paulina Heuss mit Model in Rosa (Platz drei).

Perlen, Pailletten, Pfauenfedern

Maßschneider-Azubis präsentieren ihre blau-rosa-goldene Sicht auf die wilden 1920er Jahre

Weiche fließende Stoffe und akkurate Schnitte von sexy bis mondän stellten die Jury des 21. Kreativwettbewerbs der Maßschneider-Innung Rhein-Main vor eine schwere Herausforderung. 61 Azubis begeisterten auch 600 Besucher auf dem Catwalk in der Saalbau Bornheim.

Die Anspannung ist weg. Und es sprudelt nur so heraus aus Josephine Hermann. „Das ist so geil“ jubelt die 22-Jährige von den Städtischen Bühnen Frankfurt unter ihrem goldenen Turban überglücklich. Sie ist im dritten Lehrjahr und hat den 21. Kreativwettbewerb der Maßschneider-Innung Rhein-Main gewonnen. „Als ich bei Platz acht nicht dabei war, dachte ich, es wird nichts“, sagt Hermann. Sie ist völlig überwältigt, kämpft mit den Tränen. „Ich werde so viel geherzt und gedrückt.“

Im November hat sie angefangen ihre Kreation zu nähen. „Bestimmt 100 Stunden lang. Vorher habe ich recherchiert, wollte etwas anderes machen als Stirnband und Fransen und habe den orientalischen Stil gewählt“, sagt die Auszubildende. Organza in blau voller filigraner Bordüren mit kurzen Pluderhosen und passendem Oberteil. Das erinnert an das Märchen 1001 Nacht.

Hinter den Kulissen geht es aber vor der Schau am Samstagabend im Bürgerhaus Bornheim ganz und gar nicht märchenhaft zu. Auf dem Fußboden der Garderobe sortiert eine junge Frau schwarze Fingernägel zum Aufkleben und flucht, weil sie wegrutschen. Eine andere zieht rosafarbenen Lippenstift nach, ein Mädchen, das von Kopf bis Fuß tätowiert ist, schlüpft in ein zartes Nichts aus glänzendem grauen Polyester-Satin. Wer sich fertig geschminkt hat, beißt in ein Stück Kuchen oder knabbert Karotten, legt wieder den Lippenstift auf.

Garderobenständer sind prall gefüllt mit kurzen, langen, fransigen, Pailletten-, Feder- oder Spitzen besetzten Kleidern, Hosen, Tops, Mänteln und Hüten. Ein bodenlanges glänzend-goldenes Kleid mit Spitze und Perlen wird am tiefen dreieckigen Rückenausschnitt eines Models mit goldenem Seidenband perfekt von einem jungen Mann gebunden. Abdo Ali ist 17 und im ersten Lehrjahr. Er ist Flüchtling aus Syrien und möchte eigentlich gar nicht, dass das erwähnt wird. „Es geht um Mode und Kreativität. Kleider zu machen ist wundervoll“, sagt der jüngste Teilnehmer.

61 Auszubildende hatten von September bis März Zeit, ihre eigenen Kreationen zu entwerfen und ein Outfit im Zeitgeist der 1920er Jahre zu nähen. Dazu konnten sie sich drei Meter Polysatin in gewünschter Farbe aussuchen und sollten dazu 50 Prozent sichtbares Eigenmaterial verwenden.

Rotes Licht, eine Bar und Live-Piano sorgen auf der Bühne für eine Stimmung aus Blütezeit, Verruchtheit, Aufbegehren und Emanzipation. Audrey Hepburns „Moon River“ aus dem Filmklassiker „Breakfast for Tiffany“ erklingt und Charleston-Kleider, Wasserausschnitte, Federboas, lange Zigarettenspitzen, tiefe Taillen, Schleifchen, Fransen und kunstvolle Bordüren werden von Azubildenden oder ihren Models auf dem Laufsteg vorgeführt. Von der Federspitze am goldenen Stirnband bis zum High Heel stimmt jedes Detail, Nähte sitzen, jede Paillette glitzert, jede Perle funkelt, Fransen swingen im Takt. Die Bandbreite ist fast unendlich. Vom bodenlangen grünen Kleid mit Schal und Hidschab über den leuchtend blauen Zweiteiler bis hin zum Fransenmini und langen Hosen aus goldenem Stoff und Perlenketten, die breite Stücke blanken Beines zeigen ist alles dabei.

Krönender Abschluss ist die Kürung. Obermeisterin Carola Bartsch und Geschäftsführer Roland Thießen lesen aufgeregt die Gewinner vor. Paulina Heuss (21) vom Betrieb Carola Bartsch aus Wiesbaden ist im ersten Lehrjahr. Ihr Traum in Rosa an Model Marie (19) landet auf Platz drei. „Ich bin überglücklich“, strahlt Paulina. „Alle 3000 Perlen und 2000 Stäbchen habe ich per Hand aufgenäht. Die Mühe mit dem zweiten schwarzen Kleid darüber als Zeichen der Emanzipation vom grauen Mäuschen zur Partyqueen hat sich mehr als gelohnt.“

Im dritten Lehrjahr ist Lena Gerard (23) vom Modeatelier Gabi Hennig. Sie springt auf vor Freude als ihr Name erwähnt wird. Ihre gewagte goldene Satin-Perlen-Haut-Hose und das Wassertop voller Pailletten landet auf Platz zwei. „Ich bin sprachlos. Seit Weihnachten habe ich eine Woche lang jeden Tag sechs Stunden an der Hose genäht – ich habe bestimmt 80 Stunden am Outfit gearbeitet und etwa

20 000 Perlen aufgestickt

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