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Er weiß, was uns im Innersten zusammenhält: Professor Dr. Matthias Schwarzbach.

Der Rote Faden, Folge 262

Dr. Matthias Schwarzbach - Der Menschenkenner

Manch hoffnungslosen Krebspatienten hat er zu neuem Leben erweckt ? auch, weil er alle Organe erforscht und sich nicht nur spezialisiert hat. Die Klink Höchst genießt auch dank seines Herzbluts hohes Renommee. Professor Dr. Matthias Schwarzbach widmen wir Folge 262 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Hochgewachsen, gleichwohl kümmerlich steht er da im fahlen Licht eines trüben Frühlingsnachmittags. Ein Schluck Wasser täte ihm gut. Aber der, dessen Büro dieser darbende Drachenbaum ziert, hat keine Zeit für Pflanzenpflege. Die meisten Stunden des Tages steht er nämlich im Operationssaal, anstatt hier am Schreibtisch zu sitzen. Es ist das Büro eines Vielbeschäftigten: In den Regalen stapeln sich Bücher und Fachzeitschriften. Aquarelle an den Wänden nehmen dem Raum die Strenge, Familienfotos geben ihm einen Hauch von persönlicher Atmosphäre. Klinikum Höchst, erstes Obergeschoss, Büro von Professor Dr. Matthias Schwarzbach.

Seit 2010 ist der gebürtige Erlangener Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie in Höchst. Als er die Abteilung seinerzeit übernommen habe, sei sie „ein Trümmerhaufen“ gewesen , sagt Schwarzbach. Heute kann er mit Zertifikaten für seine Klinik die Wände tapezieren: Zertifiziertes Darmkrebszentrum, zertifiziertes Pankreaskarzinom-Zentrum, Kompetenzzentrum Chirurgische Erkrankungen der Leber und so weiter und so fort.

Um Dekoration geht es dem leidenschaftlichen Chirurgen nicht. Es geht ihm um Leistung, um professionelle Entwicklung und Vernetzung zu diesem einen Zweck: dem Kampf gegen Krebs. Den führt Matthias Schwarzbach mit dem vollen Einsatz seiner breiten chirurgischen Ausbildung, dem Einsatz aufwendiger Spezialtherapien und vor allem mit offenkundig nie erlahmender ärztlicher Hartnäckigkeit und Leidenschaft. Die Zertifizierung als Onkologisches Zentrum ist das jüngste Zeugnis der chirurgischen Qualität.

Längst ist die Abteilung von Professor Matthias Schwarzbach, ist das Klinikum Höchst zur Adresse der Hoffnung für Schwerkranke geworden: Weil der Chefchirurg auch solche Patienten operiert, die anderswo als inoperabel gelten. Weil er beachtliche und beachtete Erfolge selbst bei den übelsten, weil als schwer therapierbar geltenden Krebsarten erzielt, zum Beispiel dem Sarkom. „Für an Weichteilsarkom erkrankte Erwachsene gab es in Hessen überhaupt kein Therapieangebot“, erinnert sich Schwarzbach. „Diese Versorgungslücke haben wir inzwischen geschlossen.“

Was sich ziemlich nüchtern anhört, auch weil der Professor einen eher leisen Tonfall und eine sachliche Sprache pflegt, war ein strategisches Meisterstück und ein medizinisches sowieso. Das Klinikum Höchst darf sich inzwischen „Sarkomzentrum“ nennen.

Rund 500 Sarkom-Operationen hat Schwarzbach mit seinem Team inzwischen durchgeführt, was eine beträchtliche Zahl ist angesichts der Seltenheit dieser Tumorart. Die Zahl der Neuerkrankungen wird auf etwa 1000 Fälle pro Jahr bundesweit geschätzt.

Es hatte sich unter Betroffenen rasch herumgesprochen, dass der operative Standard in Höchst beachtlich ist. So radikal wie nötig, so schonend wie möglich –so könnte man die Operationsstrategie auf die Formel einer einfachen Faustregel bringen. „Wir haben extrem gute klinische Ergebnisse“, sagt Matthias Schwarzbach. Auch das klingt sachlich und nicht die Spur dünkelhaft.

Man spürt schnell im Gespräch mit ihm: Seine Berufung sieht er nicht nur in der Chirurgie an sich, sondern vor allem im Kampf gegen bösartige Tumore. Da, wo andere resignieren, wo es keine Hoffnung für Todkranke mehr zu geben scheint, gibt er noch längst nicht auf. Die beste Lösung für den Patienten zu finden, die diesem Lebensqualität und im Idealfall Gesundheit zurückgibt, das ist der Ansporn für den 51-jährigen Arzt. Und manchmal wird es noch existenzieller. Dann geht es darum, überhaupt eine Lösung zu finden, um ein Menschenleben zu retten.

Selbst wenn ein bösartiger Tumor in Arm oder Bein schon so groß ist, dass eine vollständige operative Entfernung unmöglich erscheint und sich nur noch eine Amputation im Kampf gegen den Krebs aufdrängt, gibt es für Schwarzbach noch eine andere Option: ILP. Diese drei Buchstaben sind das Kürzel für eine besondere Therapie, die Isolierte Extremitätenperfusion. „Eine erst seit 2001 etablierte, sehr komplexe Therapieform, die wir hier in Höchst mit extrem guten klinischen Ergebnissen praktizieren“, sagt Matthias Schwarzbach. „Dafür kommen Patienten oft von sehr weit her zu uns.“

Das Klinikum Höchst ist eines von bundesweit vier ILP-Zentren. Dass es in Deutschland so wenige Zentren sind, die diese Therapie durchführen können, hat seinen Grund auch in den Voraussetzungen. „Man braucht eine Herz-Lungen-Maschine, einen speziell geschulten Kardiotechniker und natürlich operative Expertise und Erfahrung“, so Schwarzbach.

Sehr vereinfacht dargestellt, wird bei der ILP das vom zentralen Kreislauf des Patienten getrennte und über die Herz-Lungen-Maschine zirkulierende Blut eines von Krebs befallenen Armes oder Beines angereichert mit hoch dosierten Chemotherapeutika, die in dieser Konzentration für den Gesamtorganismus unverträglich wären. Etwa 90 Minuten lang pumpt die Herz-Lungen-Maschine das Chemokonzentrat mit dem Blut durch Arm oder Bein und durchflutet so den bösartigen Tumor. Nicht selten wird die Wirksamkeit des „extrem toxischen Stoffs“, wie Schwarzbach erläutert, noch erhöht, indem das Blut während des Kreislaufs in der Herz-Lungen-Maschine um einige Grad über Körpertemperatur erwärmt wird. „Weil viele Tumore sehr empfindlich gegenüber Wärme sind“, erklärt der Professor. Rund 80 Mal hat er die ILP in Höchst angewendet. Die klinischen Resultate bezeichnet er als „durchschlagend gut“.

Ein Hüne, das ist ein übermenschlich großes und starkes Wesen. Unbesiegbar, eigentlich. Es ist kein Zufall, dass Matthias Schwarzbach, der nicht zu sensationsheischender Sprache neigt, von „Hünenherausforderung“ spricht, wenn er von der Bekämpfung der bösartigen Krebse spricht: dem Dickdarm- und dem Mastdarmkarzinom, dem Bauchspeicheldrüsen- und dem Leberkrebs und schließlich den zahlreichen Formen des seltenen, bereits erwähnten Sarkoms. Schwarzbachs stärkste Waffe gegen den hünenhaften Krebs ist sein unbeugsamer Willen, dem „Feind“ nicht nur mit dem Skalpell entgegenzutreten, sondern auch dann, wenn dieser schon die gefürchteten Metastasen in den Organismus des Patienten gestreut hat, nach einer individuellen und optimalen Therapieoption zu suchen. „Dafür haben wir unser Haus vernetzt mit dem Markus-Krankenhaus, das eine hervorragende Strahlentherapie anbietet“, sagt Schwarzbach. Überinstitutionelle Vernetzung sei das und habe Modellcharakter.

Nicht allein mit Stahl, sprich dem Skalpell, rückt Schwarzbach Tumoren zu Leibe, sondern auch mit Strahl: Mit dem Laser. „Er ermöglicht uns besonders gewebeschonende Operationen“, erklärt Matthias Schwarzbach. „Mit dem Laser können wir Metastasen etwa von Darmkrebs oder Nierenzellkrebs aus Lunge und Leber herausschneiden, ohne größere Teile dieser Organe opfern zu müssen.“ Weiterer Vorteil: Der Laser schneidet nicht nur, sondern versiegelt das Gewebe direkt wieder. Schwarzbach: „Oft wird eine Operation durch die neue Technik überhaupt erst möglich.“

Bereits in Mannheim, wo er, bevor er nach Höchst kam, als geschäftsführender Oberarzt an der Uniklinik tätig war, hatte er umfangreiche Erfahrungen in der Chirurgie mittels Laser gewonnen. Die Anschaffung eines neuen Lasers war mit der Berufung Schwarzbachs für das Klinikum Höchst quasi folgerichtig. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Schwarzbach mit seinem Können und seinem Anspruch dem Haus, das inzwischen auch als Schwerpunkt für Thorax-Chirurgie gilt, ein bemerkenswertes Profil in seinem Fachbereich gegeben hat. Modernste thoraxchirurgische Techniken wie die Entfernung des Lungenlappens in Schlüssellochtechnik und die videoassistierte Ausräumung der Mittelfell-Lymphknoten hat er in Höchst etabliert.

Hört sich vielleicht alles erst einmal vor allem sehr technisch und für den Laien nicht sonderlich spektakulär an. Schwarzbach bringt es indessen zum Schwärmen: „Mit dem neuen Operationslaser steht uns Spitzentechnologie zur Verfügung. In der operativen Entfernung von Lungenkrebs und Lungenmetastasen waren wir die erste Klinik in Frankfurt, die den Laser eingesetzt hat.“ Selbstverständlich ist das Einsatzgebiet des scharfen Strahls nicht auf Leber und Lunge begrenzt, sondern die Technik ist auch für Tumoren in anderen Organen einsetzbar.

Matthias Schwarzbach kennt sich bei geradezu allen inneren Organen des Menschen nahezu gleich gut aus. Damit ist er der Gegenentwurf zu Kollegen, die sich mitunter auf nur ein Organ spezialisiert haben. „Tumore, die metastasieren, halten sich nicht an Organgrenzen. Da können Weichteile, Gefäße und Knochen gleichzeitig und gleichermaßen betroffen sein“, sagt er. Da ist es schon von Vorteil, wenn der Chirurg über den Organrand hinaus zu schauen und zu handeln vermag.

Wie sehr, veranschaulicht Schwarzbach mit einem Beispiel: „Wir hatten hier einen 47-jährigen Patienten, verheiratet, ein Kind von elf Jahren. Der Mann war sportlich, kein Gramm Fett zu viel, immer gesund – und plötzlich wurde er gelb. Er geht zum Arzt, der untersucht ihn und kommt zum Ergebnis: Der Patient hat einen Lebertumor, der weit fortgeschritten ist und bereits die Gallengänge abschnürt. Deshalb staut sich die Galle in seiner Leber. Metastasen gibt es keine, der Internist rät zur Operation. Der Mann kommt zu uns, wir eröffnen den Bauchraum und erwarten zunächst eine ganz normale Entnahme. Nach wenigen Operationsschritten stellen wir jedoch fest, dass der Tumor bereits die gesamte Hohlvene bis zum linken Vorhof des Herzens erfasst hat. Mein Oberarzt, als er das sah, sagte: Der Mann ist inoperabel.“

Kunstpause. Man ahnt, wie dramatisch die Situation damals im OP gewesen sein muss. Von Erschütterung erfasst zu werden ist nicht nur etwas für Laien. Das geschieht auch Ärzten. „Die Gefahr, dass uns der Patient während oder unmittelbar nach der Operation sterben würde, war hoch“, berichtet der Professor weiter. „Andererseits war der Mann relativ jung. Ohne OP hatte er eine Prognose von sechs Monaten und hätte eine Frau und ein elfjähriges Kind zurückgelassen. In einem solchen Fall muss man alles auf eine Karte setzen und operieren.“

Man sieht es bildlich vor sich: Der Patient, narkotisiert, mit geöffnetem Bauchraum, die Ärzte bestürzt angesichts dessen, was sie vorgefunden haben, der Chefarzt, der beherzt entscheidet: Wir operieren, wir nehmen den Kampf auch mit diesem weit fortgeschrittenen Krebs und den Metastasen auf. Was dann folgt, ist ein medizinisches Husarenstück, wie es für Matthias Schwarzbach typisch ist. Um es zu verstehen, erklärt er kurz Zuständigkeiten und Zuweisungen: „Die Hohlvene ist eine Domäne des Gefäßchirurgen, während die verschiedenen Eingriffe an der Leber einerseits in den Bereich des Viszeralchirurgen, andererseits in den des Transplantationschirurgen fallen. Man bräuchte also die Expertise all dieser Kollegen. Einerseits. Andererseits kann man aber eine solche OP erfolgreich und mit klarem Duktus nur aus einer Hand durchführen.“

Schwarzbach hat operiert, ohne das oben beschriebene mehrköpfige Experten-Team. Weil er es kann. Weil er sich in jedem inneren Organ und in den menschlichen Gefäßen gleich gut auskennt. Weil er eben kein extrem spezialisierter Chirurg ist, sondern ein Generalist im besten Sinne. Und ein Zauderer ist er erst recht nicht. Er hat also operiert, zehn Stunden lang. An den Verlauf des Eingriffs erinnert er sich detailgenau bis heute „Ich habe den größten Teil der Leber und die Hohlvene mit allen Mündungswegen der Leber in einem Block herausgeschnitten, die Hohlvene durch eine Kunststoff-Prothese ersetzt und die Gallengänge mit dem Darm verbunden. Wenn das nicht gut gemacht wird, dann fällt die sehr kleine Restleber aus, und der Patient stirbt.“

Es war wohl gut gemacht. Der Patient ist, wie Schwarzbach berichtet, einige Wochen nach dem Eingriff gesund nach Hause gegangen. Mit einem tadellosen pathologischen Befund: Der Patient hatte nach der Operation keinen Resttumor mehr im Körper. Schwarzbach will nicht den Hauch des Eindrucks entstehen lassen, sich mit chirurgischen Großtaten hervortun zu wollen.

„Was ich aber mit dieser Geschichte eigentlich sagen will: Es ist nützlich, wenn ein Chirurg ein möglichst breites Kenntnisfeld hat. Ich habe neben der Viszeralchirurgie über viele Jahre sowohl Gefäß-, als auch Lungen- und Transplantations-Chirurgie gemacht. Ohne meine breite Ausbildung hätte ich diesen schwerstkranken Patienten als inoperabel nach Hause schicken müssen. Um das zu verhindern, brauchen wir Kompetenzzentren, die sich auf besonders komplexe Fälle spezialisieren. Ein solches Zentrum haben wir hier am Klinikum Frankfurt Höchst in den zurückliegenden Jahren aufgebaut.“

Vor knapp vier Jahren hat Matthias Schwarzbach kurz die Seiten gewechselt. Unfreiwillig. Tagein, tagaus für viele Stunden am Operationstisch zu stehen, nicht selten in gebückter Haltung, hatte bei dem hochgewachsenen, schlanken Mediziner schwere Schäden an der Wirbelsäule hinterlassen. Aus dem Professor, der im Operationssaal das Sagen hat, wurde der Patient Schwarzbach, der mit einem Bandscheibenvorfall auf den Operationstisch kam. „Eine wichtige und gute Erfahrung“, wie er anmerkt. Sich für die Operation vertrauensvoll buchstäblich in die Hand von Kollegen zu begeben im Wissen um deren Kompetenz, sei das eine gewesen. Ein weiterer Aspekt: „Als Patient erlebt man Abläufe in einer Klinik völlig anders als das Personal.“ Diese besondere Erfahrung hat Konsequenzen. „Ich gebe mir noch mehr Mühe, meinen Patienten alles möglichst genau zu erklären und ihren Ängsten Raum zu lassen“, sagt Matthias Schwarzbach. Ans Leben retten geht es anschließend.

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