Zahl unerkannter Tötungen senken

Mehr Obduktionen gefordert

Der Chef des Frankfurter Instituts für Rechtsmedizin hat sich für mehr Obduktionen ausgesprochen, um die Zahl unerkannter Tötungsdelikte zu senken. Beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) rennt er damit offene Türen ein.

Den perfekten Mord gibt es für Marcel Verhoff nicht: „Jeden Mord können wir nachweisen, wenn man die Gerichtsmedizin lässt“, sagt der Chef des Frankfurter Instituts für Rechtsmedizin. Das Problem sei aber, dass heute in Deutschland nur noch ein bis zwei Prozent aller Leichen obduziert würden. „Das ist aus meiner Sicht viel zu wenig“, sagt der 45-Jährige. Gerade bei Verstorbenen in Kliniken gebe es, oft aus Kostengründen, keine Sektionen mehr. „In der Klinik sitzt man dem Irrglauben auf, unsere Medizin sei heute so gut, dass wir alles wissen“, kritisiert Verhoff. Bei vielen Obduktionen gebe es aber Befunde, mit denen Ärzte nicht rechneten. Damit spielt Verhoff nicht zuletzt auf unerkannte Tötungsdelikte an.

Beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Hessen rennt Marcel Verhoff mit solchen Äußerungen offene Türen ein: Die Interessenvertretung der Kripo warnte schon vor drei Jahren, dass bundesweit wohl mehr als 1000 Tötungsdelikte unerkannt bleiben. Der BDK führte aus, dass nach den Bestimmungen des Hessischen Friedhofs- und Bestattungsgesetzes jeder niedergelassene Arzt berechtigt und verpflichtet ist, einen Leichenschauschein auszustellen. Bei der ärztlichen Leichenschau bescheinigt der Mediziner, ob es sich jeweils um eine natürliche, ungeklärte oder nicht-natürliche Todesart handelt. Erst wenn er „ungeklärt“ oder „nicht-natürlich“ ankreuzt, kommt die Kriminalpolizei ins Spiel. Problem aus Sicht des BDK: Viele Ärzte bekommen äußerst selten eine Leiche zu Gesicht und können Hinweise auf ein Tötungsdelikt somit leicht übersehen.

Die derzeitige Situation in Frankfurt bezeichnet Dirk Peglow vom BDK-Landesvorstand Hessen als „ideal“: Während bis Ende 2015 der ärztliche Bereitschaftsdienst der Stadt die Leichenschauen durchgeführt habe, ist seit Beginn 2016 vertraglich das Institut für Rechtsmedizin mit Verhoff und seinen Kollegen zuständig. Damit ist laut BDK gewährleistet, dass nicht mehr jeder niedergelassene Arzt, sondern Rechtsmediziner die Untersuchungen vornehmen. „So wünschen sich Kriminalisten die Bearbeitung von Todesermittlungsverfahren“, sagt Peglow. Jede Abkehr vom aktuellen System berge die Gefahr unerkannter Tötungsdelikte.

Aus BDK-Sicht ist in Frankfurt nunmehr „eine Verfahrensweise zum Standard geworden, die richtungsweisend für den Umgang mit Todesermittlungen sein sollte“. Vor dem Hintergrund einer zu vermutenden Vielzahl unerkannter Tötungsdelikte fordere der BDK seit Jahren eine Professionalisierung der Todesermittlungsverfahren. Die gesetzlich zulässige Vornahme einer Leichenschau durch einen Allgemeinmediziner, dessen forensisches Wissen oft aus Studienzeiten herrühre, könne nicht die Antwort auf die vermutete Vielzahl unerkannter Tötungsdelikte sein. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Frankfurt werden laut BDK jährlich etwa 700 bis 1 000 Sterbefälle als „ungeklärte“ oder „nicht-natürliche Todesart“ klassifiziert und Todesermittlungsverfahren eingeleitet. In 31 Fällen wurden im Jahr 2015 Straftaten gegen das Leben bearbeitet.

(chc,lhe)

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