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Mehr Präsenz im Bahnhofsviertel

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Von: Thomas J. Schmidt

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Vielleicht die größte Razzia: Polizisten haben schon im Sommer die Taunusstraße abgesperrt. Eine Vielzahl von Passanten wurden auf der Straße und in den Bordellen kontrolliert.
Vielleicht die größte Razzia: Polizisten haben schon im Sommer die Taunusstraße abgesperrt. Eine Vielzahl von Passanten wurden auf der Straße und in den Bordellen kontrolliert. © Bernd Kammerer

Polizei hat ihren Personaleinsatz erhöht und hofft nun auf die Hilfe der Stadt.

Frankfurt -Angesichts der hohen Beschwerdelage im Bahnhofsviertel hat die Polizei ihre Maßnahmen verstärkt und nun nach sechs Wochen eine erste Bilanz vorgelegt. Alleine durch die zusätzlichen Maßnahmen leitete die Polizei 418 Strafanzeigen und 86 Ordnungswidrigkeiten ein, nahm 78 Personen vorläufig fest und vollstreckte 42 Haftbefehle.

268 Strafanzeigen entfallen auf Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz - davon 235 Fälle auf den Besitz und Erwerb von Betäubungsmitteln sowie 33 Strafanzeigen auf den illegalen Handel, teilte die Polizei gestern mit. 14 Strafanzeigen wegen Raubdelikten, vier Strafanzeigen aufgrund des Verdachts des Taschen- und Trickdiebstahls sowie 18 Körperverletzungsdelikte sind weitere Ergebnisse.

70 Gramm Crack, genug für bis zu 7000 Dosen, hat die Polizei bei Dealern und Abhängigen sichergestellt. Hinzu kamen 60 Gramm Kokain, 90 Gramm Heroin, 700 Gramm Hasch und 2,5 Kilogramm Marihuana, so ein Polizeisprecher ergänzend. „Alleine durch diese Sondermaßnahme“, betonte er, also sichergestellt außerhalb der sonstigen Maßnahmen.

„Die Frankfurter Polizei wird weiterhin konsequent, zielgerichtet und mit Nachdruck gegen Straftäter im Frankfurt Bahnhofsgebiet vorgehen und so den berechtigten Sorgen der Anwohner und ansässigen Gewerbetreibenden Rechnung tragen“, so Polizeipräsident Stefan Müller. Falls nötig, werden die Maßnahmen weiter verstärkt. Bei den zusätzlichen Einsätzen dieser Initiative handelt es sich um gezielte Schwerpunktkontrollen, Fußstreifen, Standposten an neuralgischen Punkten, Platzverweise und einzelne Personenkontrollen.

Die Polizei ist aber auch der Ansicht, dass die Stadt im Bahnhofsviertel etwas mehr tun müsste. Zwar beeilte sich Sicherheitsdezernentin Annette Rinn (FDP) am Mittwoch zu versichern, dass auch die Stadtpolizei ihre Präsenz „trotz extrem knapper Personalressourcen insgesamt deutlich erhöht“ habe, doch zusätzliche Ordnungskräfte helfen ja nicht allen Menschen im Bahnhofsgebiet. Bei einem Ortstermin am Dienstagabend lungern vor der Moselstraße 47 rund zwei Dutzend Menschen herum. Sie warten auf die Öffnung des Nachtcafés, um sich dort auszuruhen. Die Hilfeeinrichtung des Frankfurter Vereins hatte während der Pandemie auch tagsüber geöffnet. Anfang Juli hat die Stadt als Träger des Frankfurter Vereins das erweiterte Angebot wieder zurückgefahren. Aus Kostengründen. Die Polizei wünscht sich, dass das Angebot wieder ausgeweitet wird. „Wenn hier jetzt 50 Menschen von der Straße wären, sähe es schon ganz anders aus“, so ein Polizeisprecher. An Christine Heinrichs, als Bereichsleiterin zuständig für das Nachtcafé, soll es nicht liegen. Sie hält eine Erweiterung der Öffnungszeiten für „fachlich geboten“, denn: „Ein großes Aufenthaltsangebot im Bahnhofsviertel gibt es ja nicht.“ Für die Finanzierung eines erweiterten Angebots sei aber nun mal die Stadt und das Drogenreferat zuständig. Derzeit sei das Nachtcafé „personell auf Kante genäht“. Vier Mitarbeiter pro Schicht müssen den Ansturm von bis zu 150 Personen bewältigen. Von Menschen, die teilweise orientierungslos und nicht ansprechbar seien. Menschen, die durch tagelangen Crack-Konsum teilweise ihren Tag-Nacht-Rhythmus verloren haben.

Die Wünsche der Polizei haben sich auch schon bis ins zuständige Gesundheitsdezernat herumgesprochen. „Wir sind da ganz viel am Arbeiten, um die Situation auf der Straße zu entlasten“, verspricht Referentin Kirsten Gerstner. Bei kurzfristigen Maßnahmen spiele das Nachtcafé eine wichtige Rolle. „Es geht aber auch um weiterführende Hilfe“, betont Gerstner. Es reiche nicht aus, den drogenkranken Menschen nur einen Aufenthaltsraum zu bieten. Die große Frage sei, wie die Menschen bewegt werden könnten. „Wir haben ja Hilfe da, aber sie wird nicht angenommen“, so Gerstner. Zusätzliche Lösungsvorschläge erhofft sich die Stadt auch von dem kürzlich abgehaltenen Crack-Gipfel. Derzeit sei eine Expertengruppe dabei, Handlungsempfehlungen weiterzuentwickeln.

Im Frühjahr kommen neue Konsumenten

Die Landespolizei warnt zudem davor, dass sich die ohnehin schwierigen Lebensumstände von rund 120 Schwerstabhängigen, die sich Tag und Nacht in wenigen Straßen des Gebiets aufhalten, in den Wintermonaten nicht verbessern werden. Zudem ist damit zu rechnen, dass das Bahnhofsgebiet ab dem Frühjahr erneut zusätzliche Konsumenten anziehen wird und die Anzahl der Schwerstabhängigen im öffentlichen Raum somit wieder deutlich ansteigt.“

Die Gewerbetreibenden im Bahnhofsviertel sind von der Offensive der Polizei noch nicht überzeugt: „Hier ändert sich nichts“, sagte ein Restaurantbesitzer. „Im Sommer ist mehr los, im Winter weniger, am Wochenende und in den Abendstunden mehr, ansonsten weniger.“ Die kleinen Junkies aufzureiben bringe nichts.

Das fürchtet auch Ulrich Mattner, Vorsitzender des Gewerbevereins Bahnhofsviertel. „Bis jetzt sehe ich keine Ergebnisse auf der Straße“, sagte er. „Es geht wieder auf die armen Schweine ganz unten. Was machen die Junkies, wenn sie ihren Stoff weggenommen bekommen? Gehen klauen, um Geld für neuen Stoff zu bekommen.“ Diese Politik werde seit 20, 30 Jahren betrieben, Resultate seien ausgeblieben.

Die Polizei hingegen setzt seit Mitte September auf die starke Sichtbarkeit der Polizei, die Bekämpfung von Straßen-, Gewalt- und Betäubungsmittelkriminalität, sie hat den Crack-Konsum in der Öffentlichkeit ebenso bekämpft wie das Lagern auf den Straßen des Viertels. Damit reagiert die Polizei eben auch auf Forderungen nach stärkerer Präsenz, die während der Pandemie aufgekommen waren.

thomas j. schmidt/Oliver Teutsch

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