Graphic Recorder

„Mehr als nur schöne bunte Bilder“

Für viele Menschen sind Bilder die beste Gedächtnisstütze. Aus dieser Tatsache hat sich das „Graphic Recording“ entwickelt, eine Form, Veranstaltungen mit möglichst wenig Text und stattdessen optischen Zusammenhängen zu protokollieren. Auch in Frankfurt wird dieser Service angeboten.

Von Sandra Kathe und Simon Werner

Mit schnellen Strichen entsteht auf der Leinwand vor Stefan Müller eine Rakete. Im Hintergrund läuft ein Podcast zum Thema „Forschen in der Schwerelosigkeit“, ein Portrait über Weltraumforschungsprojekte, das sich Müller und seine Kollegen von „Thinkpen“ an diesem Tag zum gemeinsamen Training vorgenommen haben. Die drei arbeiten im Team als „Graphic Recorder“ und protokollieren für ihre Kunden Workshops, Vorträge und Debatten mit – in Bildern.

„Wir merken uns 10 Prozent von dem, was wir hören, aber 80 Prozent von dem, was wir sehen“, ist das Motto von „Thinkpen“. Seit zehn Jahren arbeiten die gelernten Grafiker Stefan Müller, Florence Dailleux und Sabine Kranz bereits zusammen und bieten Unternehmen ihren Service des visuellen Protokollführens an. Mit steigendem Erfolg, denn auch die Unternehmen haben inzwischen begriffen, dass es dabei um mehr geht, als einfach nur um bunte Bilder.

„Wir verbinden mit unseren Grafiken, die live während der Veranstaltung beim Kunden entstehen Inhalt, Erlebnis und Emotion, was den Teilnehmern hilft, das Gesagte besser zu verarbeiten“, erklärt Dailleux, die bereits vor Jahren in den USA auf die Technik „Graphic Recording“ gestoßen ist. „Das hat den Vorteil, dass beim Zuhörer beide Gehirnhälften simultan angesprochen werden und der Groschen oft viel schneller fällt“.

Auch die Höchsterin Anna Sulimma hat das Mitzeichnen von Workshops und Konferenzen zu ihrem Beruf gemacht. „Meine Zeichnungen, die meist auf großen Leinwänden entstehen, geben den Betrachtern einen Gesamtüberblick über das Projekt und visualisieren die einzelnen Schritte des Gesprächs“, erklärt sie. Was dann nicht passt, fällt oft viel schneller auf, als wenn in großen Worten darum herum geredet wird.

Auf „Graphic Recording“ kam die gebürtige Frankfurterin durch Zufall. Bei einem komplizierten Projekt während ihres Studiums in Arnheim in den Niederlanden begann sie intuitiv mitzuzeichnen und erkannte den Mehrwert der Technik. Dass sie nicht die Erste war, die auf diesen Gedanken gekommen war, merkte sie erst später, ließ sich aber dadurch von ihrem Weg nicht abbringen. Seit 2009 arbeitet Anna Sulimma, die eigentlich Modedesign studiert hat, nun als Graphic Recorderin. Im Juni 2014 eröffnete die inzwischen 29-Jährige ihr Büro in Eschborn.

Die Protokoll-Bilder entstehen sowohl altmodisch mit Stift und Papier als auch digital auf einem Tablet-PC und werden dann live über Beamer an die Wand geworfen. Den besseren Effekt erzielt laut Sulimma aber die Arbeit auf der Leinwand. „Wenn mehrere Quadratmeter weißes Papier plötzlich mit Leben gefüllt werden und die Zusammenhänge entstehen – das verblüfft das Publikum immer am meisten“, erzählt sie.

Das beobachten auch die Grafiker von „Thinkpen“ immer wieder zumal das Zeichnen vor Publikum auch immer wieder zu einer ganz besonderen Aufgabe wird. „Nicht jeder Zeichner ist der geborene Graphic Recorder“, erklärt Stefan Müller. Denn 600 Leute im Nacken seien auch für ihn zunächst gewöhnungsbedürftig gewesen.

„Wer einen ganzen Tag Graphic Recording hinter sich hat, will danach dann aber auch erstmal wieder seine Ruhe“ erklärt Sabine Kranz von „Thinkpen“. Jeden Tag Worte in Bilder zu verwandeln, wäre auch für die Profis zu anstrengend. Die spontane Planung eines Bildes verlangt vom Zeichner 200 Prozent Konzentration. Das Schlimmste wäre, wenn einem mittendrin der Platz ausgeht“, sind sich auch ihre Kollegen einig.

Aktuell steige der Bedarf an Graphic Recordern nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern an, wissen auch die Frankfurter. Internationale Agenturen bieten ihren Kunden inzwischen auch schon mehrsprachige Lösungen an. „Denn ganz ohne Text kommt Graphic Recording in vielen Fällen nicht aus“, erklärt Sulimma. Sie selbst will erst einmal deutschlandweit vorankommen, bevor sie sich aufs Ausland konzentriert. Einige Veranstaltungen in Tschechien oder Schweden hat sie zwar schon unterstützt „doch das sind Einzelfälle“ erzählt sie.

Ob „Graphic Recording“ nur ein Trend bleibt oder in ein paar Jahren grade für große Firmen ein elementarer Bestandteil bei Konferenzen sein wird, bleibt offen. Fakt ist jedoch, dass die Technik Unternehmen hilft, die Ergebnisse von Diskussionen und Workshops auf einen Blick und leicht verständlich an ihre Mitarbeiter weitergeben wollen. Und auch der Wow-Effekt beim Anblick der fertigen Bilder bleibt selten aus.

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