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"Mein Lebenselixier ist es nicht, wichtig zu sein"

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Von: Enrico Sauda

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Der scheidende hr-Intendant Manfred Krupp in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks am Dornbusch.
Der scheidende hr-Intendant Manfred Krupp in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks am Dornbusch. © Monika Müller

Abschied vom Urgestein des Hessischen Rundfunks.

Ein Urgestein des Hessischen Rundfunks geht. Für Manfred Krupp (66) ist Schluss nach 38 Jahren im Dienst für den Sender, als hessischer Landeskorrespondent in Wiesbaden, als Chef des hr-Flaggschiffs "Hessenschau", als Chefredakteur Fernsehen, Fernsehdirektor und schließlich Intendant eines Senders mit rund 1700 Festangestellten und rund 800 "festen Freien". Wir sprachen mit ihm über die Vergangenheit und die Zukunft.

Was werden Sie nach so langer Zeit am meisten vermissen?

Meine Kolleginnen und Kollegen. Es war so eine tolle Vielfalt und es hat einfach Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten.

Vielfalt ist ein gutes Stichwort. Die Kantine im Hessischen Rundfunk ist ein Ort, an dem viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen, ist die Essensauswahl ebenso vielfältig. Hatten Sie ein Leibgericht?

Es gibt schon so ein paar. Etwa Roulade. Die kann mit der, die mein Vater gemacht hat, mithalten.

Sie waren auch Hessenschau-Chef. Ein sehr fortschrittlicher, war zu hören. Unter ihrer Führung sollen sehr viele Moderatorinnen schwanger geworden sein. Also nicht von Ihnen, natürlich...

Das ist eines der schönen Dinge, die ich hier habe: Und zwar ein Foto, das ich geschenkt bekommen habe, als ich als Hessenschau-Chef aufgehört habe.

Und das zeigt...

Alle Kinder, die in meiner Zeit geboren sind.

Und das sind?

17. Aber auf dem Bild fehlen zwei. In den Jahren davor gab es ganz wenige Geburten. Ich habe immer versucht, Beruf und Familie zu fördern.

Was machen Sie denn nun mit der vielen Zeit, die Sie als Rentner haben werden?

Ich weiß es noch nicht. Ich hatte mir nur eine Sache vorgenommen. Ich wollte eine Ayurveda-Kur in Sri Lanka machen. Um richtig runter zu kommen. Aber das geht wegen Corona nicht, so dass ich etwas ähnliches tun werde wie damals, bevor ich Intendant wurde: Ich werde für fünf Tage nach Athen reisen und die Stadt erlaufen. Danach fahre ich mit meiner Frau zum Schnorcheln ans Rote Meer. Ich bin eben ein Wassermensch.

Das sind vielleicht zwei Wochen. Und der Rest?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, ich muss mir erstmal Zeit nehmen, um mich wieder neu zu entdecken. Ich definiere mich seit 38 Jahren zu großen Teilen über den hr, über meine journalistische Tätigkeit, über die Personalverantwortung und habe in bestimmten Phasen bis zu sieben Tage in der Woche Termine gehabt und manchmal fünf pro Tag. Da hat die Pandemie schon mal geholfen, runter zu kommen. Mein Lebenselixier ist es nicht, wichtig zu sein. Ich werde aber sicherlich nicht nur in den Urlaub fahren und Däumchen drehen, sondern ich werde mich ehrenamtlich engagieren. Von meinen jetzigen Ehrenämtern nur die beim Hochschulrat der TU Darmstadt, im Kuratorium des Rheingau Musik Festivals und bei der Sportstiftung Hessen behalten, alles weitere findet sich.

Machen Sie doch was bei der Eintracht, Sie sind doch Fan.

Da bin ich vor zwei Jahren Mitglied geworden. Aber ich warte ab. Vielleicht engagiere ich mich fürs hr-Sinfonieorchester. Es kann aber auch sein, dass ich etwas komplett anderes mache. Mein Ventil waren bisher große Emotionen: Zum einem im Stadion zu sein. Und zum anderen die Musik. Besonders die Opern, weil sie so irrational sind, aber große Gefühle haben. Ich habe vor zu Musikereignissen zu reisen.

Sie könnten ja noch mehr Ihren Hobbys nachgehen.

Sicher. Eins ist Schwimmen. Das andere Schnorcheln. Im Wasser fühle ich mich einfach wohl. Wir haben zwei Töchter, eine ist Meeresbiologin. Die andere hat ihren Tauchschein gemacht. Ich habe einen Bruder, der Leiter der Fischabteilung der Senckenbergischen Forschungsanstalt war und auch Meeresbiologe ist. Wasser ist also familienverbindend. Meine Frau weiß viel genauer, was sie machen will: Sie will Vögel beobachten. Da braucht's viel Geduld. Die gehört aber nicht unbedingt zu meinen größten Stärken.

Sind Sie denn schon Großvater?

Nein. Es steht zurzeit nicht auf der Tagesordnung. Aber wenn es mal an der Zeit ist, werde ich mich auch dieser Aufgabe gerne stellen. Ich bin allerdings froh, dass unsere Töchter ihr Leben so gestalten, wie sie es wollen.

Sie haben einen sehr spannenden und abwechslungsreichen Beruf gewählt. Warum sind Sie Journalist geworden?

Der treibende Faktor ist Neugierde. Ich habe meinen ersten Artikel für die Rhein-Zeitung in Neuwied geschrieben. Über eine Veranstaltung im evangelischen Gemeindehaus. Weil keiner von der Zeitung da war, schrieb ich einen Text, bin in der großen Pause in die Lokalredaktion gegangen und gab ihnen meinen Artikel. Und am nächsten Tag war er in der Zeitung.

Das war Ihr Einstieg.

Ja. Danach durfte ich regelmäßig für sie schreiben. Über Kultur, Politik und so weiter. Ich fand's so toll.

Warum haben sie denn nicht dort volontiert?

Ich hatte mich nach dem Abitur dafür beworben, habe es auch erhalten. Aber einen Tag nach der Zusage, kam die Einberufung zur Bundeswehr.

Da konnten Sie nicht Nein sagen.

Ich ging zur Pressestelle des Dritten Corps und lernte viel. Ich hatte mich für 21 Monate verpflichtet, so dass ich mir aussuchen konnte, wohin ich wollte. Eben zur Pressestelle. Und dort hatte ich - für damalige Zeiten - viele Freiheiten. Danach habe ich studiert und der Rhein-Zeitung abgesagt.

Sie haben dann beim Hessischen Rundfunk volontiert...

Ja. 1984. Es war meine zweite Station. Meine erste war die Planungsgruppe an der Hochschule Kassel. Dort habe ich in sehr kurzer Zeit - knapp ein Jahr - sehr viel gelernt. Bis heute bin ich meiner Frau dankbar.

Warum?

Wir waren von Gießen nach Kassel gezogen, hatten uns einen Freundeskreis aufgebaut und als die Einladung zum Volontariat im Briefkasten lag, wollte ich zunächst nicht. Da drohte sie, dass ich Ärger mit ihr bekommen würde, wenn ich das Angebot nicht annehmen würde. Schließlich sei das immer schon ein Wunsch von mir gewesen.

Das heißt, Sie sind fast 40 Jahre mit Ihrer Frau verheiratet.

Damals war sie noch meine Freundin. Wir haben uns im Studium 1978 kennengelernt. Vor 33 Jahren haben wir dann in Kassel geheiratet.

Gibt es Kollegen, Weggefährten, die Sie in ihren vier Jahrzehnten beim hr geprägt haben?

Ja. Mehrere. Aber vor allen Dingen zwei.

Die da wären?

Mein Hochschullehrer Franz Neumann. Er hat mich massiv gefördert. Sein Traum war, dass ich bei ihm promoviere. Und er war enttäuscht, dass ich das nicht gemacht habe. Ich hatte aber gemerkt, dass es mir nicht wichtig war, einen Doktortitel zu besitzen.

Professor Neumann war ja nicht beim hr. Wer prägte Sie denn im Rundfunkhaus?

Das war mein erster Chef hier im hr, Uwe Günzler, Moderator der Hessenschau und des Stadtgesprächs. Und die Redaktion, in die ich als erstes kam. Sie wurde seinerzeit gegründet, um der Hessenschau, salopp gesagt, ein wenig Feuer unterm Hintern zu machen. Günzler hat mir viel Vertrauen und viele Chancen gegeben und ließ mich einfach machen. Ich war zuständig fürs Stadtgespräch und habe ganz früh schon große Sendungen moderiert - etwa "Der weiße Fleck". Ich hatte aber auch das Glück, dass ich danach viele Chefinnen und Chefs hatte, die mir manchmal mehr zugetraut haben, als ich mir selbst.

Das ist doch gut, wenn man solche Vorgesetzte hat.

Ja. Es war aber auch nicht immer einfach. Doch es hat immer funktioniert.

Sie haben so viele Menschen getroffen. Gibt es da solche, die sie beeindruckt haben?

Sicher. Ich war Studioleiter in Wiesbaden in einer Phase, in der absolute Schwergewichte der Politik unterwegs waren. Wolfgang Gerhardt von der FDP, Joschka Fischer, Hans Eichel, Roland Koch und Manfred Kanther. Das war eine Zeit, in der die hessische Landeshauptstadt spannender war als Bonn. Diese Zeit hat mich sicher geprägt. Als ich Fernsehdirektor wurde hat sich mein Spektrum erweitert. Ich hatte viel mit Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun. Jetzt, als Intendant habe ich das große Glück, mit unterschiedlichen Chef-Dirigenten zu tun zu haben. Aber ich habe auch mal einen sehr schönen Abend mit einem Weltstar, dem Pianisten Lang Lang, erlebt. Es gibt eine riesige Bandbreite, da kann ich nicht sagen, dass mich eine oder einer besonders geprägt hat. Aber beeindruckt.

Wer war das?

Angela Merkel bei meiner ersten längeren Begegnung mit ihr. Die Elefantenrunde vor der Bundestagswahl, bei der nur die Parteichefs dabei waren, und nicht die Kandidaten. Sie hatte eine solche Offenheit und Wärme. Und als ich sie dann ein Jahr später traf, merkte ich, wie der Politikbetrieb sie verschlossener und vorsichtiger hatte werden lassen. Und noch ein beeindruckendes Erlebnis war, als ich einmal in der ausverkauften Alten Oper ein Gespräch zwischen Henry Kissinger und Helmut Schmidt moderierte. Nach dem Gespräch kam Kissinger zu mir und sagte, dass ich fantastisch gewesen sei. 'Wissen Sie, Helmut kann manchmal so schwierig sein.'

Hatte das noch ein "Nachspiel"?

Ja. Er lud mich ein, als Bill Clinton den Helmut-Kohl-Preis erhielt. Beim Essen ging Clinton von Tisch zu Tisch und da habe ich verstanden, warum er in den USA so beliebt war.

Weil...

Er behandelte jeden so, als würde er ihn seit Jahrzehnten kennen.

Seit 2015 sind Sie Intendant. Hatten Sie viele schlaflose Nächte?

Ich folgte auf Helmut Reitze, der für alle überraschend aus gesundheitlichen Gründen aufhörte. Ich war sein Stellvertreter. Als ich gefragt wurde, nahm ich eine Woche Urlaub - allein. Habe da ständig überlegt, ob ich antrete. Ich hatte eine andere Lebensplanung. Bei meiner Rückkehr entschied ich mich aber dafür.

Warum?

Ich habe dem hr so viel zu verdanken, habe so viel gelernt und wusste als Stellvertretender Intendant, wie das Geschäft läuft.

Und die schlaflosen Nächte?

Es war schon eine hohe Hürde, denn es war eine ganz andere Verantwortung. Alles ist auf den Intendanten zugeschnitten. Aber wir haben in den vergangenen Jahren die Führung sehr verbreitert. Aber wenn's hart auf hart kommt, ist immer der Intendant verantwortlich. Keiner kann sich vorher vorstellen, was auf einen zukommt. Es war für mich eine unheimlich erfüllende Aufgabe, die viel Spaß gemacht hat und bei der ich mit vielen großartigen Menschen zusammenarbeiten durfte.

Interview: Enrico Sauda

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