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Vier Elektroden und ein Tablet-Computer oder Smartphone ? mehr braucht es nicht, um mit CardioSecur innerhalb von 30 Sekunden selbst ein Elektrokardiogramm zu schreiben. Das Gerät wertet die Daten automatisch aus und gibt eine Handlungsempfehlung ab.

Frankfurter Firma entwickelt EKG-App

Mein EKG schreib’ ich mir selbst

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Mit einem tragbaren EKG-Gerät, das Nutzer über ihr Mobiltelefon bedienen können, mischt das Frankfurter Startup-Unternehmen Personal MedSystems die Medizinbranche auf. Zwei Krankenkassen übernehmen für Herzpatienten bereits die Kosten.

Es gibt einen Arzt, der ist von dem kleinen grauen Gerät mit den vier bunten Elektroden besonders begeistert. Kein Wunder, es hat ihm vermutlich das Leben gerettet: Es passiert im Skiurlaub. Beim Langlaufen verspürt der Konstanzer Kardiologe Dr. Jens Otto einen stechenden Schmerz in der Brust. Er schleppt sich zurück ins Hotel, kramt sein CardioSecur-Gerät hervor, schreibt damit ein Elektrokardiogramm (EKG). Ein Blick auf sein Mobiltelefon, auf dem die Daten einlaufen, reicht dem Mediziner, um zu wissen, dass es keine Zeit zu verlieren gilt. Er hat einen Hinterwandinfarkt, besteht darauf, mit dem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik geflogen zu werden. Die Experten dort handeln sofort, erweitern die Herzkranzgefäße und können so bleibende Schäden am Herzen verhindern.

Eine Geschichte, wie sie sich Marketing-Experten nicht schöner hätten ausdenken können. Aber eine, die zu stimmen scheint. „Wir wissen von zwei Fällen, in denen wir Leuten das Leben gerettet haben“, sagt Dr. Markus Riemenschneider, gemeinsam mit Felix Brand Gründer des Startup-Unternehmens Personal MedSystems mit Sitz an der Hansaallee, das die mobilen EKG-Geräte entwickelt hat.

Einer dieser beiden Fälle ist der Konstanzer Kardiologe, der in einem Videobeitrag auf der Internetseite der Firma seine Erfahrungen schildert. Der andere ereignete sich noch in der Testphase des Geräts. Damals lieferte das mobile EKG einer Testerin immer wieder auffällige Ergebnisse. Zunächst sei der begleitende Arzt davon ausgegangen, dass es sich um einen Messfehler handele, erinnert sich Riemenschneider. Doch bei einem Kontroll-EKG zeigte sich, dass dem nicht so war: Die Frau hatte eine hochgradige Stenose, also stark verengte Herzkranzgefäße. „Das wäre einer dieser Fälle gewesen, bei denen es später geheißen hätte: Sie starb plötzlich und unerwartet“, sagt Riemenschneider.

Die Idee, Herzpatienten ihr eigenes EKG-Gerät an die Hand zu geben, kam Riemenschneider schon vor 17, 18 Jahren, sagt der Elektro-Technik-Ingenieur, doch damals sei die Umsetzung noch zu teuer gewesen, weil zur Bewertung der Daten rund um die Uhr ein Call-Center mit medizinisch-versiertem Personal notwendig gewesen wäre. „2006 kam uns die Idee, das Gerät so zu bauen, dass es die Daten selbst interpretieren kann“, erklärt der 47-Jährige. Ein Prototyp entstand.

Mittlerweile ist das Gerät patentiert, wiegt kaum mehr als eine Tafel Schokolade und ist so klein, dass es in jede Hosentasche passt. Produziert wird es von einer deutschen Firma mit Sitz am Bodensee. Optisch erinnert es an eine Freisprecheinrichtung, wie sie bei vielen Mobiltelefonen mitgeliefert wird, nur dass es statt der zwei Knöpfe, die man sich ins Ohr steckt, vier Knöpfe gibt, die man sich, gespickt mit Elektroden, auf den Oberkörper klebt: Eine kommt oben aufs Brustbein, eine links, eine rechts je ein paar Zentimeter unter die Achseln, die vierte unten aufs Brustbein.

Ein Vorteil des Taschen-EKGs: Es ist immer verfügbar, wenn Probleme auftreten, kann es direkt angelegt werden und die Veränderungen aufzeichnen. Denn, wie Riemenschneider weiß: „Oft sind diese Ereignisse kurz.“ Bis die Betroffenen zum Arzt kommen, sind die Symptome häufig bereits abgeklungen, das EKG ist unauffällig. Das heißt aber noch lange nicht, dass alles in Ordnung ist.

Gerade mal 30 Sekunden dauert eine Messung, dann gibt das Gerät eine Handlungsempfehlung ab. Dabei gleicht es die aktuellen Daten mit dem persönlichen Referenz-EKG des Nutzers ab. Ist alles wie immer, besteht kein Handlungsbedarf. Bei geringen Abweichungen zum Referenz-EKG rät CardioSecur, in nächster Zeit einen Arzt zu konsultieren. Bei starken Abweichungen meldet das Mini-EKG einen Rot-Alarm. Dann lautet die Empfehlung: Sofort zum Arzt! Ob er diesem Rat folgt, muss der Patient selbst entscheiden.

„Dabei kommt es auch darauf an, wie sich der Patient fühlt“, sagt Riemenschneider. Messfehler könne man nie ausschließen, auch wenn sie selten aufträten. Selbst wenn ein Nutzer versehentlich die Elektroden vertauscht, liefere CardioSecur das richtige Ergebnis, denn das Gerät sei so programmiert, dass es den Fehler bemerke und automatisch einrechne.

Wer möchte, kann die Auswertung direkt an seinen behandelnden Arzt schicken, wenn dieser zu den etwa 700 Medizinern bundesweit gehört, die bei CardioSecur registriert sind. Der Patient kann sein Smartphone aber auch einfach mit zum nächsten Termin bringen und dem Arzt die Werte zeigen.

Mittlerweile hat Personal MedSystems etwa 1300 CardioSecur-Geräte verkauft. Das Starter-Paket gibt es mittlerweile für 99 Euro, hinzu kommen 10 Euro pro Monat für neue Elektroden, die die Nutzer automatisch zugeschickt bekommen. Den Durchbruch will das Startup-Unternehmen in den nächsten drei Jahren schaffen. Ziel ist es, mehr als 25 000 Geräte zu verkaufen und die Firma in die schwarzen Zahlen zu katapultieren. Als Kernmarkt wollen sich die Entwickler neben dem deutschsprachigen Raum England und die Niederlande vorknöpfen.

Die Weiterentwicklung des Produkts und die Markteinführung – im Gründerjargon nennt man das „A-Runde“ – hatte der französische Investor Seventure Partners mit 2,5 Millionen Euro unterstützt. Nun sucht das Startup einen Geldgeber für die „B-Runde“, um, so Riemenschneider, „das Geschäftsmodell groß zu machen“.

Die nächste Entwicklung des Startups steht übrigens schon in den Startlöchern: Derzeit tüfteln die Entwickler im Labor an einem 500-Kanal-EKG – als Goldstandard in der Medizin gilt aktuell das 22-Kanal-EKG (siehe Info). Riemenschneider: „Das wird Diagnosen ermöglichen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.“

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