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Börsenchef Theodor Weimer (von rechts) und Ministerpräsident Volker Bouffier begrüßten Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Haupteingang der Frankfurter Wertpapierbörse.

Finanzplatz

Merkel geht auf die Banker zu

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Seit Ausbruch der Finanzkrise ist die deutsche Politik auf Distanz zur Finanzwirtschaft gegangen. Gestern wagte sich Bundeskanzlerin Merkel zu den Bankern nach Frankfurt. Sie versprach, die Bundesregierung werde ihr Engagement für den Finanzplatz verstärken. Dafür gab es höflichen Applaus der 300 geladenen Gäste.

Mehr als drei Jahre lang hat die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende nicht vor Bankern in Frankfurt gesprochen. Auf Einladung von Börsenchef Theodor Weimer hat sie jetzt die Hauptrolle übernommen, um über die Zukunft des Finanzplatzes zu reden. Dies gewiss auch, um ihrem Parteifreund Volker Bouffier für die nahende Landtagswahl in Hessen ein wenig Schützenhilfe zu leisten.

„Es ist gut, dass sich Merkel in der Höhle des Löwen gestellt hat“, sagt einer aus der Branche. Eintracht-Legende Charly Körbel war einfach nur neugierig, die Regierungschefin einmal live erleben zu können. Der Landtagsabgeordnete Ulrich Caspar forderte ein „klares Bekenntnis zum Finanzplatz Frankfurt“. Für Ministerpräsident Bouffier war es ein „wunderbarer Tag“, mit Frau Merkel darüber sprechen zu dürfen, wie es mit dem Finanzstandort im Rhein-Main-Gebiet“, dem Herzstück unserer Wirtschaft“, denn weitergeht.

Die Kanzlerin tat ihm den Gefallen. Unsere Wirtschaft brauche moderne Finanzdienstleistungen, darum sei Frankfurt für Deutschland so wichtig. „Machen Sie weiter so. Wir unterstützen wo immer wir können“, rief sie Bouffier zu. Im Bemühen, Brexit-Flüchtlinge aus London anzuziehen, werde die Bundesregierung den Hessen unter die Arme greifen.

Potenzial für Frankfurt sieht Merkel beim sogenannten Euro-Clearing. Derzeit findet die billionenschwere Abwicklung von Handelsgeschäften mit Euro-Wertpapieren vorwiegend in London statt. Wenn Großbritannien aus der EU ausscheidet, hätten hiesige Aufseher kaum noch Kontrolle über diesen wichtigen Markt. Frankfurt sei dafür ein herausragender Ort. Allerdings: „Die Konkurrenz in Paris, Luxemburg oder Dublin schläft allerdings nicht.“

Eine Lockerung des Kündigungsschutzes für Einkommen über 234 000 Euro hält sie für zielführend, um den Anreiz für ausländische Banken zu erhöhen, sich nach dem Brexit in Frankfurt anzusiedeln – trotz des deutschen Kündigungsschutzrechts. „An dieser Regelung wird bereits gearbeitet“, sagte die Kanzlerin unter Hinweis auf eine entsprechende Vereinbarung im Koalitionsvertrag.

Um auf dem europäischen Parkett Erfolge für den Finanzplatz einfahren zu können, „müssen wir Kräfte bündeln und unseren Charme ausspielen“, verriet sie mit einem Augenzwinkern.

Als „signifikanten Wendepunkt unserer Regierung im Verhältnis zur Finanzwirtschaft“, wertete ein Bundesbanker Merkels Auftritt. „Und als starkes Signal, das man ernst nehmen muss.“

Doch der Tenor war nicht einhellig. „Der Einsatz von Merkel kommt spät, vielleicht zu spät“, befürchtete ein Unternehmensberater. Ihn schmerzt noch immer, dass Frankfurt vor einigen Monaten das Rennen um den Sitz der EU-Bankenbehörde Eba verloren hat. Die Eba zieht nach Paris. Der Werbefeldzug des französischen Präsidenten Emmanuel Macron hat es ermöglicht. Berlin steht ziemlich blamiert da.

Der gestrige Auftritt der Bundeskanzlerin macht dennoch Mut, dass in der Regierung ein Umdenken für ein aktiveres Standortmarketing zugunsten Frankfurts stattfindet. Es zeigt sich nämlich deutlich, dass Deutschlands Bankenmetropole trotz EZB-Sitz, Börse und einer großen Zahl an Finanzinstituten nicht der natürliche Brexit-Gewinner sein wird. Auch Ministerpräsident Bouffier warnte vor dem Irrglauben, Brexit-Flüchtlinge würden sich in Scharen am Main ansiedeln. „Das ist kein Selbstläufer.“ Bisher haben sich laut Bouffier 23 Banken dafür entschieden, von der Themse an den Main zu kommen. Das dürfte bis zu 2000 zusätzliche Arbeitsplätze nach sich ziehen.

Finanzminister Olaf Scholz hatte es vor wenigen Tagen auf dem Frankfurter Banken-Gipfel als Fehler bezeichnet, dass die Bundesregierung für den Finanzsektor keine Standortpolitik betrieben habe.

Er beklagte zudem, dass Europas größte Volkswirtschaft keine Großbanken habe, die im internationalen Konzert mitspielen können. Das klang schon nach

Paradigmenwechsel

: Frankfurt darf in Zukunft wohl auf deutlich mehr Unterstützung aus Berlin hoffen.

Und Fußball-Idol Körbel zeigte sich am Ende angenehm überrascht, bei dieser politischen Veranstaltung doch viele Gesichter wiedererkannt zu haben die er häufig in der Commerzbank-Arena sieht. „Die Verbindung zwischen der Eintracht und der Finanzwirtschaft ist doch enger, als ich dachte.“

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