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Dr. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, lobt die Erinnerungskultur und sagt: ?Es gibt keine Kollektivschuld?.

Zum Tag der Auschwitz-Befreiung

Dr. Meron Mendel: "Es gibt keine richtige Zeit für einen Schlussstrich"

Eine Wende in der Erinnerungskultur um 180 Grad fordert der Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke. Thomas J. Schmidt hat sich zum Tag der Befreiung von Auschwitz mit Dr. Meron Mendel unterhalten. Mendel (40) leitet die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, eine Einrichtung, die für ihre pädagogische Arbeit bekannt ist.

Die Befreiung von Auschwitz ist jetzt 72 Jahre her. Welche Bedeutung hat die Erinnerung heute?

DR. MERON MENDEL: Der zeitliche Abstand führt nicht dazu, dass das Interesse kleiner wird. Im Gegenteil, es nimmt weltweit zu. Der Holocaust ist ein Zivilisationsbruch, dessen Bedeutung weit über die Geschichte Deutschlands und des Nationalsozialismus selbst hinausgeht. Er hat für die westliche Zivilisation eine nachhaltige Bedeutung.

Das heißt, es betrifft nicht nur Deutschland und Israel?

MENDEL: Auschwitz ist weltweit zum Symbol geworden, wohin Antisemitismus und Rassismus führen können. Deshalb gibt es Mahnmale und Holocaustmuseen in vielen Ländern wie zum Beispiel USA und Japan.

Obwohl die Japaner ja eine eigene Geschichte der Kriegsverbrechen haben...

MENDEL: Wenn wir heute über Völkermord sprechen, zum Beispiel über den Völkermord an den Armeniern, oder wenn es darum geht, Menschenrechtsverbrechen in den heutigen Kriegen zu thematisieren, setzt der Holocaust und die Beschäftigung mit ihm nach 1945 einen Maßstab – bis hin zur Frage einer Entschädigung. Dass ein Staat die Verantwortung übernimmt für die Verbrechen des Vorgängerstaates hat es zuvor noch nie gegeben.

Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke hat jetzt das Berliner Holocaustmahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet. Was halten Sie davon?

MENDEL: Es gehört zur Demokratie, dass man Meinungen aushält, die einem nicht gefallen. Das Mahnmal von Berlin, aber auch die Debatte darüber, ist ein Beispiel dafür, dass hier eine Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und ihren Folgen für heute stattfindet. Das findet weltweit Respekt.

Björn Höcke schlägt in seiner Rede eine 180-Grad-Wende in der Gedenkkultur vor. Was halten Sie davon, dass da einer sagt, lasst uns aufhören, in dieser Wunde zu bohren?

MENDEL: Die Schlussstrichdiskussion ist schon vor 1949 losgegangen. 1952 erschien ein Zeitungsartikel, in dem gefordert wurde, mit der Sache nach sieben Jahren abzuschließen. Es gibt kein Datum. Weder sieben Jahre noch 70 oder 700 Jahre. Es gibt keine richtige Zeit, es abzuschließen. Es geht um die Bedeutung für heute. Da muss jede Generation neu die Frage stellen, was die Geschichte mit uns zu tun hat und wie wir der Opfer gedenken möchten. Es geht nicht darum, nur Wissen anzueignen oder eine bestimmte Zahl von Gedenkorten zu etablieren. Es geht um den Prozess und die Verknüpfung zur Gegenwart. Diese Anknüpfungspunkte gibt es heute reichlich. Wenn es in 50 Jahren keine mehr gibt – was ich leider bezweifele –, können wir einen Schlussstrich ziehen.

Sie suchen Anknüpfungspunkte zur Gegenwart. Wie schwer ist es, Schüler dafür zu interessieren? Oder kriegen Sie nur jene in Ihr Haus, die ohnehin interessiert sind?

MENDEL: Wir bekommen die ganze Breite: Realschulen, Berufsschulen, Gymnasien, Förderschulen. Sie kommen klassenweise oder in freiwilligen Veranstaltungen, Konfirmanden kommen und auch Sportvereine. Wir haben hier die ganze Bandbreite von Jugendlichen aller sozialen Herkünfte.

Und Sie stoßen auf Interesse?

MENDEL: Ja, sehr. 13 000 bis 14 000 Jugendliche kommen jedes Jahr. Wir bilden jährlich eine Gruppe von 20 „Peer Guides“ aus, Jugendliche, die sich ehrenamtlich für politische Bildung engagieren. Und regelmäßig haben wir für die 20 Plätze gut 100 Bewerbungen. Das hat auch mit unserer Herangehensweise zu tun.

Sie konzipieren beispielsweise Ausstellungen, die Jugendliche interessieren. Was steht derzeit an?

MENDEL: Am Sonntag eröffnen wir eine Ausstellung „Holocaust im Comic“. Sie ist auch für Erwachsene gedacht. Comics sollen unterhalten, heroische Geschichten erzählen. Aber es gibt auch Comics, die sich mit dem Holocaust beschäftigen, historische und aktuelle, aus Deutschland und Israel. Es ist ein anderer Blickwinkel. Das Thema spricht Jugendliche besonders an. Aber es sind durchaus auch Comics für Erwachsene.

Was ist Ihre Erfahrung mit den Jugendlichen?

MENDEL: Meine Erfahrung ist, wenn man Jugendlichen auf Augenhöhe begegnet, finden sie Anknüpfungspunkte. Es muss nicht biographisch sein. Viele Jugendliche kommen aus anderen Ländern. Trotzdem fühlen sie sich mit dieser Geschichte verbunden.

Sie haben Deutschland ziemlich gelobt für seine Erinnerungskultur. Wo gibt es noch Baustellen?

MENDEL: Die Erinnerungskultur der vergangenen 40 Jahre ist eine Erfolgsgeschichte. Aber dass man sich mit der Geschichte auseinandergesetzt hat, heißt nicht, dass man gegen Rassismus und Antisemitismus immunisiert ist. Man kann in der Gesellschaft eine Erinnerungskultur haben und trotzdem rassistische Positionen einnehmen in der Gegenwart.

Haben Sie dafür Beispiele? Ist es die Diskussion über Flüchtlinge? Oder die über den Islam?

MENDEL: Wir haben in unserem Haus das Projekt „response“, wohin sich Opfer von Übergriffen wenden können. Tagtäglich kommen Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder Herkunft angegriffen werden. Wir sind für ganz Hessen zuständig. Es ist leider Realität, dass Menschen täglich angepöbelt und angegriffen werden, bis hin zu lebensgefährlichen Angriffen.

Sind die Angreifer Rechte?

MENDEL: Sowohl als auch. Es gibt rechte Gewalt, es gibt aber auch ganz „normale“ Menschen, bei denen niemand damit gerechnet hat, dass sie so aggressiv werden. Eine Frau mit Kopftuch hat im Supermarkt eingekauft und ist von einer anderen Frau angegriffen worden – nur wegen des Kopftuches. Die Gewalt geht oft von den sogenannten Durchschnittsbürgern aus. In Teilen Hessens gibt es auch eine aktive rechtsradikale Szene. In Frankfurt ist die Lage vergleichsweise gut.

Müssen die Deutschen nach 72 Jahren noch immer ein schlechtes Gewissen gegenüber Juden haben?

MENDEL: Ein schlechtes Gewissen hat mit Schuld zu tun – und Schuld ist immer individuell und nicht von Generation zu Generation zu übertragen. Es gibt keine Kollektivschuld. Wichtiger ist es, von Verantwortung zu sprechen, von kollektiver Verantwortung dafür, dass in unserer Gesellschaft Rassismus und Antisemitismus keine Legitimität bekommen.

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