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Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé ist eine von 14 Chefärztinnen in Frankfurt. Die Chefin der Neurologie am Krankenhaus Nordwest leitet zudem eine Schlaganfallstation im Sultanat Brunei und das Institut für Internationale Medizin und Telemedizin in Frankfurt.

Serie: Frankfurts Chefärztinnen

Uta Meyding-Lamadé: Familie und Karriere sind kein Widerspruch

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Medizin wird weiblich: Schon jetzt ist beinahe jeder zweite Arzt in Hessen kein Arzt, sondern eine Ärztin (46 Prozent). An deutschen Universitäten beträgt der Anteil der Studentinnen im Fach Medizin gar mehr als 60 Prozent. Karriere aber machen die Männer. Nur jede achte Chefarztstelle in Hessen ist mit einer Frau besetzt. In einer Serie stellen wir die Frauen vor, die es in Frankfurter Kliniken bis an die Spitze geschafft haben. Diesmal: Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé.

Natürlich ist ihr Leben anstrengend – was denn sonst? „Allem, was Spaß macht im Leben, geht eine Phase der Anstrengung voraus“, sagt Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé. „Denken Sie nur an die Marathonläufer!“ Nach den Strapazen des Laufs werden sie von ihrem Körper mit einem Hormoncocktail belohnt, der sich gewaschen hat. Nicht ohne Grund ist die Rede vom „Runners-High“. Und Meyding-Lamadé macht nun einmal beruflicher Erfolg Spaß, auch wenn – vielleicht auch gerade weil – es bisweilen anstrengend sein mag.

So gesehen hat die 54-Jährige eine Menge Spaß, denn ihre Karriere ist beispiellos. Schon während des Studiums pflastern Stipendien ihren Weg. Mit 37 macht sie ihren Facharzt in Neurologie, ein Jahr später wird die gebürtige Schwäbin die erste Oberärztin in Teilzeit an der Heidelberger Universitätsklinik. Die beiden Töchter Anni und Eva sind da gerade fünf und sechs Jahre alt. Im gleichen Jahr habilitiert sie sich, drei Jahre später wird sie Geschäftsführende Oberärztin. Eine Zusatzqualifikation jagt die nächste. 2005 schließlich folgt die Berufung zur Professorin, im gleichen Jahr übernimmt sie die Stelle als Chefärztin am Krankenhaus Nordwest. Seit 2010 ist sie zudem Chefärztin einer neurologischen Klinik im Sultanat Brunei, die sie selbst aufgebaut hat und per Telemedizin betreut (wir berichteten). Im vergangenen Jahr übernimmt Meyding-Lamadé zudem den Posten als Direktorin des neu gegründeten Instituts für Internationale Medizin und Telemedizin. Ihre Visitenkarte kann man ausklappen. Sie ist drei Mal so groß wie die Normalsterblicher, beidseitig bedruckt. Aber eigentlich, so sagt sie, habe sie nie das Ziel verfolgt, Chefärztin zu werden. Zunächst fing die Trägerin des Scheffelpreises gar ein Germanistikstudium an, entschied sich dann aber doch für die Medizin.

Ihr Tag beginnt früh morgens um fünf. „Ich komme mit fünf Stunden Schlaf gut aus“, sagt die Neurologin. Eine Runde Laufen mit dem Hund, danach in die Klinik, abends in den Stall. In der Reitanlage de Bruijn-Eberwein in Kelkheim wartet ihre fünf Jahre alte Trakehnerstute Luzie, „ein tolles Pferd“. Einmal pro Woche reiten beide zusammen aus. Auch die Liebe zur Literatur hat sich die Medizinerin bewahrt, schreibt selbst Kurzgeschichten. Eine, „Der kleine Prinz in der Schule“, ist in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen.

Alle zwei Monate reist Meyding-Lamadé für eine knappe Woche nach Brunei, um in ihrer Klinik nach dem Rechten zu sehen. Im Sultanat wird sie hofiert, schließlich ist sie Datin Seri Laila Jasa – und damit Trägerin des höchsten Adelstitels in ganz Südostasien. Verliehen bekommen hat sie ihn für ihre Verdienste um die Versorgung von Schlaganfallpatienten in Brunei.

Wie sie das alles unter einen Hut bringt? Meyding-Lamadé lacht – so schwierig sei das gar nicht. „Zeitmanagement“ heißt das Zauberwort. „Wenn man am Tag nur fünf Minuten nachdenkt, kann man eine Stunde sparen“, erklärt sie. „Früher dachte ich, eine halbe Stunde ist nicht viel Zeit. Als Neurologin und Mensch aber weiß ich nun: ,Jede Sekunde zählt.‘“

Mittlerweile bekommt kaum jemand mehr als eine halbe Stunde ihrer Zeit. „Jeder hier weiß, dass ich nach einer halben Stunde aufstehe und gehe, auch wenn das Meeting noch nicht beendet ist. Das hat den Vorteil, dass alle immer sehr gut vorbereitet sind.“

Trotzdem gibt es Situationen, und vor allem Menschen, für die Meyding-Lamadé auch mehr als eine halbe Stunde übrig hat. Ihre Familie zum Beispiel. Die Studentenbude ihrer Tochter einzurichten – Mama Uta hat sich das nicht nehmen lassen. „Wir sind sehr stolz auf unsere Kinder“, sagt sie. Die Große studiert Medizin in München, die Kleine Jura in Marburg.

Als die Mädchen geboren wurden, blieb die Medizinerin jeweils ein Jahr zu Hause, arbeitete anschließend Teilzeit. „Wir hatten eine tolle Kinderfrau“, sagt sie. Eine Investition, die sich aus ihrer Sicht mehr als bezahlt gemacht hat, und zu der sie jungen Kolleginnen nur raten kann. Auch die Töchter hätten keinen Schaden davongetragen, dass die Mama nicht rund um die Uhr um sie herumgeschwirrt sei. Meyding-Lamadé: „Es gibt dazu Untersuchungen: Wenn man bei Ratten die Futtersuche abschafft und die Mutter ständig um die Kinder herum ist, werden die Kinder völlig gestört und unselbständig. Wenn die Mutter sich aber auf Futtersuche begibt und die Kinder immer mal wieder kurz alleine lässt, entwickeln sie sich ganz normal.“

Bei der Betreuung ließe sich auch die Familie prima einspannen. „Für viele Großeltern ist es ganz toll, wenn sie sich um die Enkel kümmern dürfen“, sagt Meyding-Lamadé. „Und man kann es ja auch zurückgeben.“ Sie selbst hat acht Jahre lang ihre Mutter zu Hause gepflegt.

Sie könne jungen Medizinerinnen nur raten, ihre Karriereziele nicht aus den Augen zu verlieren. „Die Kinder werden groß, und zwar schneller, als man denkt.“ Als Mutter müsse man nicht alles selbst machen („diesen falschen Ehrgeiz hatte ich nie“), und man müsse auch nicht zwingend zu Hause sein, wenn die Kinder aus der Schule kommen, ist Meyding-Lamadé überzeugt. „Man muss für die Kinder erreichbar sein, wenn sie einen brauchen. Und das waren und sind wir immer.“

Dass es für eine Frau schwieriger sein könnte, in der Medizin Karriere zu machen – Meyding-Lamadé sagt, sie selbst habe das so nie wahrgenommen. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich benachteiligt werde als Frau.“ Allerdings sei es in Deutschland noch immer nicht angekommen, „dass man Hochleistung abliefern und trotzdem ein Leben und eine Familie haben kann – weder bei den Männern, noch bei den Frauen“, konstatiert sie. Zu den Studenten sage sie immer: „Sie dürfen gierig sein, ein pralles Leben, einen tollen Beruf und tolle Partner haben.“

Mit Vorurteilen sei sie eher im Privaten konfrontiert worden, etwa von den Lehrern ihrer Töchter – und immer wieder mit der Frage: „Wie klappt das denn bei Ihnen zu Hause?“ Schließlich ist die Neurologin nicht die einzige in der Familie, die beruflich erfolgreich ist. Ehemann Wolfram Lamadé, „ein toller Mann“, ist ebenfalls Professor Doktor und seit 2011 Chefarzt der Chirurgie im Helios Spital Überlingen am Bodensee.

„Wir kennen uns seit dem ersten Studientag und waren immer am selben Ort, wir haben sogar gemeinsam habilitiert“, betont Meyding-Lamadé, dass es für das Paar schon eine Umstellung war, plötzlich zwei unterschiedliche Wohnsitze zu haben. Wobei, einen Zweitwohnsitz hatten die Lamadés ohnehin schon in Überlingen, und das bisschen Pendeln passt auch noch irgendwie rein in die 80-Stunden-Woche. „Das klappt erstaunlich gut, und wir genießen die gemeinsame Zeit jetzt viel bewusster. Wir haben einen sehr guten Draht zueinander und auch zu den Kindern. Das ist für mich ein großer Kraftquell.“

Nächste Woche lesen Sie: Dr. Alexandra Weltzien, Chefärztin der Kinderchirurgie am Klinikum Höchst.

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