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Familienstreit

Michael Sahm kämpft um seinen Sohn, der widerrechtlich bei seiner Mutter in Nicaragua lebt

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Zwei Mal hat der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) eine Reise in die Partnerstadt Granada abgesagt, zu gefährlich sei es derzeit in Nicaragua, wo seit gut einem Jahr bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Mittendrin lebt der Sohn von Michael Sahm. Der 50-Jährige kämpft seit drei Jahren um die Rückkehr des Jungen nach Frankfurt.

„Du bist immer in unseren Herzen und Gedanken.“ – „Ich sende dir all meine Liebe.“ – „Wir vermissen dich, aber du bist immer bei uns.“ Das sind die Worte eines Vaters an seinen Sohn, der 9300 Kilometer von ihm entfernt lebt. Auf einem anderen Kontinent. In Nicaragua.

Mindestens jeden zweiten Tag veröffentlicht der Frankfurter Michael Sahm, 50 Jahre alt, einen Beitrag auf der Facebook-Seite „Free Arun“ (zu Deutsch: Befreit Arun). Die Einträge – versehen mit Fotos von der Skyline, von Heidelberg, Freiburg, Riga oder Paris – richten sich an seinen Sohn Arun, acht Jahre alt, der mit seiner Mutter in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua wohnt.

Das Kind besucht

Seit drei Jahren kämpft Michael Sahm um die Rückkehr des Jungen nach Frankfurt. „Ich kämpfe darum, dass mein Sohn sein Recht bekommt“, sagt Sahm, während er in einem Café in Sachsenhausen an seinem Espresso Macchiato nippt. „Dass er seiner Möglichkeiten, seiner Identität und Freiheit beraubt wird, ist nicht zu akzeptieren.“

Seit gut einem Jahr herrschen in Nicaragua bürgerkriegsähnliche Zustände. Hunderte Menschen starben beim Protest gegen den autokratischen Präsident Ortega, Tausende wurden verletzt. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat aufgrund der angespannten Situation in dem Land bereits zwei Mal eine Reise in Frankfurts Partnerstadt Granada abgesagt. Mittlerweile hat sich die Lage zwar stabilisiert, sicher können sich die Menschen aber immer noch nicht fühlen. „Es herrscht eine bedrückende Stimmung in dem Land“, erzählt Sahm. Über Weihnachten war er dort, hat seinen Sohn besucht. Zwei Wochen haben sie gemeinsam verbracht. „Niemand redet mehr. Selbst die Taxifahrer schweigen. Es herrscht Angst und Schrecken“, sagt Sahm. Die Zeit mit seinem Sohn habe er aber natürlich trotzdem genossen. Von diesen Begegnungen zehrt Sahm lange, sammelt Kraft für das, was noch kommen mag. „Das Schlimmste sind die Abschiede“, sagt er. „Alleine wieder zurück nach Frankfurt zu fliegen.“

Wenn Sahm über die vergangenen drei Jahre spricht, dann wirkt er distanziert. Resigniert. Zu oft schon hat er sich Hoffnung gemacht, bald wieder seinen Sohn zu Hause in seiner Wohnung im Westend zu wissen. Zu oft wurde er enttäuscht.

Beziehung zerbrochen

Und dabei begann alles so schön. Michael Sahm lernte seine spätere Partnerin in Washington kennen. Er, der Journalist aus Deutschland, und sie, die Yogalehrerin aus Nicaragua, wurden schnell ein Paar. Die Geburt von Arun im Juni 2010 machte das Glück perfekt. Die kleine Familie zog nach Frankfurt. Das Glück währte nicht lange. Die Beziehung zerbrach. Aruns Mutter zog es zurück in ihre Heimat. Doch wie sollte es mit dem gemeinsamen Kind weitergehen? Wo wohnt er? Wer kümmert sich? Vor dem Frankfurter Familiengericht einigen sich die Ex-Partner Mitte 2014 darauf, dass Aruns Lebensmittelpunkt in Deutschland ist. Die Vereinbarung liegt der Redaktion vor. Darin heißt es auch, dass der Junge für ein Jahr gemeinsam mit seiner Mutter in Nicaragua leben sollte. Sahm sollte seinen Sohn dort regelmäßig besuchen können. Die Weihnachtsfeiertage sollte Arun in Deutschland verbringen können, im Sommer 2015 sollte er dann nach Frankfurt zurückkehren, um hier die Vorschule zu besuchen.

Doch Aruns Mutter hielt sich an diese Abmachung nicht, entzog dem Vater den Sohn. „Plötzlich wollte sie von unserer Vereinbarung nichts mehr wissen und wollte Arun nicht ausreisen lassen“, erzählt Sahm. Daraufhin sprach ihm das Frankfurter Familiengericht das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht des Jungen zu, trotz des geteilten Sorgerechts. In dem Beschluss vom 22. Januar 2015 heißt es, dass „die Kindsmutter verpflichtet wird, das Kind Arun unverzüglich an den Kindsvater herauszugeben“. Aber auch daran hielt sich die Nicaraguanerin nicht.

Für Michael Sahm folgten viele Reisen nach Mittelamerika – und viele Versuche, seinen Sohn in die Heimat zurückzubringen. Er suchte gemeinsam mit Arun Zuflucht und Hilfe in der deutschen Botschaft Nicaraguas. Wieder einigte man sich darauf, dass der Junge mit nach Deutschland kann, wieder war die Abmachung nichts als leere Worte. Am Ende einer langen Odyssee landete Sahm sogar im Gefängnis, wurde wegen Kindesentführung angeklagt, weil er mit seinem Sohn nach Mexiko geflohen war. Am Flughafen wurden die beiden jedoch geschnappt und zurück nach Managua gebracht. Das nicaraguanische Gericht sprach Sahm frei, er flog zurück nach Deutschland – wieder ohne Arun.

Die Zahl binationaler Paare steigt seit Jahren an. Im Zuge der Globalisierung, der zunehmenden Mobilität und der Migration aus Drittländern wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich Menschen von unterschiedlicher Herkunft ineinander verlieben und Kinder bekommen. Wenn diese Beziehungen jedoch auseinanderbrechen, kann es zu Problemen kommen. Insgesamt werden jährlich schätzungsweise mehrere Hundert Kinder von einem Elternteil ins Ausland entführt. Eine genaue Zahl gibt es nicht. Das Haagener Kinderschutzübereinkommen (HKÜ) verpflichtet seit 1980 die Vertragsstaaten, die Kinder schnell in ihre Umgebung zurückzuführen, sollten sie widerrechtlich ins Ausland gebracht oder nach einem Umgangskontakt nicht mehr zurückgegeben worden sein. In der Realität gestaltet sich das schwierig. Mehr als 90 Staaten haben das Abkommen unterzeichnet – auch Nicaragua. Erster Lichtblick

Im vergangenen Sommer dann der Lichtblick. Michael Sahm schreibt auf Facebook: „Arun ist frei. Nach 1301 Tagen hat er Nicaragua verlassen. Liebe gewinnt.“ Die Mutter hatte gemeinsam mit ihrem Sohn aufgrund der blutigen Proteste in ihrer Heimat das Land verlassen und Zuflucht in den USA gesucht. Sahm besuchte die beiden in New York. Wieder eine Einigung. Wieder eine Enttäuschung. Arun kehrte mit seiner Mutter zurück nach Nicaragua und dort sind sie auch immer noch.

„Dass mein Kind in einer brutalen Diktatur von seiner Mutter festgehalten wird, ist für mich ein Umstand, der einfach schmerzt“, sagt Michael Sahm, während er noch einen Espresso trinkt. Und es ist eine bittere Ironie seiner eigenen Biografie. Denn der 50-Jährige ist in Schwerin aufgewachsen, in der DDR. Was es bedeutet, in einer Diktatur groß zu werden, merkte er schnell. Schon mit zwölf Jahren wurde er von der Stasi überwacht. Er legt sich mit Schulen, Behörden, Polizei an. „Die Unterdrückung von Meinung und Pressefreiheit frustrierte mich“, erzählt er rückblickend. „Es war eine Dauerrebellion.“ Drei Mal war er im Gefängnis. „Ich sehnte mich nach nichts so sehr wie Freiheit, Reisen, einer demokratisch verfassten Gesellschaft.“ Der Mauerfall sei für ihn seine persönliche „Sternstunde der Menschheit“ gewesen, um den Schriftsteller Stefan Zweig zu zitieren.

Doch wie geht es jetzt weiter? „Ich lasse mich nicht unterkriegen und gebe nicht auf“, sagt Sahm. Er will den Rechtsweg weiter bestreiten. „Ich bin zuversichtlich, dass sich der Kampf irgendwann lohnen wird.“ Bis dahin wird er seinem Sohn weiterhin Botschaften über Facebook schicken. Und so hat er beschlossen, alle Einträge auszudrucken, zu einem Buch zusammenzubinden, um es seinem Sohn zu überreichen, wenn er alt genug ist, alles zu verstehen. Auch diese Idee hat er in dem sozialen Netzwerk veröffentlicht – unterzeichnet mit den Worten: „Liebe kennt keine Grenzen, dein Papa.“

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