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Der grandiose Tastenzauberer Michael Wollny.

Jazz

Michael Wollny gab sich beim Musikfest der Alten Oper die Ehre

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Der wunderbare Jazzpianist Michael Wollny gab sich beim Musikfest der Alten Oper mit „Atmosphären“ die Ehre.

„Mal sehen, ob Ihr dann noch da seid!“, frotzelt Michael Wollny und setzt sich ans Harmonium. Ja, Harmonium, nicht Klavier! Der Pianist hat etwas Besonderes vor, das folgende Stück heißt „Atmosphären“, wie das Musikfest der Alten Oper. Angedroht sind dreißig Minuten Musik, seit Wochen wurde das intensiv vorbereitet, oder, wie Wollny augenzwinkernd nachschiebt, „vor allem gestern“.

Das ist das Besondere an diesem ebenso grandiosen wie uneitlen Musiker: Jedes Projekt, jedes Konzert geht anders. Deshalb lockt er ein Publikum quer durch alle Hörer- und Altersschichten und füllt spielend einen Großen Saal. Wollny lässt sich auch von scheinbar abwegigen Ideen inspirieren und herausfordern. Atmosphären, für ein Jazz-Trio oder, in diesem Fall, Quartett?

Die Bühne schimmert in dezenten Farbenwechseln. Links steht das Harmonium, rechts, auf einem Tisch, eine Art Elektrobaukasten, aus dem dünne Kabel heraushängen, drinnen scheint es Regler und Drehknöpfe zu geben, mit denen der famose Schlagzeuger Eric Schaefer feinfühlig hantiert. Eine Art prähistorischer Synthesizer. Flächen voller Klang und Geräusch erheben sich aus dem Nichts, faszinierend tönende Wolken, wie ironische Zitate von „Atmosphères“, jenem Stück von György Ligeti, das dem Musikfest in diesem Jahr seinen Namen gibt.

Benötigte der ungarische Komponist ein riesiges Orchester, begnügen sich Wollny und Schaefer mit den skurrilen Instrumenten. Und sie haben noch Christian Weber und Emile Parisien dabei. Der Franzose entlockt dem Sopransaxofon schier unendliche Tonketten und Klangvarianten; der Schweizer Bassist sucht und findet immer wieder neue Stellen und Spielarten, die seinem mächtigen Instrument Töne und Rhythmen entlocken. Mitten in den Atmosphären bricht dann überschäumende Spiellust aus den Musikern hervor.

Virtuoser, ekstatischer geht es kaum, und doch braut sich sogar dort, wo alle für sich zu spielen scheinen, aber genauen kammermusikalischen Absprachen folgen, eine Mixtur aus eigenwilligen Tonfolgen und Harmonien zusammen. Alle Stücke beginnen behutsam, scheinen eingangs etwas zu suchen, bevor sie in Fahrt kommen. Diesem Muster folgen viele Stücke, egal ob sie „Whiteout“, „Walpurgisnacht“, „Gravité“ oder „Atmosphären“ heißen. Zwei pausenlose Stunden verrückter Musik sind im Nu vorbei.

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