An der Spitze des Pens, den Chefarzt Christian-Dominik Möller in den Händen hält, entsteht Plasma, eine Art Microgewitter. Mit Kalt-Plasmatherapie lassen sich schlimme Wunden an Füßen wieder verschließen und Amputationen vermeiden. FOTO: michelle spillner
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An der Spitze des Pens, den Chefarzt Christian-Dominik Möller in den Händen hält, entsteht Plasma, eine Art Microgewitter. Mit Kalt-Plasmatherapie lassen sich schlimme Wunden an Füßen wieder verschließen und Amputationen vermeiden.

Medizin

Microgewitter helfen, Amputationen zu vermeiden

  • VonMichelle Spillner
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Am Frankfurter Bürgerhospital gibt es Kalt-Plasmatherapie gegen das Diabetische Fußsyndrom.

Frankfurt -Kronkorken oder Schlüssel habe er schon in den Schuhen seiner Patienten gefunden. Darauf seien sie zu ihm ins Bürgerhospital gelaufen und hätten davon nichts gemerkt, schildert Christian-Dominik Möller, Chefarzt der Klinik für Diabetologie und Ernährungsmedizin am Bürgerhospital. Die Patienten merken davon nichts, weil ihre Füße durch den Diabetes mellitus, die Zuckerkrankheit, so stark geschädigt sind, dass sie kein Gefühl mehr darin haben. Sie spüren schon nicht, wenn sich eine dicke Hornhautschicht manifestiert, wenn sich darunter eine Ulzeration (Gewebeschaden) bildet, wenn sie aufbricht, sich tief ins Fleisch und in die Zehen frisst, zum Teil bis auf den Knochen. Es sieht schlimm aus, aber es tut ihnen nicht weh. In etwa 40 000 Fällen im Jahr sind solche Folgeschäden des Diabetes, die Polyneuropathie und die folgende massiven Gewebszerstörungen, Anlass dafür, Füße über dem Sprunggelenk zu amputieren. Doch nach Ansicht und Erfahrung von Chefarzt Möller könnte die Zahl der Amputationen geringer sein.

Möller befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit Diabetes und der Behandlung der Folgeerkrankungen an Augen, Nieren und Nerven und den Auswirkungen auf die Psyche. Gerade wurde seine Klinik als eine von 19 Kliniken in Deutschland vom Bundesverband Klinischer Diabetes-Einrichtungen als eine der führenden Behandlungskliniken ausgezeichnet. 108 Kliniken wurden in die Bewertung des Leistungsspektrums und der Versorgungsqualität einbezogen, nur 19 erhielten die höchste Auszeichnung. Zu der fünf-von-fünf-Sterne-Bewertung des Bürgerhospitals hat auch dessen starker Fokus auf das Diabetische Fußsyndrom beigetragen, ein Thema, das Möller nicht mehr loslässt. "Diabetes mellitus ist nicht heilbar, aber gut beherrschbar", betont Möller. Erste Voraussetzung: Der Zucker muss gut eingestellt sein, damit sich Folgeerkrankungen verhindern lassen.

Etwa 7 Millionen Zuckerkranke gibt es in Deutschland, hinzu kommt eine Dunkelziffer von etwa 3 Millionen Erkrankten, die unter starkem Durst, häufigem Harndrang, womöglich schon Missempfindungen in den Füßen leiden, aber von ihrer Erkrankung nicht wissen. "Es ist eine Krankheit, die sich subtil anschleicht", so Möller.

Der Zuckerwert im Blut steigt, die roten Blutkörperchen schwimmen gewissermaßen in einer Zuckerflüssigkeit, fast könnte man sagen, sie werden kandiert. Es kommt zur Sauerstoffunterversorgung des Gewebes, der Zellen und der Nerven, die dadurch beschädigt werden, beginnend an den Beinen führt das zu Schmerzen, Missempfindungen, Kribbeln und schließlich zum Verlust des Gefühls.

Möller sieht es schon am Gang

Möller sieht es schon am Gangbild, wenn Patienten in den Füßen nichts mehr spüren. Das ganze Ausmaß der Schädigung der Füße kommt erst zutage, wenn die Socken ausgezogen sind. Aber viele ziehen ihre Socken gar nicht mehr aus - weder vor anderen noch vorm Arzt, weil sie sich des Zustands ihrer Füße wegen schämten.

Dass es häufig erst sehr weit kommen muss, bis Gegenmaßnahmen ergriffen werden, hat unterschiedliche Ursachen: Oftmals seien Patienten nicht gut versorgt, niemand - weder Ärzte noch Lebensgefährten oder Verwandte schauten mal auf die Füße. Das Diabetische Fußsyndrom sei auch eine Krankheit der Einsamen, die niemanden hätten, der ein Regulativ darstelle. Oft sähen die Patienten selbst nicht gut bis nach unten zu ihren Füßen, weil auch die Augen schon Schaden genommen haben, und sie spürten natürlich auch nicht, wenn - in Extremfällen - Fliegen Eier in ihren Wunden abgelegt hätten. Und dann die Scham. Aber schämen müsse sich niemand, es sei eine Erkrankung, mit der es umzugehen gilt - je früher, desto besser, so Möller, eben um eine drohende Sepsis (Blutvergiftung) und Amputation abzuwenden.

Das gelingt, wenn man die oft tiefen Läsionen wieder verschlossen bekommt. Möller bedient sich dazu unter anderem der neuen, kaum verbreiteten Kalt-Plasmatherapie. Plasma ist nach fest, flüssig und gasförmig der vierte Aggregatszustand. Hergestellt wird Plasma unter Einsatz von Edelgas. Es entsteht an der Spitze eines kleinen Pens, sieht aus wie ein Microgewitter. Fährt man damit die Ulzerationen ab, hat das unter anderem folgende Wirkung: Es tötet Bakterien ab - aber eben ohne Antibiotika, die man nierengeschädigten Zuckerkranken ohnehin nur schwerlich geben kann. Es entfernt abgestorbenes Gewebe, und es regt das Wachstum neuer Zellen an. Erst muss das fleischige Gewebe wieder wachsen, dann irgendwann legen sich die Epithelzellen, die Haut, darüber, bis im Idealfall alles wieder verheilt ist. Ein Prozess, der viele Behandlungen erfordert, der sich über Monate hinziehen kann und der nicht gestört werden darf. Jede kleinste Belastung durch Auftreten oder Druck, beispielsweise durch zu enge Schuhe, würde die feine neue Schicht an Zellen wieder zerstören. Deshalb arbeitet Möller im interdisziplinären Team auch eng mit Orthopädieschuhmachern und -technikern zusammen, die anfangs Schienen anfertigen, damit der Fuß nicht belastet wird, und später mit Hilfe der hauseigenen Pedografie Druckentlastungseinlagen, damit es erst gar nicht wieder zu Hornhaut und Ulzerationen kommt.

Der große Aufwand könnte ein Grund sein, warum sich diese Methode noch nicht durchsetzt. Letztlich sei es laut Möller eine Frage der Organisation, wie man selbst so eine intensive Behandlung wirtschaftlich umsetzen und das Diabetische Fußsyndrom in den Griff bekommen könne. Michelle Spillner

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