Eintracht Frankfurt

Mijat Gacinovic: Der lange Lauf ins Glück

  • schließen

Vor dem Pokalfinale lief es nicht gut für Mijat Gacinovic. Zum größten Spiel aber raffte auch er sich noch einmal zu einem großen Kraftakt auf – typisch für diese Eintracht.

Am Dienstagnachmittag schickte Mijat Gacinovic Grüße aus Wien mit einem Handyfoto von sich selbst und Freundin Vedrana Bovan vor der Hofburg, über die Internet-Plattform Instagram, die bei den Spielern der Frankfurter Eintracht besonders beliebt ist und auf der man sich gerne gegenseitig Kommentare zum jeweiligen Bildmaterial schickt, mal freundlicher, mal frecher. Während in der Heimat der -Rausch auch drei, vier Tage danach noch immer anhält, haben sich die Helden in den Urlaub verabschiedet. Auch in Wien freilich werden die sagenhaften Ereignisse des Samstagabends noch nachwirken. Zumal Gacinovic eine jetzt schon legendäre Szene beigesteuert hatte, die in die Vereinsgeschichte eingehen wird und natürlich auch gleich auf seiner Instagramseite zu sehen war, großes Kino: „Lauf, Forrest, lauf!“, schrieb Abwehrchef David Abraham in Anspielung an den Hollywood-Hit darunter, Rechtsverteidiger Danny da Costa urteilte anerkennend: „Sprint deines Lebens, Bruder!“

Der Coup gegen die Münchner Rekordmeister, der erste Frankfurter Titel seit 30 Jahren, die ekstatische Party im Berliner Olympiastadion und tags drauf daheim, sein eigener Beitrag dazu: „Das war der Wahnsinn“, hatte Mijat Gacinovic das alles beim Abgang vom Römerberg mit einem in diesen Frankfurter Feiertagen oft bemühten Wort zusammengefasst. Sein langer Lauf ins Glück war dafür und für die ganze Eintracht-Entwicklung sinnbildlich. Für den Aufbau einer Mannschaft, die anders als mancher früherer Jahrgang vor allem von Leidenschaft und Einsatzbereitschaft lebt, zusammengesetzt aus lauter verschiedenen Charakteren aus lauter verschiedenen Nationen. Die übliche Kräfteverhältnisse ins Wanken brachte, mit viel Mut, Herz und Behauptungswillen. Der dann auf den letzten Bundesliga-Metern schon im zweiten Jahr in Folge der Saft ausging, kurz vor dem doch verpassten Traumziel Europa. Um sich dafür rechtzeitig zu einem der größten Spiele der Eintracht-Geschichte noch einmal aufzuraffen zu einem epischen Kraftakt, mit dem ein Jackpot geknackt wurde: Zu dem Titel kommen doch noch ein Europa-Ticket und Tantiemen, wie sie in Frankfurt noch nie eingestrichen wurden.

Etwas erfolgsmüde Bayern gehörten auch dazu, Fortune bei deren Lattentreffern und einem nicht gegebenen Elfmeter. Die Art und Weise, wie dieses Frankfurter Multi-Kulti-Team sein Glück erzwang, kommt aber so oder so an: Selten hat die Eintracht bundesweit für so schöne Schlagzeilen gesorgt, auf allen Kanälen werden Gacinovic und Co. Hymnen gesungen. „Die Glücklichen, die im Stadion waren, werden dieses Tor sicher nie vergessen“, schrieb die „Zeit“ etwa über dieses 3:1, mit dem vermeintlich übermächtige Bayern endgültig bezwungen waren, und rühmte es als „das perfekte Tor“, mit allem was dazugehört.

Der Hauptdarsteller selbst machte dazu gar keine allzu großen Worte. „Ich bin froh, dass ich endlich ein Tor gemacht habe. Und dann noch so ein wichtiges“, sagte Mijat Gacinovic nur. Dabei war es in letzter Zeit gar nicht gut gelaufen für ihn. Auch da erging es dem schmächtigen Serben wie der ganzen Eintracht: Nach einer guten Hinrunde kam er in der Rückrunde immer aus dem Tritt. Irgendwann gelang ihm, der auch immer etwas zu sehr an sich zweifelt, gar nichts mehr. Wenn er überhaupt noch auf den Rasen durfte. Manche hatten ihn gar nicht im Finalkader erwartet. Dann aber kam Gacinovic nach einer Stunde für Marius Wolf und tat, was er kann: unermüdlich rennen, den Gegner nerven, den Ball jagen – und ihn möglichst schnell nach vorne tragen, wenn er mal erobert ist.

So wie in der allerletzten Minute des 75. Endspiels um den DFB-Pokal, dramatischer hätte der Moment kaum sein können: Gerade war Felix Zwayer vom Studium der TV-Wiederholungen gekommen. Nicht wenige hatten damit gerechnet, dass der Schiedsrichter nun zum Strafstoßpunkt schreiten würde. So kurz vor dem Ende, der Sensation so nahe. Und dann pfiff Zwayer doch Ecke statt Elfer, warum auch immer, Jetro Willems köpfte den Ball aus dem Strafraum nach vorne zu Gacinovic. Der umspielte noch einen Bayern, und dann lief er auf das vom Münchner Schlussmann Sven Ulreich in verzweifelten Ausgleichsbemühungen verlassene leere Tor zu, Tausende auf den Rängen sprangen auf, rund 800 Millionen Menschen weltweit schauten zu und wussten: Das würde die Entscheidung sein, der gigantische Coup für den großen Außenseiter. „Ich glaube, es war gar nicht so einfach für Mijat“, meinte Verteidiger Marco Russ hinterher. „Er durfte sich nicht einholen lassen, nicht den Ball liegenlassen und nicht stolpern.“ Gacinovic aber, der übers Jahr schon die eine oder andere Chance versiebt hatte, ließ sich diese gewaltige Gelegenheit nicht entgehen, Nationalverteidiger Mats Hummels kam auch nicht mehr hinterher.

„Ich wusste, ich war schneller“, berichtete der 23-Jährige. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Trainer und Auswechselspieler schon Richtung Rasen rannten. Dann schob er den Ball locker ins Tor, nach rund 70 Metern, 30 Schritten, acht Sekunden – und das Olympiastadion explodierte vor Frankfurter Freude. Der Wahnsinn eben.

Anders als die Kollegen kann sich Gacinovic davon wohl nicht lange erholen, die Zeit reicht jetzt nur für einen kurzen Städtetrip. Er hofft, mit Serbien zur Weltmeisterschaft reisen zu dürfen. Der Berliner Auftritt sollte dabei helfen: „Vor dem Finale war es nicht so gut, aber es ist gut geendet“, urteilt er selbst. Tatsächlich hat er in den wichtigsten Partien für die Eintracht einige seiner besten Leistungen gezeigt: In den Relegationsspielen gegen den 1. FC Nürnberg vor zwei Jahren, als er ein Tor und eine Vorlage zur Rettung vor dem Abstieg beitrug. Beim knappen 1:2 im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund vor einem Jahr, als er Ante Rebic das zwischenzeitliche 1:1 auflegte. Und nun bei dieser historischen Rückkehr nach Berlin.

„Er ist ein Juwel“, schwärmte Trainer Niko Kovac seinerzeit in Nürnberg, „an ihm werden wir noch viel Freude haben“. In Berlin stimmte das. Noch sind seine Leistungen zu schwankend Mijat Gacinovic, dessen Vertrag bis 2021 befristet ist, gehört aber durchaus zu jenen Spielern, von denen die Eintracht hofft, sie vielleicht irgendwann mit einem größeren Mehrwert verkaufen zu können, das ist Teil des Geschäftsmodells. Schon nach der WM? Im Moment sieht es nicht unbedingt nach Abschied aus. Wann auch immer es dazu kommt: Der Platz im Eintracht-Geschichtsbuch ist Mijat Gacinovic wie allen seinen Pokalhelden-Kollegen jetzt schon sicher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare