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Der Paläoanthropologe und ?Lucy?-Entdecker Donald C. Johanson im Senckenberg-Naturmuseum. Der Fund des 3,2 Millionen Jahren alten Skeletts vor 44 Jahren war eine wissenschaftliche Sensation und galt lange als ältester Beleg für den aufrechten Gang unserer Vorfahren.

Senckenberg Museum

3,2 Millionen Jahre alte "Lucy" machte ihren Entdecker weltberühmt

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Er steht auf alte Knochen: Prof. Dr. Donald C. Johanson. Der renommierte Paläoanthropologe hat vor 44 Jahren „Lucy“ im Afar-Dreieck in Äthiopien ausgegraben. Die Dame war schon damals 3,2 Millionen Jahre alt. Und machte ihn weltberühmt.

Ja, er werde weltweit nur „Mr. Lucy“ genannt, erzählte der US-Wissenschaftler Donald C. Johanson (75) gestern im Senckenberg-Naturmuseum. Und saß „natürlich“ neben der Nachbildung eines menschlichen Skeletts in der Paläoanthropologie-Abteilung, umringt von Reporten, Fotografen und Wissenschaftlern. Johanson: „Ich wusste nicht, dass mich diese Frau, die ich nie kannte, mein Leben lang beschäftigen würde.“ Aber das störe ihn nicht. Und Robin Stratton, seit 20 Jahren mit ihm befreundet, Editorin seiner Bücher und seit zwei Jahren auch seine Lebensgefährtin, sagte lachend: „I’m not jealous (ich bin nicht eifersüchtig).“

Johanson ist der „King“ unter Paläoanthropologen und trotz seines Alters weltweit unterwegs und weiter forschend. Prompt war seine Lesung im Senckenberg-Naturmuseum gestern Abend – die 17. Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald-Lecture – ratzfatz ausgebucht. Mit dieser Vorlesung wird alljährlich der gleichnamige Gründer der paläoanthropologischen Abteilung der Senckenberg-Gesellschaft geehrt: von Koenigswald hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der Insel Java über hunderte Hominidenfossilien entdeckt.

Drachen-Zähne

Johanson lernte den 1982 in Bad Homburg verstorbenen von Koenigswald „Mitte der 1970er Jahre im Senckenberg-Museum kennen. Hier wurden wir Freunde. Er war sehr warmherzig, hatte eine magnetische Ausstrahlung. Und ich war so jung“. Und erinnert sich feixend an alte Zeiten: „Damals wurden in chinesischen Apotheken noch Drachen-Zähne verkauft...“

Zurück zu „Lucy“, deren offizielle Fundbezeichnung AL.288-1 lautet. Johanson und sein Postdoc Tom Gray gruben rund 40 Prozent ihrer Knochen am 24. November 1974 im äthiopischen Afar-Gebiet aus. Und weil sie bei der oft monotonen Arbeit immer und immer wieder das Lied „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles hörten, tauften sie den Fund „Lucy“. „Sie war so klein, wie sie da zu unseren Füßen im Staub lag“, sagte Johanson gestern fast zärtlich. Er, damals 31 Jahre alt, ahnte nicht, dass der Fund der wohl berühmtesten Australopithecus afarensis-Skelettreste eine wissenschaftliche Sensation sein und lange als ältester Beleg für den aufrechten Gang unserer Vorfahren gelten würde. Aber er wusste schon damals: „Hier erfüllt sich gerade mein Kindheitstraum.“ Erst drei Jahre nach dem Fund, 1977, „wisperten wir in unseren Labors davon, dass Experten von einer neuen Spezies sprachen“. Dabei debattiere man noch heute, wie genau eine Spezies zu definieren sei. Und sagt: „Wir werden immer unterschätzen, wie unterschiedlich die Menschen früher waren. Es gibt so viele Variationen der Gene.“

Weltweite Grabungen

Johanson, der sich schon durch den halben Erdball gegraben hat, wird in Fachkreisen verehrt, gilt als provokanter Redner. Lässig kann er die aktuellen Erkenntnisse über die bescheidenen Anfänge der Menschheit bis hin zu unserer heutigen globalen Dominanz in wenigen Sätzen darstellen. Und macht lachen, als er erzählt, dass die Franzosen es nicht sehr schätzten, dass 1856 Knochen des Neanderthalers in Deutschland gefunden wurden. Und überglücklich waren, als sie 1868 Knochen des Cro-Magnon-Menschen in der Dordogne ausgruben. „Jeder bedeutende Fund gilt als ’die Antwort‘, soll gleich Geschichte schreiben“, sagt Johanson.

Lange habe es den egozentrischen Ansatz gegeben, die Wiege der Menschheit liege in Europa, dann glaubte man, es sei Asien – doch heute wisse man, dass dies Afrika sei. Der afrikanische Schimpanse sei der nächste Verwandte des Menschen. Oder die etwas kleineren Bonobos. „Aber das sind nur Parameter – Evolution funktioniert über lange Zeit.“ Was ihn fuchst, ist der alte Hegel’sche Satz „Afrika hat keine Geschichte“. Doch jetzt bekomme Afrika seine Geschichte zurück, die Äthiopier seien sehr stolz auf „ihre Lucy“, es gebe überall Ausgrabungen in Afrika. „Wir alle haben afrikanische Gene in uns!“ Viele Funde lägen in Europa, dabei gehörten diese zurück nach Afrika.

Dass die US-Raumfahrtbehörde Nasa eine Sonde nach „Lucy“ und einen Asteroiden, an dem diese 2025 vorbeifliegen soll, nach ihm benannt hat, findet er nicht übel. Er vermisst nur ein paar Diamanten in der Sonde: „Das würde besser zum Lied ’Lucy in the Sky with Diamonds‘ passen.“

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