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Mirko Ferenczy steht vor der Tür der Rotlichtbar My Way und vor dem Laufhaus Taunus 26.

Porträt

Mirko Ferenczy: Notfalls zeigt er sein Sixpack

Am Tag ist er Pulverlackierer. Abends kümmert er sich um einen Pub in Sachsenhausen oder zeigt Muskeln als Türsteher im Bahnhofsviertel. Nachts zieht Mirko Ferenczy als Partylöwe durch Frankfurt. Und zwischendurch hilft er Obdachlosen oder pflegt seinen Schuhtick. „Alles zu 100 Prozent“, sagt er.

Berührungsängste kennt er nicht. Langeweile auch nicht. Mirko Ferenczy (37) steht mit Atemmaske in einer Betonhalle vor dem fünf Meter langen Heizofen, die Pulverpistole im Anschlag. Es zischt, die Farbe wird elektrostatisch aufgeladen, und er übersprüht 100 Quadratmeter Zaungeländer aus Aluminium in dunklem Braun, bevor der Zaun nach und nach bei 200 Grad Hitze im Brennofen verschwindet. „Wer heute leitfähiges Material bringt, hat es morgen bunt“, sagt der Mann mit der Wollmütze. Das Gesicht verschmiert, die blauen Augen stechen, umrandet von braunen Farbpartikeln, hervor. „Ohne Q-Tips geht beim Waschen gar nichts“, entschuldigt er sich lachend. Seit 14 Jahren ist der Frankfurter Bub Pulverlackierer, seit acht Jahren mit eigener Firma selbstständig in Fechenheim.

Am Eingang steht ein asiatisches Motorrad im Harley-Look im Kleinformat. „Die hat mein Freund Richard meinem Sohn Tony zum vierten Geburtstag geschenkt.“ Ferenczy hat den Chopper pulverbeschichtet, konnte es nicht lassen, ihn wie eine echte Harley aussehen zu lassen. „In zwei Jahren kann Tony damit auf dem Hof rumfahren“, sinniert er, während Kunden riesige Gitter oder filigranes Metall wie Kennzeichenhalter für Motorräder abliefern. „Leute von der Harley Factory Frankfurt kommen oft zu mir und suchen sich ihre Lieblingsfarben aus.“

Mitarbeiter Robin (19) ist stolz. „Wer weiß, wo ich gelandet wäre. Aus drei Schulen bin ich rausgeflogen, der Chef hat mir ein Praktikum angeboten und mich danach sogar eingestellt.“

Ferenczy grinst. „Ich war selbst auf fünf Schulen, wurde gehänselt. Ich war der Kleinste und habe weiße Haare. ,Heino‘, ,Albino‘ und ,Kleiner‘ haben sie mich genannt.“ Mit 15 begann er zu boxen, lernte Kampfsport. Eine Kochlehre hat er abgebrochen, Einzelhandelskaufmann ausgelernt. „Dann ging’s los, seither mache ich mein Ding.“

Eintönigkeit mag er nicht, und Arbeit kann es nicht genug geben. „Da kommt das Sternzeichen Zwilling durch“, erklärt er seine Umtriebigkeit. Mindestens einmal in der Woche führt er Regie im O’Dwyer’s Irish Pub in Alt-Sachsenhausen. Er räumt an der Theke auf, berät drei Türsteher und achtet auf „richtiges“ Publikum. Mit goldener Rolex am Arm. „Nicht als Luxusartikel, aber die ist gut, wenn man mal schnell Geld braucht“, meint er grinsend. Klamotten kauft er auch bei Zara, nur bei Schuhen kann er nicht widerstehen.

„Alt-Sachsenhausen ist heftig. Schlägertypen kommen hier nicht rein. Und wenn es draußen kracht, arbeiten wir eng mit der Polizei zusammen. Es ist schlimm, wie wenig Respekt die Youngster haben und einfach losprügeln“, so Ferenczy. „Es ist nicht leicht, die Leute zu filtern. Dazu gehört Erfahrung und Menschenkenntnis. Wer schon völlig betrunken ist, will nicht hören und nach Hause gehen. Zuschlagen geht auch nicht, sonst bekommen wir eine Anzeige.“ Erst wenn ein Türsteher selbst tätlich angegriffen werde, gebe es „ne Schelle mit der flachen Hand“. Man dürfe sich nicht provozieren lassen. „Wir hören Sprüche wie ,armer Türsteher‘, ,nichts gelernt‘ und ,Hurensohn‘.

Mit seinen 1,70 Meter Länge steht er unauffällig auch im Bahnhofsviertel vor der Tür und strahlt natürliche Autorität aus. Manchmal ebenfalls an der Rotlichtbar My Way neben dem Laufhaus Taunus 26, die sein Freund Richard Böhlig betreibt. Wenn jemand frech wird, bittet ihn Ferenczy, zu gehen – oder er zieht seinen Pullover hoch. Auf dem Sixpack steht tätowiert „In der Ruhe liegt die Kraft“, auf seinen Armen sind Familienwappen und sein Sohn verewigt. „Die Drogenszene ist übel. Dabei ist die Lösung einfach. Man sollte die Drückerstuben rund um die Uhr offenhalten. Dann könnte man Junkies verbieten, auf der Straße zu stehen. Das sähe besser aus auf der Straße, Dealer hätten weniger Zugang zu den Leuten, und sie könnten leichter verhaftet werden“, ist er überzeugt.

„An der Tür haben wir hauptsächlich Probleme mit Betrunkenen. Junkies wollen nicht in Bars oder in Puffs, sie suchen draußen Stoff. Zugedröhnte Alkoholiker, die meist keinen deutschen Pass haben, versuchen, in die Bar zu kommen oder zu den Mädchen im Laufhaus zu torkeln. Das geht gar nicht. Die Frauen müssen geschützt werden. Also fangen wir die Jungs im Treppenhaus ab und bringen sie wieder nach draußen. Wenn es zu heftig wird, rufen wir die Polizei. Die nimmt sie dann mit.“

Zwischen Pulverbeschichtung, Pub und Rotlicht läuft Ferenczy durch die Straßen in der Stadt. Zu Hause ist er selten, seine Lebensgefährtin lässt ihm seine Freiheit.

Unterwegs tippt Ferenczy Bettlern freundlich auf die Schulter. Er spricht mit ihnen, fragt, was sie brauchen. „Sie erzählen mir oft ihr ganzes Leben. Woher sie kommen, warum sie keine Bleibe finden.“ Mit einem 30-jährigen Obdachlosen hatte er vor einigen Monaten so viel Mitgefühl, dass er ihn auf eigene Kosten in der Jugendherberge untergebracht hat. „Ich wollte ihm Arbeit geben. Dann hat sich herausgestellt, dass er von der Polizei wegen Betruges gesucht wird. Pech. Für ihn und für mich.“

Das hat ihn nicht entmutigt, er setzt sich ein, gibt Obdachlosen Geld für einen Rucksack oder Essen. Er spendiert Jugend-Fußballclubs-Trikots, spendet der Aids-Hilfe oder einem Kinderhospiz. Die Leute freuen sich, Ferenczy auch. „Ich mag Menschen, und ich mag es zu helfen.“

Und er mag es auch zu feiern. Wo immer er hinkommt, stehen ihm die Türen offen. Er ist in der Frankfurter Club- und Partyszene bekannt wie ein bunter Hund. Schulterklopfen, Küsschen und „ei Gude wie“ von riesigen Männern in Lederjacken, Blondinen auf High Heels – egal, in welchem Club er auftaucht, das Bild wiederholt sich. Als Partylöwe entspannt Ferenczy bei Wodka-Lemon. Er tanzt jedoch nie, beobachtet und reflektiert lieber. Sein Fazit: „Das Leben ist bunt. Es gibt viel Elend und Schönes. Bei Elend helfe ich. Schönes genieße ich. Widersprüchlich mag ich. Es macht mein Leben in Frankfurt zu 100 Prozent lebenswert.“

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