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Mit Basquiat und Farbe nach Zürich

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Von: Friedrich Reinhardt

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Tim Grieshaber zeigt in seinem Enkheimer Atelier das Bild. „Paris’08“. 2400 Euro kostet das Werk. Am kommenden Samstag eröffnet der 15 Jahre alte Schüler eine Ausstellung in Zürich. FOTO:
Tim Grieshaber zeigt in seinem Enkheimer Atelier das Bild. „Paris’08“. 2400 Euro kostet das Werk. Am kommenden Samstag eröffnet der 15 Jahre alte Schüler eine Ausstellung in Zürich. FOTO: Rainer Rüffer © Rüffer

Den 16 Jahre alter Schüler Tim Grieshaber machte die Pandemie zum Künstler

Das Atelier von Tim Grieshaber liegt versteckt an der Borsigallee in der Lagerhalle neben einen Weinfachhandel. Ein kleines Büro, allenfalls zwölf Quadratmeter, voller Kunst, Farbe und Chaos. Farbtuben und Graffitidosen liegen kreuz und quer auf dem Boden. Da liegen eine Mischpallette und ein Abtropfgitter. Daneben ein Skizzenblatt, auf dem Grieshaber ein Auge gezeichnet hat. An den Wänden lehnen seine fertigen Werke. Auf die kahlen, weißen Flächen hat Grieshaber Sprüche und Skizzen gemalt. Irgendwie passt der 16 Jahre alte Künstler in dieses Chaos. Und irgendwie auch nicht.

Wie der Boden sind sein Pullover, seine graue Jogginghose und die Schuhe übersäht mit Farbklecksen. In all dem Durcheinander ist Grieshaber aber ein Ruhepol. Er wirkt introvertiert, auf Fragen antwortet er knapp. Er schweift nicht aus, wird nicht emotional. Ganz anderes als die Bilder des jungen Künstlers, die er ab nächster Woche sogar in Zürich ausstellen wird.

Plötzlich inspiriert von Basquiat

Kunst habe ihn irgendwie immer begleitet. Im Kindergarten habe er gemalt - wer nicht? „Kunst gehört auch zu meinen Lieblingsfächern.“ Derzeit geht er in die zehnte Klasse am Gymnasium Nord in Westhausen. Aber erst während des Corona-Lockdowns, in der Isolation des Home-Schoolings, blühte seine Inspiration richtig auf. Er habe viel nachgedacht, in dieser Zeit, erzählt er. Und ihm sei die Ausstellung mit Werken des US-amerikanischen Neoexpressionisten Jean-Michel Basquiat wieder in Erinnerung gekommen. Warum, das wisse er nicht. 2018 hatte er sie in der Schirn gesehen. Die Ausstellung habe ihn wie „aus heiterem Himmel“ interessiert. Er begann er sich in Basquiat zu verlieren, las über ihn, studierte seine Werke.

„Deshalb habe ich angefangen, an seine Art zu malen anzuknüpfen.“ Erst malte er in seinem Kinderzimmer kleinformatige Bilder. Dann wurde sie größer. Schnell übernahm das Künstler-Chaos das Kinderzimmer. Der Vater überließ ihm deshalb das kleine Büro an der Borsigallee.

Grieshaber stammt aus keiner Künstlerfamilie. Der Vater habe „wenig mit Kunst am Hut“ und verirrt sich auf Städtetrips nie in Museen. Seine Mutter wiederum habe ihn schon früh mit der Kunst vertraut gemacht. Sie selbst male gelegentlich. „Meine ersten Farben und Leinwände habe ich von meiner Mutter bekommen. Es waren ihre Farben“. Seine eigenen Werke beschreibt Tim als „emotional, expressionistisch“. Er sei „nicht begabt darin, realistisch zu malen“. Aber die grellen Farben aus Acryl, Wachsmalstiften und Ölkreide, die klobigen Figuren und die wie ein innerer Monolog wirkende Aneinanderreihung wirrer Wörter aus Graffiti - diese Art zu malen läge ihm. „Dadurch kann ich mich besser ausdrücken, weil ich keine besonderen Techniken beherrschen muss.“

Seine Inspiration Basquiat ist auf seinen Leinwänden zu erkennen. Der amerikanische Künstler (1960 bis 1988) war bekannt dafür, auffällige Farben mit Piktogrammen, texturierten Kritzeleien und wiederkehrenden Symbolen zu verbinden. Aber wo Basquiat Themen wie Sterblichkeit, Ethnie und Identität verarbeitete, seien die Themen, von denen Grieshabers Bilder handeln, andere. „In meinen Bildern verwende ich Aspekte oder Dinge in meinem Leben, die mich in irgendeiner Weise beeinflussen, besondere Ereignisse, Musik oder Mode.“ Ob Wut, Trauer, Glück - seine Werke sind geprägt von seinen Emotionen. Für ihn ist Kunst ein „sehr guter Druckablasser, um meine Meinung auf eine Leinwand zu bringen“.

Auf TikTok wird er entdeckt

Mit 15 Jahren - ohne jegliche Erfahrung auf dem Kunstmarkt - beschloss er, seine Kunst der Welt zu präsentieren. Im Internet habe er Kunstausstellungen gesucht und sei auf die Künstlerstadt Kalbe gestoßen, zwei Stunden von Berlin entfernt. Diese habe Künstler gesucht, die für sie Ausstellungen veranstalten. „Da habe ich mich beworben und die wollten dann eine Ausstellung mit mir machen“. So kam seine Premiere zustande. „Das war meine erste Ausstellung“, sagt er nüchtern, ohne jede Spur von Übermut. Als sei das nichts Besonderes für einen 15-Jährigen.

Zur zweiten Ausstellung kam er zufällig. Über die Kurzvideoplattform TikTok gewannen seine Werke an Aufmerksamkeit. Er selbst sei nicht auf TikTok, sieht in den „Unterhaltungsvideos“ keinen Wert. Zu viel Zeit investierten die Jugendlichen in seinem Alter auf den sozialen Medien, sagt er. Ein Bekannter jedenfalls zeigte Bilder von Grieshaber auf seinem Kanal - in Zürich wurde ein Kurator darauf aufmerksam. Am 11. März ist Vernissage.

Seine wachsende Professionalität zeigt auch ein Katalog mit seinen Bildern. Zwischen 3100 Euro und 1600 Euro kosten die - allesamt großformatigen - Bilder. Später würde er gern von seiner Kunst leben können. Trotzdem sagt er: „Ich konzentriere mich jetzt eher auf meine schulische Karriere und gucke, dass ich eine Ausbildung bekomme.“ Aber wer weiß, unter den Besuchern in Zürich werden auch Galeristen sein. Ist er aufgeregt? „Ja, ein bisschen.“ Valentina Tornabene

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