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Anwohner engagieren privaten Sicherheitsdienst

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Von: Sabine Schramek

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Weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wussten, haben Anlieger der Niddastraße nun einen privaten Sicherheitsdienst engagiert, der in der Straße nach dem Rechten sieht. Seit zwei Wochen sind Aziz Abedalazis (43) und Mustafa Ali (31) (rechts) im Quartier unterwegs. Seitdem, so der Tenor bei Passanten und Anliegern, habe sich die Situation enorm entspannt.
Weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wussten, haben Anlieger der Niddastraße einen Sicherheitsdienst engagiert. Seit zwei Wochen sind Aziz Abedalazis (43) und Mustafa Ali (31) (rechts) im Quartier unterwegs. © Rainer Rüffer

Anwohner aus dem Bahnhofsviertel haben einen Sicherheitsdienst engagiert. Sie wollen nicht länger darauf warten, dass die Stadt Frankfurt tätig wird.

Frankfurt – „Psssst, brauchst Du was?“ raunt ein Mann Passanten an, die ihre Tasche fester halten und schnell in den Arkaden weitergehen. In einer Ecke in der Niddastraße hinter dem schmalen Durchgang zur Düsseldorfer Straße wechseln Drogen und Geld schon frühmorgens von Hand zu Hand. Offen und unbeeindruckt von anderen Leuten, die aus Hotels zur Bahn hasten. Bis zu dem Moment, als zwei Männer in dunkler Kleidung wortlos vom Karlsplatz her durch die Straße gehen und sich nähern. Dealer und Kunden sind ebenso schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Dienstbeginn für die Sicherheitsmänner Aziz Abedalazis (43) und Mustafa Ali (31).

„Als wir vor zwei Wochen das erste Mal hier waren, war es anders. Überall Dealer, Obdachlose, die hier vor Haustüren geschlafen haben, Dreck, Urin, Kot, schreiende Leute und Musik so laut wie in der Disco“, erzählen die durchtrainierten Männer und lächeln, als ihnen Geschäftsleute zuwinken, die in ihre Büros gehen. „Endlich ist hier Ruhe, es ist sauber und nicht mehr wiederzuerkennen“, sagt Ralph Hofmann erleichtert, der hier seit 26 Jahren eine Pelzfirma hat.

Frankfurt: Bahnhofsviertel wird laut Bürgern schlimmer

„Ich war vor fünf Jahren schon mal hier. Jetzt ist das Viertel noch schlimmer“, findet Alessandro Hörmann, der in Berlin, New York, Uganda und Shanghai gelebt hat. Er arbeitet für die Bundesbank und wohnt in einem Hotel im Viertel. „Im Anzug traut man sich in der Gegend kaum auf die Straße. Das habe ich sonst noch nirgends erlebt, dass ich mich so unwohl fühle. Ich gehe jetzt extra hier durch die Straße, weil hier jemand ist, der aufpasst“, sagt er und lobt die Männer von Alybaba. Deren Chef, Karim Aly, hat die Hausverwalter in der Niddastraße überzeugt, dass es funktionieren kann, die Straße sicherer zu machen. „Mit Präsenz, gut ausgebildeten Sicherheitsmitarbeitern, Kommunikation und ein bisschen Autorität. Ohne irgendwelche Handgreiflichkeiten“, erzählt Aly. Anfangs sei er auf Skepsis gestoßen, aber schon jetzt sei der Unterschied zu vorher enorm.

Huy Pham arbeitet an der Rezeption vom 25hours Hotel und ist „froh, dass jemand da ist, der ein Auge auf die Straße hat. Es ist mega, dass da ein Zeichen gesetzt wird, wir hatten vorher immer wieder Leute hier, die kaum rauszubekommen waren. Wenn die Jungs auch nachts Präsenz zeigen würden, wäre es perfekt.“

Sicherheitsdienst im Frankfurter Bahnhofsviertel: „Die meisten hören auf uns“

Abedalazis und Ali sehen sofort, wenn sich zwielichtige Gestalten nähern. Ein Blick genügt mittlerweile, und die Finsterlinge gehen weiter. „Anfangs mussten wir viel reden. In vielen Sprachen. Sie sind dann zwar gegangen, aber kurz danach zurückgekommen. Niemand hat wohl damit gerechnet, dass wir einfach immer da sind und die Leute jedes Mal wieder weiterschicken“, so der Jordanier Abedalazis, der Fitness-Trainer ist und diverse schwarze Gürtel hat, lächelnd. Freundlich, aber bestimmt hält er einen stark betrunkenen Mann davon ab, sich in einen Hauseingang zu setzen. Er stellt sich in den Eingang und sagt ruhig „gehst weiter, bitte“. Er geht.

Ali, der in Äthiopien als Deutschlehrer gearbeitet hat und ebenfalls sehr sportlich gebaut ist, winkt nur mit der Hand ab, als ein Dealer von der Düsseldorfer Straße in die Niddastraße gehen will. Der dreht sofort ab. „Wir reden mit jedem respektvoll und in seiner Sprache“, so Abedalazis. „Die meisten hören auf uns. Wenn dennoch jemand in unserem Bereich Drogen verkauft oder konsumiert und nicht gehen will, rufen wir die Polizei. Das ist zum Glück nur selten nötig.“

Abends geht es im Frankfurter Bahnhofsviertel wieder von vorne los

Tinsae Ghebreselasie, der seit 25 Jahren die Beauty Zone in der Arkade betreibt, grinst. „So geht das“, sagt er und erzählt, dass es schon einmal Sicherheitsleute gegeben hat. „Die hatten keine Ahnung, was hier abgeht und wie man mit Leuten umgeht. Die beiden strahlen Präsenz, eine Botschaft und eine Position aus. Sie haben Background und wissen, wie man eine Message ausstrahlt. Sie erreichen durch pure Anwesenheit in zwei Wochen mehr als die Stadt Frankfurt in Jahren. Solange die Security da ist, gibt’s hier keinen Deal mehr.“

Die Dame vom Kiosk nebenan zeigt wütend auf ihre Scheiben und Türen, die gesprungen sind durch Steinwürfe. „Das passiert nachts, wenn wir nicht da sind. Bis zum Oberbürgermeister fordern wir immer wieder Kameras. Eine Antwort gibt es nicht. Die Polizei sagt, dass das nicht erlaubt ist.“ Nach Büroschluss gehen Abedalazis und Ali nach Hause. Die Szene kommt zurück. „Psssst, brauchst Du was?“, raunt es. Bis zum nächsten Vormittag, wenn die beiden Männer in Uniform wieder durch die Straße gehen. (Sabine Schramek)

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