Was wie ein großer Haken aussieht ist eine Sonde, die nach Stickstoff und metallischen Verbindungen sucht. FOTO: schramek
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Was wie ein großer Haken aussieht ist eine Sonde, die nach Stickstoff und metallischen Verbindungen sucht.

Gefährlicher Job

Frankfurt: Kampfmittelsucher bei Arbeit beschimpft - Wegen Sperrung des Nördlichen Mainufers

  • VonSabine Schramek
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Die zeitweise Sperrung des Nördlichen Mainufers zwischen Eisernem Steg und Untermainbrücke war für viele ein Ärgernis. Das bekamen auch die Kampfmittelsucher zu spüren.

Frankfurt - Wie aus dem Nichts war am Montagmorgen der Fußgänger- und Radfahrerbereich direkt am Main mit rot-weißen Gestellen abgesperrt. Nur ein unscheinbarer VW-Bus, einige Männer mit Warnwesten und ein feiner Hamburger Herr mit Weste unter dem dunkelblauen Jackett und Strohhut durften noch am Ufer sein. Jogger springen über die Absperrung und werden freundlich aber bestimmt wieder rausgeschmissen. "Was soll das? Wir wollen hier lang!" rufen sie wütend. "Hier wird nach Kampfmitteln gesucht", lautet die Antwort, die auch die lautesten Querulanten umgehend verstummen lassen. Die Zwillinge Maximilian und Philipp Backup aus Magdeburg sind hier, um die Schiffsanlegestellen per Neutronen nach Kampfmitteln abzusuchen. "Dabei entsteht Radioaktivität", sagt ein Mitarbeiter der Kampfmittelräumer, die als einzige Firma in Deutschland dieses Verfahren anwenden und europaweit gerufen wird.

"Wir suchen nicht nach Metall, sondern nach Stickstoff und bestimmten metallischen Verbindungen aus organischem Material, das Hinweise auf Kampfmittel und Kontamination gibt", erklärt der Mann, während eine lange Sonde, die wie eine Stange oder ein Haken aussieht, Richtung Wasser gelassen wird, an der lange Kabel angebracht sind. Bis zu drei Kilometer Tiefe können sie ins Wasser gelassen werden. "Aber so tief ist der Main ja nicht", sagt der Mann und grinst. Der Geophysiker Maximilian Backup geht auf den eleganten Herren mit Strohhut zu und teilt mit, dass er zusätzliche Messungen zwischen den vorgegebenen Punkten für nötig hält, "weil einige Kabel irritieren könnten". Er nickt und stimmt zu. Der Herr ist Dr. Ing. P.J. Wagner, Gutachter und Sachverständiger für Bauen und Umwelt und kommt aus Hamburg.

Kampfmittelsuche in Frankfurt: Standardverfahren nicht möglich

"Ob hier etwas ist, wissen wir erst, wenn alle Daten ausgewertet sind", sagt er. "Am Ende entscheide ich, ob alles Okay ist für die Reparaturarbeiten, oder ob evakuiert werden muss, weil wir etwas finden", sagt er. Ein Standardverfahren zur präventiven Kampfmittelsuche sei hier an dieser Stelle am Ufer nicht möglich, daher habe er sich für Geo Neutron entschieden. "Ich mache Kampfmittelsuche mit der passenden Technik für die Anforderungen. Sicherheit geht immer vor." Beim gewählten Verfahren muss an allen 13 Stellen zum Anlegen für Schiffe nicht gebohrt werden. Dafür tragen die vier Männer kleine Geräte am Gürtel. Damit wird Radioaktivität gemessen. Immer wieder wird Strom für eine Minute lang an die Sonde angeschlossen. Dann heißt es, zehn Meter Abstand zu nehmen. Während dieser Minute und für fünf weitere Minuten, falls etwas nachstrahlen sollte.

Was für die genervten Fußgänger nach Nichts aussieht, ist durchaus riskant. Eine Radfahrerin fährt über das Kopfsteinpflaster hinter der Absperrung, stürzt und schreit die Männer an, was das solle, dass ihr Radweg nicht frei ist. Einer der Kampfmittelräumer und ein Mann von der Stadt, der die Sperrung aufgebaut hat, rennen zu ihr, helfen auf. Einen Arzt verweigert sie. "Ich fahre immer hier lang. Was treibt Ihr hier?", schreit sie weiter. Die Männer erklären ihr ruhig die Situation und weisen auf das Umleitungsschild hin. Sie schimpft weiter, dass sie "so etwas nicht sehen muss. Ich fahre immer hier lang." Die Männer arbeiten weiter, die Sonde wird ins Wasser gelassen, der Computer sammelt Daten.

Wagner lobt die Organisation vom HFM, dem Management für Hafen und Markt. "Das ist vorbildhaft mit der Absperrung und der Zusammenarbeit", sagt er. Christian Schneider vom Wasserbau freut sich über das Lob. "Wir wollen natürlich möglichst wenig Unannehmlichkeiten für die Leute, aber die Festmacher für die Boote müssen saniert werden. Dabei können und wollen wir keine Risiken eingehen." Die Teile seien so alt wie die Hafenwände und Papiere zu den Planungsgrundlagen gäbe es nicht. Die Arbeiten beginnen erst, wenn der Gutachter die Stellen für sicher erklärt. "Dann gibt es wenig Störungen, weil das meiste vom Wasser aus modifiziert werden kann", so Schneider, der außerhalb der Absperrung steht. Die Kampfmittelsucher halten wieder großen Abstand von der Sonde. Sechs Minuten lang. Passanten schimpfen weiter. (Von Sabine Schramek)

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