Der 80-jährige Abraham bar Ezer zeigt seinem Enkel den Bahnsteig, an dem er 1939 Abschied genommen hat von seiner Familie. Er sah sie nie wieder.
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Der 80-jährige Abraham bar Ezer zeigt seinem Enkel den Bahnsteig, an dem er 1939 Abschied genommen hat von seiner Familie. Er sah sie nie wieder.

Unesco-Projekt auch an Frankfurter Schulen

Mit der Bilderbox dem Antisemitismus vorbeugen

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
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Frankfurter Fotograf Rafael Herlich hat zahlreiche Motive über das jüdische Leben geliefert.

Frankfurt -Die Bilder des Frankfurter Fotografen Rafael Herlich werden im kommenden Schuljahr zum Thema in 300 Schulen Deutschlands. Der 67-Jährige ist darauf sehr stolz: "Ich kann mit meinen Bildern jüdisches Leben in der Gegenwart an Kinder vermitteln." Das sei wichtig, um Antisemitismus vorzubeugen.

Herlich bestückt mit seinen Bildern die Hälfte der "Bilderbox", welche die Unesco ihren rund 300 Projektschulen zur Verfügung stellt. "Die Box wird in diesen Tagen gedruckt", sagt der Bundeskoordinator Projektschulen bei der Unesco Deutschland, Klaus Schilling. Ehe er zur Unesco nach Bonn wechselte, war er lange Lehrer an der Humboldt-Schule in Bad Homburg. Damals entstand eine Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum, das auch jetzt dabei ist: Es hat die Box in Kooperation mit Schilling entwickelt.

Sie enthält 36 Karten, gefertigt aus stabilem Papier. Auf der Vorderseite ist bei 18 der 36 Karten ein Foto von Herlich, bei den anderen sind es Dokument-Faksimiles oder andere Bilder. Auf der Rückseite finden sich jeweils Zusatzinformationen und Arbeitsvorschläge für die Schüler.

Die Lehrkräfte der Projektschulen - in Frankfurt sind es die Wöhlerschule, die Anna-Schmidt-Schule und das Abendgymnasium - sind informiert und haben einzelne Karten bereits online gesehen und diskutiert. Die Fotomotive sind bundesweit aufgenommen - so bei der Eröffnung der Münchener Synagoge, beim Sportverein Makkabi in Berlin, beim Foto-Abschied am Bahnsteig in Frankfurt. Dieses Foto ist besonders ergreifend: Der 80-jährige Abraham bar Ezer - den Namen nahm Markus Stutzmann in Israel an - zeigt seinem Enkel den Bahnsteig, an dem er 1939 Abschied genommen hat von seiner Familie. Sie hatten ihm eine Ferienreise versprochen. Es wurde ein Abschied für immer: Mit einer Kindergruppe aus dem jüdischen Waisenhaus in Frankfurt fuhr der Zug nach Triest. Und von dort ging es per Schiff nach Tel Aviv. Der Zehnjährige hat seine Mutter, die ihn auf diesem Kindertransport unterbringen konnte, nie wieder gesehen. Sie wurde 1941 im Ghetto in Minsk, wohin man sie verschleppt hatte, ermordet. 2010 kam er zurück nach Frankfurt, um bei der Verlegung eines Stolpersteins vor seiner damaligen Wohnung dabei zu sein.

Fotos geben Grund zur Diskussion

"Die anderen Fotos geben ebenfalls Grund zur Diskussion in der Klasse", sagt Schilling. "So haben bei unserer Online-Konferenz schon Religionslehrer gesagt, dass das Foto eines tätowierten jüdischen Mannes sehr interessant ist." Denn sowohl Judentum als auch Islam verbieten Tätowierungen eigentlich.

Die Schulen können mit der Box frei umgehen: Eine Ausstellung in der Aula ist ebenso möglich wie eben Gruppenarbeiten. Die Schüler sollen angeregt werden, sich mit dem Judentum in ihrer Kommune zu beschäftigen. Wo stand die Synagoge? Gibt es eine jüdische Gemeinde hier? Könnten wir da mal hingehen? Etc. Der Antisemitismus auf dem Schulhof kann ein Thema werden und ebenso, wie Schilling betont, die reichhaltige jüdische Geschichte Deutschlands über 1700 Jahre. „Das Bildungsmaterial bietet Einblicke in die lange und wechselvolle gemeinsame Geschichte von Juden und Deutschen“, so Schilling. „Damit stärken wir den Einsatz für eine offene und vielfältige Gesellschaft auch heute.“ Die 36 Karten stellen in seinen Worten eine "streng ausgewählte Fülle" dar.

Thematisch erschließt sich das Material in mehreren Fächern: In Kunst und Deutsch, in Sozialkunde und Geschichte und im Religionsunterricht. "Was die Lehrer daraus machen, ist ganz ihnen überlassen, aber über das Netzwerk der Projektschulen können sie sich austauschen", so Schilling. Am 25. November ist, sofern Corona es zulässt, ein dreitägiger Aufenthalt von 50 Schülern in Frankfurts neuem Jüdischen Museum geplant. Dort können sie die Ergebnisse ihrer Arbeit vorstellen. Das Projekt sei damit noch nicht zu Ende. Es heißt also nicht, dass die Boxen nach diesem Datum in den Kartenraum wandern.

Zumal das Interesse an den Bilderboxen sehr groß ist: Die Erstauflage beträgt alleine 1100 Exemplare. Viele Bundesländer haben Interesse bekundet, damit das Lehrmittel mit den Bildern des Frankfurter Fotografen auch anderen Schulen als den etwa 300 Unesco-Projektschulen zugänglich gemacht werden kann. Rafael Herlich freut sich darüber. thomas j. schmidt

Ein tätowierter jüdischer Mann. Das Judentum verbietet Tätowierungen eigentlich.
Schwören sich auf das Match ein: Spieler des Sportvereins Makkabi in Berlin.
Rafael Herlich.

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