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Jürgen Kneussel (77) vor seinem Meisterwerk. Schon drei Bilder umfasst die Krippe, die der gelernte Werkzeugmacher gebastelt hat. Zu sehen sind die Dioramen noch bist zum 2. Februar.

Bastler mit Ambitionen

Mit ganz viel Liebe zum Detail

  • vonFriedrich Reinhardt
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BERGEN-ENKHEIM Einmalige Krippe lockt in die Heilig-Kreuz-Kirche.

Wer zu einem festen Termin mit seiner Arbeit fertig sein muss, der darf sich nicht in Details verlieren - eigentlich. Bei Jürgen Kneussel verhält es sich etwas anders. Wenn der 77 Jahre alte Bergen-Enkheimer in den vergangenen Monaten in seiner engen Werkstatt an der Krippe für die Heilig-Kreuz-Kirche schraubte, klebte, sägte oder malte, war er ganz und gar in Details versunken. Und trotzdem kommen nun schon die ersten Kirchgänger mit gezückter Digitalkamera in den Andachtsraum, um Bilder von Kneussels Werk mit nach Hause nehmen zu können.

Nach dem Duft von Räucherkerzen riecht es dort, Wasser plätschert irgendwo und die Krippe erstreckt sich inzwischen über die ganze Länge des Raumes. Sie besteht aus drei Teilen. Der erste Teil zeigt seit 2018 die Geburt Jesu, der zweite Teil, die Herbergssuche, entstand 2019 und 2020 nun die Flucht nach Ägypten.

Eine Entdeckung nach der anderen

Die Bewunderung trifft den Betrachter in Wellen immer neuer Entdeckungen. Die dreidimensionalen Szenen, die Kneussel entwirft, wirken erst wie Wimmelbilder. "Rund 180 Figuren habe ich in allen drei Teilen eingesetzt", sagt Kneussel. Und schau an: Die Figuren im Vordergrund sind größer als jene im Hintergrund. Kneussel spielt mit der Perspektive, um die Szenen räumlicher wirken zu lassen.

So geht es weiter, wohin man seine Aufmerksamkeit auch richtet. Da! Die Gischt des Wasserfalls ist mit Watte realistisch getroffen. Oder das Lagerfeuer: Es qualmt tatsächlich. Von dort kommt also der Räucherkerzenduft und in der Lehmhütte hinten in der Ecke blickt man durchs offene Fenster auf ein Bett.

Wie viel Arbeit hinter diesen Details steckt, wird nach und nach klar, wenn Kneussel über seine Arbeit spricht. Die Wolle habe Viskosewatte sein müssen, sagt er. "Mit Baumwollwatte entstehen lauter kleine Knöllchen."

Für das rauchende Lagerfeuer hat Kneussel ein Loch in den Boden geschnitten, eine Dose darunter angebracht, so dass darin nun eine Räucherkerzen rauchen kann. Die Glut habe er aus klein geschlagenen CD-Hüllen gebastelt. Oder das Schilf am Bachlauf. "Das sind kleine Pinselbürsten", erzählt der pensionierte Werkzeugmacher. Und die Palmenstämme? "Das sind 258 einzelne Glieder von Tannenzapfen", erklärt Kneussel. 258 solcher kleiner Teile pro Palmenstamm wohlgemerkt.

Acht Stunden am Tag gewerkelt

Experimentieren, basteln, verwerfen, erneut versuchen und wieder basteln. Bis zu acht Stunden am Tag habe er im vergangenen Jahr in seiner Werkstatt damit verbracht, erzählt Kneussel. Die Stoffe habe seine Frau genäht: die Kissen und Decken des Mannes mit der Wasserpfeife im Wüstenzelt etwa.

Hinzu kommt die Suche nach den richtigen Bauteilen und Figuren. "Die Wasserpumpe mit Beleuchtung war nicht leicht zu bekommen", sagt Kneussel - ach, da kommt das Wasserplätschern her - und bei den Figuren, die der Krippenbauer im Internet bestellt, achte er darauf, "dass sie auch einen Gesichtsausdruck haben". Etwa 2800 Euro habe er für die Figuren bezahlt, schätzt Kneussel. Hinzu kämen noch 4000 Euro für die anderen Materialien.

Bis zum 2. Februar ist die Krippe in der Heilig-Kreuz-Kirche in der Barbarossastraße noch zu sehen. Von 8 Uhr bis 18 Uhr ist der Andachtsraum geöffnet. Für einen möglicherweise vierten Teil zum nächsten Weihnachtsfest müsste man eine Wand rausreißen. Ob es diesen also geben wird, ist offen, sagt Kneussel. Bei welchem Projekt er sich in diesem Jahr in Details verlieren wird, ebenso. Friedrich Reinhardt

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