fff_ofen_161120
+
Immer mit der Ruhe und erst einmal Tee trinken. Für Metin Yildirim ist das kein Spruch, sondern Wirklichkeit. Trotz der Krise wagt er in der Großen Rittergasse mit dem gemütlich eingerichteten Mezze & More einen Neustart. Auch wenn er an seinem bollernden Ofen noch keine Gäste bewirten darf. foto: rüffer

Sachsenhausen: Gastroszene

Mit Kamin und Samowar gegen den Corona-Frust

  • vonSabine Schramek
    schließen

Einfallsreiche Wirte aus dem Viertel wissen sich zu helfen. Gulaschkanone und Gans-to-go.

Der Kunde ist König. In Zeiten, in denen Gastwirte um ihre Existenz bangen, das Essen gehen nicht erlaubt ist und das Wetter griesgrämig, verlieren die Gastronomen trotz allem nicht den Mut. In Alt-Sachsenhausen gibt es jede Menge Überraschungen.

Geht nicht, gibt's nicht

Touristen kommen nicht. Gemütlich beim Apfelwein zusammen zu sitzen geht nicht. Es ist der zweite Lockdown in diesem Jahr, Lokale dürfen nur Essen liefern oder zum Mitnehmen anbieten. Und das in Zeiten von Kurzarbeit, grauem Wetter und Angst vor Ansteckung mit Corona. "Geht nicht, gibt's nicht", sagt Frank Winkler vom "Daheim in der Affentorschänke". Und weil "Daheim" in seinem Restaurant für Gäste gerade nicht geht, hat er ein großes Zelt aufgebaut, in dem jeden Tag von 11.30 Uhr bis 19.30 Uhr "wie bei Muttern" gekocht, gegrillt und gebraten wird. "Notfallstation" nennt er den Ort, an dem es aus den Gulaschkanonen nach Gulasch und Kartoffelsuppe duftet. Dampfend in großen Bechern zu Mitnehmen mit Löffeln, die wie aus Silber aussehen, aber Einweglöffel sind.

"Die Zeiten sind heftig", so der Betreiber, "aber wir wollen unseren Gästen trotz aller Widrigkeiten ein gutes Gefühl und was Leckeres für Bauch und Seele bieten". Das schafft er auch mit Humor. Auf einer Tafel steht in großen Lettern "Abstand in Sachsenhausen mindestens 10 Bembel* - *6er Bembel = 15 cm".

Den Ebbelwei kann man ebenso mitnehmen, wie Handkäs mit Musik oder Schnitzel und Grüne Soße.

Nebenan im Dauth Schneider steht Betreiberin Lorna O'Sullivan im Fenster neben der blauen Tür und reicht Tüten mit Vorbestellungen heraus. Jeden Tag mit einem neuen Mut machenden Spruch darauf. Handgeschrieben mit Smiley für gute Laune. "Schlechte Laune hilft uns allen auch nicht weiter", sagt sie und blickt hinter sich in das große leere Restaurant. "Vieles ist trist momentan, da kann man nur mit Humor gegen angehen."

Die Tüten haben sich bei einigen Stammgästen mittlerweile zu Sammlerstücken gemausert und kommen trotz November im Lockdown täglich vorbei, um sich ein Mittagsgericht fürs Büro oder Deftiges für zu Hause zu holen.

Während einige Lokale wie "Der Froschkönig" frisch gestrichen werden für die "Zeit danach", hat der "Graue Bock" seine legendären Gänseessen absagen müssen. Normalerweise wird von November bis Weihnachten nichts anderes an den riesigen Tischen serviert. Jetzt gibt es "Gans to Go" in dem Lokal, das seit 1907 im Familienbesitz ist. Und damit die Tradition dennoch gefeiert werden kann, wird die Gänsesaison nach den Weihnachtsfeiertagen ab Mitte Januar bis Ende Februar verlängert.

Das "Legen...daer" macht zu. Dort, wo einst das "Zum Böckchen" beheimatet war und das "Tequila Baby" zur Party-Location wurde, bietet der Betreiber Tamim Kar den benachbarten Wirten den Ausverkauf an. "Der Mietvertrag wurde nicht verlängert", so Kar, der seit fünf Jahren hier ist. Er wirkt nicht unglücklich, während kistenweise Schnaps und Champagner, Barhocker, Mexikanische Hüte, Tische und Weinfässer die Besitzer wechseln. "Ich warte jetzt mal ein Jahr ab, bis ich wieder etwas Neues aufmache. Mal sehen, wie das mit Corona weitergeht", sagt Kar. Als Cocktailbar kann er momentan gar nicht öffnen, darum verkauft er alles, was noch da ist, bereits jetzt.

Ein Neuanfang trotz der Krise

Mut für Neues zeigt Metin Yildirim. Nur wenige Häuser weiter in der Großen Rittergasse steht ein großer kupferfarbener Samowar auf einem Ofen, in dem Feuer brennt. "Mezze & More" steht am Ausgang des komplett renovierten neuen Lokals. Die Wände schimmern golden in Schein des Ofens, gegenüber der offenen Küche hängt eine ganze Wand voller Rosen und Kirschblüten.

"Ursprünglich wollten wir Anfang des Monats eröffnen", so Yildirim. "Jetzt können wir noch ein paar Kleinigkeiten nachbessern und Probekochen", sagt er entspannt. Vorspeisen aus dem östlichen Mittelmeergebiet und Fusion-Hauptspeisen aus der Türkei soll es hier bald geben. "Und Anisschnäpse und Wein", sagt der Betreiber. "Corona verändert die Planung. Auch wenn wir keine Gäste haben können, fangen wir nächste Woche mit dem Lieferservice an. Ich bin guten Mutes, dass wir es mit Geduld und Flexibilität schaffen, Corona zu überwinden." SABINE SCHRAMEK

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare