Lässig lehnt Nikolaus Nessler an seinem Werktisch. Vor ihm ein Werk, das auf einer Satelliten-Nachtaufnahme Hamburgs basiert.
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Lässig lehnt Nikolaus Nessler an seinem Werktisch. Vor ihm ein Werk, das auf einer Satelliten-Nachtaufnahme Hamburgs basiert.

Kunst

"Mit Licht arbeiten ist wie Gott spielen"

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
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Künstler zeichnet auf Dias und lässt sich von Satellitenfotos inspirieren.

Griesheim -Das Atelier von Nikolaus Nessler in einem Hinterhof der Linkstraße in Griesheim ist ein gerade mal garagengroßer Raum - aber der hat es in sich: In der Mitte ein Werktisch, an den Wänden lehnen übermannshohe, fertige Werke an den Wänden, in den Ecken finden sich noch jungfräuliche Malgründe wie Glasscheiben, Leinwände, Karton, Zeitungspapier oder Buchkörper.

Vollgestopft, aber nicht unordentlich wirkt das Reich von Nessler, der gleich nebenan wohnt und die staunenden Blicke seines Besuchers gleich bemerkt: "Jedes Detail hier ist Ausdruck meiner manischen Kreativität", erklärt er und lacht. Mit derselben selbstironischen Offenheit gibt er zu: "Ich mache viel Abwegiges."

Die Schaffenskraft des 62 Jahre alten Künstlers, Grafikdesigners, Autors und Kurators hat in zahlreichen Projekten und Ausstellungen ihren Ausdruck gefunden. Unter anderem lebte und arbeitete der gebürtige Frankfurter in Brasilien, wo er das Projekt "Arte Amazonas", einen künstlerischen Beitrag zur Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung, konzipierte und umsetzte.

Aber auch in Frankfurt stolpert man geradezu über seine Werke, wie etwa seine Lichtinstallationen zu zahlreichen Luminale-Veranstaltungen. So ist seine größte Arbeit im öffentlichen Raum die 2016 entstandene Wandgestaltung der Aufgänge von den S-Bahngleisen 101/102 und 103/104 am Hauptbahnhof. Und eigentlich wären auch viele der anderen Werke Nesslers dieser Tage wieder für viele Kunstgenießer zugänglich: Doch die geplante Ausstellung in der von ihm sehr geschätzten Heussenstamm-Galerie in der Braubachstraße musste wegen der Pandemie gerade zum zweiten Mal abgeblasen werden. Doch der Künstler setzt nun nicht auf den Sommer, sondern erst auf den Herbst für die Eröffnung. Aus einem einfachen Grund: "Ich mache Dinge, die leuchten. Und im Sommer und Herbst leuchtet vor allem die Natur", erklärt er.

Sprich: Durch das einfallende Sonnenlicht käme der Zauber seiner Kreationen nicht recht zur Geltung. Im abgedunkelten Atelier zeigt er sich umso mehr; etwa auf mehreren übermannsgroßen Bildern mit von hinten per LED-Streifen beleuchtetem Polyestergewebe.

Die Grundlage bilden Satellitenaufnahmen großer Städte wie Frankfurt, Hamburg und Berlin bei Nacht. Nessler streicht es mehrfach schwarz an - "dann arbeite ich wie ein Archäologe die Struktur wieder heraus und färbe sie ein", beschreibt er. Manches vom Originalfoto lässt er dabei weg, anderes erfindet er hinzu. "Es geht immer um Dichtung und Wahrheit", sagt er. "Ein bisschen Realität brauche ich - den Rest erfinde ich."

Eine weitere Spezialität zieht sich seit Jahrzehnten durch Nesslers Schaffen: Er holt einen Karton aus der Ecke des Raums und holt daraus gerahmte Diapositive hervor. In die schwarzen, nicht belichteten, aber entwickelten Dias hat er kleine Zeichnungen gekratzt, die er an Wände projiziert. Wie kommt man auf so eine Idee? Ein Filmprofessor an der Städelschule brachte ihn drauf: "Die schwarzen Streifen, die man hinten und vorne auf die Filme klebte, um sie in die Projektoren einzulegen, waren immer zerkratzt und warfen tolle Strukturen auf die Leinwand", erzählt Nessler.

Die ersten Erfahrungen mit der von ihm erfundenen Technik habe er im Rohbau der U-Bahnstation Alte Oper während der Frankfurt-Feste gemacht, wie er sich erinnert. Damals noch Kunst-Student, jobbte er in der Alten Oper als Bürobote und diente seinen Kreativeeinfall den Verantwortlichen an. So ein "Querschießer" sei er immer gewesen, erklärt er. "Einer, der eine Gelegenheit sieht und einfach reingrätscht." Damit sei er fast ein Exot im etablierten, auf Ausbildung und Hierarchie pochenden Kunstbetrieb.

Seine Forschheit und Vision gaben ihm damals Recht: Er warf Filmschleifen mit sich bewegenden Figuren an die Wände der U-Bahnstation. Er schwärmt: "Wie das platonische Höhlengleichnis - es war großartig."

Bis heute gehören diese Arbeiten zu seinem "Unique Selling Point", seinem Alleinstellungsmerkmal, wie es der Künstler augenzwinkernd in Anlehnung an die Marketingsprache nennt. Was ihn am Arbeiten mit dem Licht fasziniert, bringt er so auf den Punkt: "Es ist ein bisschen wie Gott spielen."

Im Gegensatz zu Gott muss Nessler allerdings auch seine Miete zahlen. Das wäre angesichts der ausfallenden Ausstellungen in Pandemiezeiten möglicherweise ein Problem. Insofern begreift er seinen Beruf als Kunstlehrer an der Deutschherrenschule in Sachsenhausen als Glück in der Corona-Krise.

Seit 15 Jahren lebt Nessler in Griesheim, zog aus Schwanheim hierher. Er schwärmt von seinem manchmal verkannten Stadtteil: "Griesheim ist so ehrlich, ungeschönt und hat wenig Chichi", lobt er, schränkt aber ein: "Abgesehen vom Frischeparadies. Da sitzt freitags und samstags der Vordertaunus und schlürft Austern - aber das dulden wir." Da blitzt er wieder auf, der Schalk in Nikolaus Nessler. Dann sagt er noch, diesmal ganz ernsthaft: "Ich bin sehr froh, in Griesheim zu wohnen. Es ist so schön, nach einem Jahr vom Bäcker geduzt zu werden." michael forst

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