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150 Gäste begrüßten Mitglieder des gemeinschaftlichen Wohnprojektes ?Nika? und stellten ihnen ihre Pläne vor.

Kunterbunte Wohngemeinschaft

Mitglieder von "Nika" stellen Pläne für ihr Haus im Bahnhofsviertel vor

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Beim Tag der offenen Tür stellten die Mitglieder des Projekts „Nika“ ihr Haus in der Niddastraße/Karlstraße vor, das sie in den nächsten Monaten erwerben und bis Ende 2018 beziehen wollen.

Gemeinschaftliches Wohnen ist für Jessica Sehrt (32) und Melanie Schreiber (40) eine Frage der Lebenseinstellung. „Ich habe immer in WG’s gelebt, das ist für mich die bevorzugte Wohnform, unabhängig von persönlichen Lebensverhältnissen“, sagt Schreiber. „Wichtig ist zudem der politische Aspekt, dass selbstverwaltete Häuser im Eigentum der Mietergemeinschaft nicht wieder in den Besitz von privaten Vermietern kommen“, fügt Sehrt hinzu.

Noch fiel es den rund 40 Mietern etwas schwer, den 150 Besuchern eine Vorstellung von der Einrichtung der sechs Etagen-WG’s zu geben, bei denen sich mehrere 17,5 Quadratmeter große Zimmer um einen 30 bis 40 Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum gruppieren. Die Wohngemeinschaften zählen bis zu sieben Mieter aller Berufsgruppen im Alter von fünf bis 64 Jahren. Alleinstehende sind ebenso wie Paare und Familien dabei- darunter übrigens auch Jan Johannsen, der Sohn des Architekten und ehemaligen Bau- und Planungsdezernenten Martin Wentz.

Doch beim Rundgang gab es auch eine Überraschung: Mehrere Zettel klebten im Treppenhaus, auf denen von „Gentrifizierung“ und „Vertreibung der anderen Art“ die Rede war. Sie beziehen sich auf drei Zwischennutzer, deren Verträge in diesem Sommer auslaufen, während das Hausprojekt „Nika“ den Kaufvertrag mit der Stadt unterzeichnen wird. „Das ist echt keine schöne Nummer. Wenn wir einen Tag der offenen Tür anbieten, könnten sie doch zu uns kommen und das Gespräch mit uns suchen, dann könnten wir vielleicht noch eine Lösung finden“, meint Jessica Sehrt.

Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Denn die besagten Zwischennutzer sind ihrerseits Untermieter von Wolfgang Winter, der den dritten Stock für Ateliers angemietet hatte, in denen aber auch gewohnt wird. Im Zuge der Umwandlung des ehemaligen Bürohauses von Gewerbe- und Wohnraum wurde dem Hauptmieter gekündigt. „Offenbar hat man die Unterzeichner der „Nika“ damals über die Zwischennutzer nicht richtig informiert“, meint der Nika-Sprecher Moritz Krawinkel.

„Die kamen dann zu uns und haben uns ziemlich vor vollendete Tatsachen gestellt“, erklärt Untermieter und Künstler Ottmar Lange. „Das stimmt nicht, wir sind auf den Haupt- und die Untermieter zugegangen und haben nach Möglichkeiten gesucht, sie in unser Projekt zu integrieren“, stellt Jessica Sehrt klar.

Das gemeinschaftliche Wohnen sieht zwar einen Kunstraum vor, trotzdem seien zuweilen bewohnte Ateliers mit dem gemeinschaftlichen Wohnen kaum vereinbar, meint Krawinkel. Die Mieter werden während ihrer Wohnzeit zu Eigentümern durch die „Hausprojekt Nika GmbH“, die wiederum unter der Aufsicht des „Mietshäuser Syndikats“ steht. Der „Hausverein Nika“ ist für die persönlichen Belange der Mieter zuständig, die sich regelmäßig im Plenum treffen und ihre Angelegenheiten mehrheitlich und einvernehmlich zu lösen vesuchen. Krawinkel zieht mit seiner Partnerin und zwei Kindern ein und scheut dank der verbesserten sozialen Kontrolle im Bahnhofsviertel auch nicht die Nähe zum Drogen- und Rotlichtmilieu - ein weiterer Kritikpunkt von Untermieter Lange.

Rund 120 Wohnprojekte werden so bundesweit geführt, in Frankfurt hat sich ein gutes Dutzend alternativer Wohnprojekte im „Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen“ zusammengeschlossen. Die ersten Mieter, die Ende 2018 in die Niddastraße einziehen, schlossen sich im Jahr 2011 zusammen, wollten erst das Philosophicum und dann ein Gebäude der Industrie- und Handelskammer in Offenbach erwerben, ehe sie 2016 den Zuschlag für das jetzige Haus erhielten. 3,6 Millionen Euro wollen sie zum Kauf und Umbau des Hauses in der Niddastraße/Karlstraße in die Hand nehmen: „Die GLS-Bank gibt uns einen Kredit, doch wir müssen 720 000 Euro Eigenkapital einbringen“, erklärt Krawinkel.

Um diese Summe zusammenzubekommen, können Mieter und Freunde des gemeinschaftlichen Wohnens der „Nika Hausprojekt GmbH“ ein zu 1, 5 Prozent verzinstes Darlehen geben. „450 000 Euro haben wir bereits zusammen“, sagt Krawinkel. Im Erdgeschoss des Hauses, wo derzeit noch ein Pelzgeschäft angesiedelt ist, sind ein Veranstaltungsraum, eine Sozialberatung und ein Kindercafé geplant. Das Pelzgeschäft soll mit Hilfe der Mieter ebenso einen neuen Standort finden wie ein Architekturbüro, das ebenfalls zu den Untermietern gehörte. Inzwischen haben sich fünf weitere Interessenten auf die Mieterliste setzen lassen, andere Unterstützer ein Darlehen angeboten. „Auch für die verbliebenen Untermieter werden wir noch eine Alternative finden“, hofft Sehrt.

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