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"Mitten im Klimawandel angekommen"

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Von: Sabine Schramek

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Karg und trostlos präsentieren sich die Bäume hinter Stadtforstleiterin Tina Baumann und ihrem Jagdhund Obelix. Nur das kleine grüne Bäumchen vor ihr steht als Neupflanzung für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Waldes.
Karg und trostlos präsentieren sich die Bäume hinter Stadtforstleiterin Tina Baumann und ihrem Jagdhund Obelix. Nur das kleine grüne Bäumchen vor ihr steht als Neupflanzung für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Waldes. © Maik Reuß

Nur noch zwei Prozent des Baumbestands im Stadtwald sind gesund.

Man muss gut hinsehen, um im Schwanheimer Stadtwald unter Laub und Nadeln die wegen der Jahreszeit kahlen Stämmchen aus Buchen, Eichen und Esskastanien zu entdecken. Nur die Babykiefern strotzen mit sattgrünen Nadeln. "Der Regen im letzten Jahr hat gut getan. Die Neuanpflanzungen sind angegangen und gewachsen", sagt die Stadtforstleiterin Tina Baumann und zeigt die Pflänzchen, die noch keine Kniehöhe erreicht haben. Ihr 13-jähriger ungarischer Jagdhund "Obelix, der Dicke" schnüffelt interessiert. "Wir sind mittendrin im Klimawandel. Das sieht man hier überall", sagt sie und deutet auf die Kronen der Bäume, die noch da sind. "Sogar die Kiefern hat es voll erwischt." Wer genau hinsieht, erkennt, dass das Grün hoch oben an den Stämmen viel weniger ist als früher. Auch die Bäume, die die viel zu trockenen Jahre 2019 und 2020 vermeintlich überlebt haben, sterben langsam.

Buchen und Eichen als Retter in der Not

"98 Prozent der Baumkronen im Stadtwald sind krank oder beschädigt", sagt Baumann. "20 Prozent sind tot." Es ist eine harte Bilanz des Zustandsberichtes. Auf Holzabschlag hat das Forstamt 2021 bereits komplett verzichtet, weil viel mehr Bäume die Dürre nicht überlebt haben, als abgeholzt werden darf. "Normalerweise schlagen wir im Jahr 23 000 Kubikmeter Holz. Im ersten Jahr sind 46 000 Kubikmeter Holz wegen des Wassermangels eingegangen, im zweiten Jahr 54 000 Kubikmeter." Dabei hat Frankfurt noch Glück im Unglück. Im Taunus schlug auch noch der Borkenkäfer zu. Dort lägen 150 Hektar Wald komplett brach. "In den 80er- und 90er-Jahren wurden der Monokultur aus Kiefern im Stadtwald Laubbäume untergemischt. Diese Buchen und Eichen haben jetzt vieles gerettet", weiß Baumann. "Es ist nur ein winzig kleiner Strohhalm, aber immerhin wächst Grün nach", sagt sie ruhig.

Den alten Eichen und Buchen geht es schlecht, die jüngeren haben noch Kraft. Vor allem die Traubeneichen, die Trockenheit besser verkraften als andere Bäume. Wie zur Bestätigung klopfen Spechte in der Ferne gegen hohle Baumstämme. Wäre der Stadtwald ein purer Naturwald ohne Eingriffe durch den Menschen, wäre hier reiner Buchenwald, den der Klimawandel verändern würde. "Im Stadtwald geht es uns hauptsächlich um Naturerhalt. Wir holzen wenig ab, um Höhlenbäume für Insekten und Vögel zu erhalten. 3 000 Hektar bleiben komplett unberührt und wir beobachten, was die Natur macht", erzählt die Naturliebhaberin.

Um dem Klimawandel zu begegnen, wird neu und anders angepflanzt. Nach wissenschaftlichen Empfehlungen. "Schwarzkiefern, die in Italien heimisch sind, vertragen Trockenheit. Esskastanien ebenso, Buchen natürlich und verschiedene Eichenarten. "Die nackten Wurzeln der Setzlinge bekommen ein spezielles Gel umgewickelt. Der Glibber schmiegt sich an die Wurzeln und gibt als Starthilfe Nährstoffe ab", erklärt sie.

"Revierförster sind sehr traurig"

Aufgeben und den Kopf in den Sand zu stecken, sei keine Option und die Erfahrungen seien gut. "Alle sechs unserer Revierförster geben alles, damit es dem Wald gut geht. Sie sind sehr traurig über den Verlust. Einige von ihnen haben den Wald mit eigenen Augen wachsen sehen." Jetzt hoffen alle darauf, dass auch 2022 viel Regen fällt, damit die alten Bäume, die noch leben, weiter wachsen können und die jungen Pflanzen wachsen und gedeihen. Durch die Hitze hat sich die aus den USA stammende spätblühende Traubenkirsche verbreitet. "Die ziehen wir mitsamt der Wurzel aus, weil sie wie Haare auf dem Hund wächst und alles verdunkelt. Sie wird für Autobahnbegrünung genutzt und ist mittlerweile invasiv", so Baumann. Die Bereiche, die neu bepflanzt sind, sind umzäunt.

"Wenn hier die Rehe oder Wildschweine durchgehen, ist sonst nichts mehr übrig", erklärt sie. Die Wildtiere sind auf Futtersuche. In den trockenen Jahren haben die Eichen und Buchen unheimlich viel Eicheln und Bucheckern produziert. Das machen Bäume, wenn sie gestresst sind, um ihre Art zu erhalten. Letztes Jahr haben die Bäume nur wenige Früchte produziert, weil sie wegen der Niederschläge überleben konnten und ihre Energie gespart haben.

Für die Waldtiere bedeutet das: Weniger Futter. Es kreucht und fleucht im Stadtwald. Rehwild, Damwild, Wildschweine, Füchse, Kaninchen, Hasen, Mauswiesel, zehn Fledermausarten, Grün- und Schwarzspechte, Milane, Bussarde und Singvögel sind hier ebenso zu Hause wie unzählige Insekten und Feuersalamander. Alle sind ebenso wichtig für die Natur wie Pflanzen. Vom Grashalm bis zum hundert Jahre alten Baum. Baumann versucht, optimistisch zu bleiben. "Wir tun alles, damit die Natur stark bleibt und die Besucher ihren Stadtwald genießen können." In diesem Jahr feiert er mit seinen rund 4 500 Hektar Fläche seinen 650. Geburtstag. Im Jahr 1372 verpfändete der damalige Kaiser Karl IV. der Stadt Frankfurt den Wald, der zu einem der größten Stadtwälder in Deutschland zählt. (Sabine Schramek)

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