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Wie der Herr, so's G'scherr: Hund Caramelo führt seinen Lieblingsmenschen Eric gerne an der Leine herum.

Der rote Faden, Folge 121

Moderator Eric Mayer - Der Abenteuerlehrling

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Noch zeigen sich Grübchen auf seinen Wangen, die sich bei jedem Lächeln so markant in den Vordergrund spielen. Dazu der jungenhafte Stolz im Blick: „Da, schaut mal, ich kann Krokodile fangen!“

Noch zeigen sich Grübchen auf seinen Wangen, die sich bei jedem Lächeln so markant in den Vordergrund spielen. Dazu der jungenhafte Stolz im Blick: „Da, schaut mal, ich kann Krokodile fangen!“ Eric Mayer hält behutsam das 30 Zentimeter lange Tier vor die Kamera, es reißt sein kleines Maul auf und zeigt die spitzen Zähnchen wie ein Großer – und schnappt zu. Und wie. Die Grübchen verschwinden so blitzschnell aus Erics Gesicht wie sein Finger im Mäulchen des Minikrokodils. Unendlich lange Sekunden dauert es, bis ein Helfer das Reptil dazu bewegen kann, sein Maul wieder zu öffnen und den Finger des Pur+-Moderators frei zu geben; versehen mit einem blutigen Kratzer der Kategorie Berufsrisiko. Wer sich „

Stuntman des Wissens

“ nennt, muss was wegstecken können.

34 Mal im Jahr begibt sich der schlaksig-drahtige Fernsehjournalist Eric Mayer auf Abenteuerreise für seine jungen Zuschauer. Die ZDF-Sendung Pur+ wird seit 2006 regelmäßig zur besten Sendezeit abends um kurz vor halb acht auf Kika ausgestrahlt. „Ich habe den coolsten Job der Welt“, sagt er. Er ist auf Elefanten geritten, hat die Schwerelosigkeit am eigenen Leib erfahren, einen Formel 1-Wagen gesteuert und ist mit Haien getaucht. Denn er berichtet nicht nur, er erlebt für seine Zuschauer das, was sonst nur Eingeweihten vorbehalten ist. Jedes Mal aufs Neue schlüpft er in die Rolle des Lehrlings, der sich vom Experten in dessen Kunst einweisen lässt und am eigenen Leib erprobt. Wenn er sich bei einem Zauberer in die Lehre begibt, mit Astronauten für den Flug ins Weltall trainiert oder einen Tag als Tierpfleger arbeitet, dann ist er immer als Lernender unterwegs. Wissen vermittelt er per Selbsterfahrung. Er setzt sich Gefahren aus und kennt keine Angst vor Peinlichkeiten, ob beim Skateboardfahrenlernen oder dem Tandem-Fallschirmsprung, der ihn kreidebleich zu Boden brachte. Speiübel war ihm da und so sah er auch aus. Die Kamera hält immer drauf, wie beim Sturzflug mit 400 Stundenkilometern durch die Luft, wenn die Gesichtszüge entgleisen oder sich seine Augen hinter der Taucherbrille weiten beim Anblick des großen Hais, keinen Meter entfernt von ihm. Jene einzige Aufnahme, in der er tatsächlich für einen Moment panische Angst verspürte.

Eric – das Mayer spart er sich gerne – wohnt in einer Altbauwohnung im Frankfurter Bahnhofsviertel. Da schlendert er die Moselstraße entlang: Das hellbraune Haar ein bisschen keck aus der Stirn frisiert, Röhrenhosen, T-Shirt und ein offenes Hemd: Eric ist Eric, mit und ohne Fernsehkamera. Sein Lieblingscafé hat etwas eigenwillige Öffnungszeiten und um halb elf noch zu, dann geht’s eben ums Eck ins nächste. Er mag das Bahnhofsviertel, so schroff es auch ist. Dass an manchen Ecken aggressive Dealerbanden offen auf der Straße mit Drogen handeln, das mache ihn aber immer noch fertig. Er hat den Wandel seines Viertels in den letzten acht Jahren, die er dort wohnt, miterlebt. Wie Besserverdienende einzogen, Cafés und Restaurants eröffneten und es hip wurde, hier zu leben.

Eric sitzt am Tisch, Nussecke und doppelten Espresso vor sich. Das Lokal ist zu später Stunde Treffpunkt der Nachtschwärmer, am Morgen wirkt es seltsam dunkel, übernächtigt. Ganz im Gegensatz zu Eric, der immer so frisch gewaschen daher kommt, wie aus dem Ei gepellt. Aussehen ist wichtig für einen, dessen Gesicht zum Markenzeichen eines Formats geworden ist. Eric Mayer ist das große Plus der Sendung, die, als sie vor genau 20 Jahren an den Start ging, nur Pur hieß. 2008 löste Eric seinen Vorgänger als Moderator ab und wurde zum „

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“. „Sein Baby“ nennt er, der keine Kinder hat, Pur+. Und kann sich darüber ärgern, dass Kinderfernsehen gerade von Kollegen nicht richtig ernst genommen wird. „Manche verwechseln Fernsehen für Kinder mit Fernsehen von Kindern und wissen gar nicht, welche Arbeit dahinter steckt,“ sagt er. „Es heißt immer, Kinder seien so wichtig, unsere Zukunft etc. Aber wenn man dann etwas für Kinder macht, ist es nicht wertvoll und ebenbürtig.“

Dabei gibt es kaum eine größere journalistische Herausforderung, als komplexe Sachverhalte einfach zu erklären. Mayer und sein Team -– 14 Köpfe zählt die Redaktion von Pur+ – können das. Denn neben der Spannung und Unterhaltung will das Magazin vor allem Wissen vermitteln. Im Schnitt bereitet die Redaktion drei Monate lang ein Thema vor, bis gedreht werden kann. Weil Eric in jeder Folge etwas für ihn Neues ausprobiert, lernen die Kinder zugleich, dass Fehler zum Lernprozess dazugehören. Schließlich ist Eric kein Superman, ihm gelingt längst nicht alles auf Anhieb. Sein Lachen über sich selbst sagt auch: Alles halb so schlimm, kein Mensch ist perfekt. „Ich habe so viele tolle Drehpartner gehabt, vor denen ich sehr viel Respekt habe, die unglaubliche Sachen machen“, knüpft er an seinen Gedankengang zum eigenen Stellenwert an. „Das relativiert das, was man selbst macht.“ 2014 erhielt Pur+ für eine Folge den Robert Geisendörfer-Preis und ebenfalls im vergangenen Jahr wurde Eric Mayer mit dem Urban Mining Award in der Kategorie „Publizistik“ für Engagement rund um Nachhaltigkeit und Umweltschutz ausgezeichnet – wie zuvor schon sein Kollege Ranga Yogeshwar. Diese Anerkennung tut gut.

Von den Kindern bekommt er sie sowieso. „Es gibt keine besseren Fans als Kinder. Sie sind immer freundlich, immer ehrlich und so positiv im Feedback“, sagt er ernst. Ganz direkt erlebt er das seit vergangenem Jahr auf der Theaterbühne. Gnadenlos live, ohne Klappe und Wiederholung bei Versprechern, unternimmt er zusammen mit dem Wissenschaftskabarettisten Vince Ebert im Programm „Schlau hoch 2“ eine Reise ins Weltall. Unterwegs erklären sie Kindern und Eltern ganz nebenbei, was das Universum ist und wie sich der Urknall angehört hat. „Mit Vince habe ich einen echten Profi an der Seite, der mich auch mal rettet, wenn ich einen Texthänger habe“, erzählt Fernsehmann Eric von seinen ersten Liveauftritten, vor denen er doch erheblichen Bammel hatte. Die Vorstellungen sind ausverkauft – Eltern und Kindern gefällt das witzige Duo, das ganz neue Maßstäbe für den Physikunterricht setzt.

Woher er diesen Draht zu Kindern und Jugendlichen hat? Eric muss überlegen. „Vielleicht, weil ich selbst meine Kindheit so genießen konnte? So positive Erinnerungen daran habe und das weitergeben will?“ Und er hebt ein paar Schätze aus der Familientruhe: In Jügesheim (Kreis Offenbach) 1980 geboren, tobt er mit seinem älteren Bruder am liebsten draußen herum – Roller fahren, auf den Spielplatz gehen oder mit dem Vater Pfeil und Bogen bauen. Das klingt wie Bullerbü. „Ich bin auch heute noch am glücklichsten draußen,“ sagt er. Ein echtes Outdoorkind. Sohn einer Altenpflegerin und eines Elektromechanikers, der im Berufsleben seinen Schwerpunkt auf die Betriebsratsarbeit legt. Nichts deutet auf die spätere Fernsehkarriere Erics hin, außer: „Mit meinem Bruder habe ich damals schon die Sendung ’Löwenzahn’ mit Peter Lustig auf dem Kassettenrekorder aufgenommen, angehört und nachgespielt“, erzählt er. Und Übungen als

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unternimmt er, als er im zarten Vorschulalter Papas Nassrasierer an sich ausprobiert. „Hier hab’ ich noch die Narbe“, grinst er, zeigt auf seine Wange und tatsächlich, neben dem Grübchen verläuft eine feine Narbe wie ein am Lineal senkrecht gezogener Strich. „Heute sag’ ich natürlich, das sei ein Schmiss vom Fechten in der Studentenverbindung.“ Das Badezimmer lockte ohnehin zu Experimenten. Später war es die Nagelschere, mit der er sich den Pony und das 80er Jahre-Nackenzöpfchen abschnitt. „Als meine Mutter fragte, ob ich mir die Haare geschnitten hätte, hab’ ich echt ’nein’ gesagt, weil’s mir so peinlich war“, lacht er.

„Familie bedeutet mir viel“, sagt er, der seit vielen Jahren selbst in einer festen Beziehung lebt: „Meine Eltern haben mir immer ganz selbstverständlich das Leben als Paar vorgelebt.“ Er will schon deswegen nicht aus Frankfurt wegziehen, weil er für seine Mutter erreichbar bleiben will. Sie lebt alleine, seit Erics Vater vor sechs Jahren völlig unerwartet aus dem Leben gerissen wurde, keine 60 Jahre alt. Die schlimmste Erfahrung, die die Familie machen musste. So sehr der Tod des Vaters die Erinnerungen an die unbekümmerte Kindheit auch in Wehmut bettet, so wenig verharrt der erwachsene Sohn darin. Und bewahrt sich dennoch das Gefühl dafür, was der Verlust eines Menschen für die Hinterbliebenen bedeutet.

In der Pur+-Sendung „Leben und Tod“ wird ein 14jähriges Mädchen begleitet, dessen Oma an Krebs stirbt. „Wir haben eineinhalb Jahre gebraucht, um diese beiden zu finden, die bereit waren, mitzumachen“, sagt Eric. Das Echo auf diese Sendung war enorm. Ein Vater sprach Eric auf der Straße an, er habe endlich mit seinem Kind über den Tod sprechen können. „Das ist für mich das Tollste, was ich an Reaktion auf eine Sendung bekommen kann.“ Erics Plus ist, dass er sich noch so gut in eine Kinderseele hineinversetzen kann und sein Blick nicht von Erziehungsaufgaben verstellt ist; dass er eben aus der Innenperspektive weiß, wie wichtig es für das Schulhofranking ist, die richtigen Schuhe zu tragen – koste es, was es wolle. Auch vor der Kamera macht ihn das so authentisch.

Dass er schließlich das Mikrofon des Kassettenrekorders gegen ein Profigerät tauscht, hat er einem Schulfreund zu verdanken, der ihn zum privaten Lokalradio „Fortuna“ mitnimmt – als Schülerjob während des Abis. „Das war der Grundstein für meine Karriere. Das Gute war: wer dort gearbeitet hat, hat auch moderiert.“ So wird das Sprechen am Mikrofon nicht zum Riesending, sondern gehört einfach dazu. „Später war ich bei Radio FFH und Planet Radio, da war es ganz ähnlich.“ An sein erstes Stück erinnert er sich noch genau. „Ein Reporter war ausgefallen und ich musste einspringen. Mein Chef hat damals zu mir gesagt: ’An diesen Tag wirst du dich dein Leben lang erinnern: Du gehst raus, machst die Reportage, deine Stimme wird bei uns im Radio zu hören sein – und das wird für dich der Startschuss.’“ Recht hat er gehabt, der stellvertretende Programmchef, der seinem Praktikanten viel Vertrauen schenkte und mit Mikro auf den Weihnachtsmarkt schickte.

Die Arbeit im Radio begleitet Eric während seines Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaften, das er an der Frankfurter Goethe-Universität absolviert. Bis er vom Casting des ZDF fürs Kinderfernsehen erfährt. „Ich dachte mir, da gehst du mal hin“, sagt Eric, der auch von sich sagt: „Die Dinge, die ich in meinem Leben gemacht habe, habe ich nie gesucht, sie sind immer zu mir gekommen.“ So bestreitet er das Casting für Pur+ – und wird nicht genommen. Aber ein halbes Jahr später holt ihn die Redaktion der Kindernachrichtensendung Logo! ins Team – der Beginn seiner Fernsehkarriere, die ihn zwei Jahre später doch noch zu Pur+ führt, als der bisherige Moderator aufhört. Eric wird erneut zum Casting gebeten. Als er den Anruf bekommt ’Du hast den Job’, „da musste ich mal kurz ganz laut schreien.“ Mitten im Bahnhofsviertel war das, auf dem Weg zum Auto. Seitdem bestimmt der Drehplan für Pur+ sein Leben. Und sein Hund Caramelo, der ihn schwanzwedelnd nach jeder Reise begrüßt. „Hunde sind doch toll, oder?“ sagt Eric. Eine seiner Sendungen führte ihn Anfang des Jahres nach Norwegen. Dort lernte er, sich von einem Schlittenhundegespann durch den Schnee ziehen zu lassen. Musher nennt man den Führer. Einer von ihnen, ein junger Mann, zeigt Eric, wie er die Hunde füttert, bringt ihm die Kommandos bei, nimmt ihn mit in seinen Alltag. Für Eric, das Outdoorkind im Bahnhofsviertel, eine Offenbarung: „Da habe ich gedacht – der lebt mein Leben.“

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