+
Sammelt für ihre schwere Aufgabe Kraft bei Spaziergängen: Monika Müller-Herrmann (52)

Trauerbegleitung

Monika Müller-Herrmann: "Der Tod ist noch immer ein Tabu"

14 Jahre lang hat Monika Müller-Herrmann die Hospizgruppe im Bürgerinstitut geleitet, ein Trauercafé gegründet und sich nun als Trauerbegleiterin und Psychoonkologin selbstständig gemacht. Seit Kurzem bietet sie auch Kondolenztraining an. Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprach sie über Fehler beim Kondolieren, die Angst vor dem Tod und darüber, warum sie ihren Beruf trotzdem gerne ausübt.

14 Jahre lang hat Monika Müller-Herrmann die Hospizgruppe im Bürgerinstitut geleitet, ein Trauercafé gegründet und sich nun als Trauerbegleiterin und Psychoonkologin selbstständig gemacht. Seit Kurzem bietet sie auch Kondolenztraining an. Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprach sie über Fehler beim Kondolieren, die Angst vor dem Tod und darüber, warum sie ihren Beruf trotzdem gerne ausübt.

Frau Müller-Herrmann, Sie bieten ein Kondolenztraining an. Kann man da denn so viel falsch machen?

MONIKA MÜLLER-HERRMANN: Die Frage ist tatsächlich: Macht man es überhaupt? Bei einer Umfrage der Evangelischen Kirche sagten 30 Prozent der Befragten, dass sie lieber kneifen statt zu kondolieren. Es gibt Trauernde, die mir erzählen, dass die Leute die Straßenseite wechseln, weil sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.

Warum kondolieren Menschen denn so ungern?

MÜLLER-HERRMANN: Viele haben Angst, etwas falsch zu machen, zum Beispiel eine Formulierung zu wählen, die sich dämlich anhört. Oder sie befürchten, dass der andere anfängt zu weinen, und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Trauer macht einem auch einfach deshalb Angst, weil klar wird: Auch mein Mann oder mein Kind könnte sterben.

Angenommen, ich habe mich überwunden und kondoliere, und das Gegenüber beginnt tatsächlich zu weinen. Was mache ich?

MÜLLER-HERRMANN: Ein Taschentuch anbieten, die Hand halten, und das Wichtigste: zeigen, ich bleibe bei dir. Bei Kollegen ist das etwas schwieriger als bei Angehörigen.

Weil man im Zweifel eine Grenze überschreitet?

MÜLLER-HERRMANN: Genau. Es ist uns heute auch peinlich, wenn wir einen Menschen vor dem Rewe fragen, wie es ihm geht, und dem laufen plötzlich Tränen runter. Es ist aber wichtig, eine Trauerkultur zu schaffen, in der das wieder sein darf, in der Menschen ihre Trauer zeigen dürfen. Früher gab es ein Trauerjahr, in dem man Schwarz trug. Natürlich will das heute niemand mehr, aber irgendein Signal wäre hilfreich.

Warum ist unsere Trauerkultur so schlecht?

MÜLLER-HERRMANN: Einerseits sind wir in der Arbeitswelt angehalten, sehr schnell wieder zu funktionieren. Andererseits ist der Tod immer noch ein Tabu, auch wenn die Palliativ- und Hospizbewegung schon viel geleistet hat.

Müsste sich strukturell noch mehr verändern?

MÜLLER-HERRMANN: An sich ist das Thema in der Gesetzgebung angekommen. Aber zum Beispiel Trauerberatung ist keine Krankenkassenleistung, das heißt, wenn jemand zu mir kommt, muss er privat bezahlen. Andererseits ist Trauer ein natürlicher Prozess, keine Krankheit. In Amerika kann eine Trauerstörung schon zwei Wochen nach dem Todesfall diagnostiziert werden, das ist doch absurd. Bei uns wird diese diagnostische Kategorie vielleicht auch bald eingeführt, soll aber erst ein halbes Jahr nach dem Trauerfall greifen.

Sie beraten auch Krebskranke. Was kann man einem Menschen sagen, der eine solche Diagnose bekommen hat?

MÜLLER-HERRMANN: Es geht in den Gesprächen zum Beispiel darum, welche Ängste die Therapien auslösen können, etwa Haarausfall oder Übelkeit. Mit mir kann man über alles, was die Krankheit in einem auslöst, offen sprechen.

Wäre das nicht Aufgabe des Umfelds?

MÜLLER-HERRMANN: Es ist oft entlastend, wenn man eine neutrale Person hat. Man kann andere Dinge aussprechen. Und bekommt nicht gleich gesagt: Das wird schon wieder.

Vermutlich helfen Sie dann auch dabei, den Krebs positiv umzudeuten?

MÜLLER-HERRMANN: Ich denke, es ist ein neuer Mythos im Umgang mit Trauer oder auch Krebs, dass man Jahre später sehen kann: Das hat etwas Neues in meinem Leben bewirkt. Es kann eintreten, dass jemand, der Krebs überlebt, in seinem Leben neue Akzente setzt. Aber wenn jemand stirbt, mit dem ich 50 Jahre lang verheiratet war, ist es nicht so schnell möglich zu sagen, was der besondere Sinn des Witwerdaseins ist. Genauso, wenn das Kind vor den Eltern stirbt. Bestimmte Verluste bleiben, vielleicht für immer, und das darf auch so sein.

Sie beschäftigen sich ständig mit den Themen Tod und Sterben. Hat Ihnen das die Angst genommen?

MÜLLER-HERRMANN: Natürlich habe ich weiterhin Angst, wenn ich zur Vorsorgeuntersuchung gehe. Ich habe ja auch schwierige Verläufe gesehen und weiß, was alles gefunden werden kann. Aber ich denke, ich habe mehr Liebe zum Leben. Ich bin ein Genussmensch: Ich koche und tanze gerne, Spaziergänge geben mir sehr viel Kraft. Und Spiritualität ist mir total wichtig. Wenn ich eine Todesnachricht bekomme, zünde ich Kerzen an und spreche ein Gebet. Ich glaube nicht, dass nach dem Tod alles aus ist, auch das hilft mir. Trotzdem ist dann immer etwas unwiderruflich zu Ende.

Man kann Trauern also nicht üben?

MÜLLER-HERRMANN: Man kann üben, mit der Trauer professionell umzugehen. Aber sobald es um die eigenen Angehörigen geht, ist der Verlust immer existenziell, weil man eine lange gemeinsame Beziehungsgeschichte hatte. Das kann man nicht üben, auch ich nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare