Dierk Dallwitz (rechts) ist Betriebswirt und ausgebildeter Rettungssanitäter. Seit 2014 fungiert der 44-Jährige als Geschäftsführer des Frankfurter Bezirksverbandes im Deutschen Roten Kreuz (DRK), zuvor war er leitender Angestellter bei einem internationalen Konzern. Der gebürtige Frankfurter lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Eschersheim.
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Dierk Dallwitz (rechts) ist Betriebswirt und ausgebildeter Rettungssanitäter. Seit 2014 fungiert der 44-Jährige als Geschäftsführer des Frankfurter Bezirksverbandes im Deutschen Roten Kreuz (DRK), zuvor war er leitender Angestellter bei einem internationalen Konzern. Der gebürtige Frankfurter lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Eschersheim.

Pandemie

Montagsinterview: "Corona übertrifft alles - in vielerlei Hinsicht"

  • VonBrigitte Degelmann
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Wie die Verantwortlichen des Deutschen Roten Kreuzes, das auch das Impfzentrum in Frankfurt betreibt, die Pandemie erlebt haben

Die Corona-Pandemie birgt für Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) enorme Herausforderungen. Im Gespräch mit Brigitte Degelmann sprechen Dierk Dallwitz, Geschäftsführer des Frankfurter DRK-Bezirksverbands, und Impfzentrum-Leiter Benedikt Hart über "Impfdrängler" und rasante Entwicklungen bei den Corona-Tests. Und erklären, was das Impfzentrum mit einem Mallorca-Flieger gemeinsam hat.

Herr Dallwitz, Herr Hart, der Frankfurter DRK-Bezirksverband war in den vergangenen Monaten extrem gefordert - unter anderem wegen der Corona-Tests und wegen des Impfzentrums in der Festhalle. Haben Sie so eine stressige Zeit schon einmal erlebt?

DIERK DALLWITZ: Ich werde oft angesprochen auf die Zeit der Flüchtlingskrise 2015 - dass das jetzt eine Wiederholung sei in der Vielfalt der Aufgaben. Aber da ich beide Situationen erlebt habe, muss ich doch feststellen, dass Corona alles übertrifft, in vielerlei Hinsicht.

Warum?

DALLWITZ: Während der Flüchtlingskrise haben wir uns um eine Zielgruppe gekümmert, und es zeichnete sich ab, dass die Unterbringung in den Turnhallen nicht so lange dauern wird. Ein weiterer Unterschied: Corona betrifft uns ja nicht nur mit zusätzlichen Aufgaben wie 2015, sondern wir sind in allen unseren Aufgabenfeldern mit diesem Thema beschäftigt. Außerdem: Vor Corona hatten wir rund 400 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, jetzt sind es knapp 1000, darunter viele Teilzeitkräfte und Minijobber, die an den Teststationen und im Impfzentrum tätig sind. Auch das muss man als Verband erst einmal bewältigen.

Was ist für Sie die größte Herausforderung?

DALLWITZ: Die Kurzfristigkeit, mit der wir Situationen begegnen müssen. Es ist anstrengend und ein enormer Aufwand, ständig auf Neues reagieren zu müssen.

BENEDIKT HART: Zum Beispiel im vergangenen Sommer - damals waren Bund und Land gezwungen, kurzfristig auf das Thema Reiserückkehrer zu reagieren. Wir haben Mitte des Sommers bemerkt, wie die Zahlen wieder angestiegen sind, und haben dann innerhalb von 48 Stunden ein Testzentrum am Flughafen eröffnet, sozusagen aus dem Boden gestampft. Das war von der Kurzfristigkeit her sicher am prägendsten und herausforderndsten.

DALLWITZ: Oder als die Bundesregierung an einem Freitagnachmittag Spanien als Hochrisikoland deklariert hat, wie im vergangenen Sommer. Zu dem Zeitpunkt waren gerade sechs Charter-Maschinen aus Spanien im Anflug nach Frankfurt. Das wussten wir mittags, wenn viele ins Wochenende gehen, noch gar nicht. In einem solchen Moment können Sie natürlich nicht einfach gehen, sondern Sie müssen reagieren. Das bedarf einer enormen Flexibilität und einer hervorragenden Mannschaft, die das mitdenkt und auch mitmacht.

Sie haben ja schon sehr früh mit Corona-Tests begonnen, zusammen mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB).

DALLWITZ: Ja, wir haben ein Konzept entwickelt, mit einem Bus zu stationären Pflegeeinrichtungen zu fahren und dort Tests durchzuführen, im Auftrag des Verwaltungsstabs der Stadt Frankfurt. Am Anfang lief das alles noch papiergebunden. Aber das ist heute alles digitalisiert, alles aus einem Guss.

Und zu Beginn?

HART: Da haben wir von den Laboren noch Listen mit Befunden zurückbekommen, auf Papier. Die Ergebnisse mussten wir dann selbst zuordnen und zustellen, eine elektronische Version war damals noch nicht vorgesehen. Heute dagegen arbeiten wir digital, mit speziellen IT-Anwendungen. Die Menschen registrieren sich, der Abstrich wird gemacht, und am Ende bekommen sie einen Befund auf Deutsch und Englisch, der automatisch zugestellt wird. Vor einem Jahr waren wir davon noch ganz weit entfernt. Da ist auch in den Laboren eine technische Entwicklung in Schwung gekommen, die uns zusätzlich die Arbeit extrem erleichtert.

Im Spätherbst 2020 ging es dann mit den Arbeiten für das Impfzentrum in der Festhalle los.

DALLWITZ: Ja, konzeptionell ab Ende November. Einsatzbereit waren wir dort schon Mitte Dezember, beginnen konnten wir aber erst am 19. Januar, als die Impfstoffe kamen. Dazwischen waren wir mobil unterwegs. Am Projekt Impfzentrum Frankfurt waren und sind viele Partner beteiligt: Dazu gehören beispielsweise ein hoher Planungs-Input der Branddirektion Frankfurt, umfangreiches Know-how der Messe und des Gesundheitsamts und auch von uns, dem DRK Frankfurt - damit die Strukturen und Abläufe reibungslos organisiert sind und funktionieren. Am Ende darf der Einsatz der mobilen Teams der anderen Hilfsorganisationen nicht unerwähnt bleiben. Gemeinsam stehen wir für den Erfolg in Frankfurt.

HART: Vieles hat sich auch während des Betriebs geändert. Wir haben teilweise Positionen noch mal umgebaut, über Nacht, um Abläufe zu verbessern.

Wie viele Mitarbeiter sind hier im Einsatz?

HART: Täglich arbeiten ungefähr 150 Personen pro Schicht, es sind zwei Schichten pro Tag, dazu kommt der Sicherheitsdienst, der den Außenbereich und die Eingänge überwacht und an jeder Position steht, um die Menschen zu leiten. Schließlich haben wir eine Kapazität von rund 4000 Impfungen pro Tag.

DALLWITZ: Und wir könnten noch viel mehr schaffen. Im Moment haben wir aber die Situation, dass manche Termine nicht wahrgenommen werden.

HART: Am Anfang war der Impfstoff der limitierende Faktor, jetzt sind es die Menschen, die nicht erscheinen. Die Terminvergabe ist kein Problem, wir haben hier meist über 4000 Termine pro Tag - wir sind sozusagen wie ein guter Mallorca-Flieger überbucht. ( lacht )

Das heißt, viele gebuchte Impftermine werden inzwischen nicht mehr wahrgenommen?

HART: Ja, das ist so. Bei den Zweitimpfterminen ist das weniger der Fall. Kürzlich hatten wir an einem Sonntag 3800 Zweitimpftermine, erschienen sind dann 3500 Menschen - eine relativ gute Rate. Bei den Erstimpfungen sind es auch mal mehr. Das deckt sich mit den Erfahrungen in anderen Impfzentren. Der Impfstoff verfällt deswegen nicht. Wir ziehen ihn "just in time" auf, wir müssen nichts wegwerfen. Aber wenn Sie überlegen, wie viele Menschen stattdessen hätten kommen können, dann ist das natürlich schade.

Woran liegt das?

HART: Der Zugang zu Impfstoff ist leichter geworden. Das funktioniert jetzt auch über die Haus- und Betriebsärzte, die ein großes Feld abdecken. Stellen Sie sich große Firmen wie VW oder Daimler vor - wenn die in die Impfkampagne einsteigen, das beschleunigt natürlich. Das sind gerade die Menschen, die jetzt eigentlich auch im Impfzentrum offiziell an der Reihe wären, weil die Priorisierungsgruppen jetzt weitgehend abgearbeitet sind. Die über 60-Jährigen, die sehr impfwillig waren, sind bereits geimpft.

DALLWITZ: Die Leute fahren oft mehrgleisig - einfach deshalb, weil der Impfstoff lange knapp war. Die Folgen merken wir jetzt: Da wurde jemand, der vielleicht morgen im Impfzentrum einen Termin hätte, schon vorgestern woanders geimpft - und hat dann vergessen, im Impfzentrum abzusagen. Ich glaube gar nicht, dass das immer böser Wille ist. Viele denken wahrscheinlich, dass die Informationen schon fließen. Aber das sind absolut getrennte Säulen. Ob Sie beim Hausarzt geimpft werden, weiß der Betriebsarzt nicht, und der Hausarzt weiß auch nichts davon, wer hier im Impfzentrum einen Termin hat. Das wurde im Eifer des Gefechts auf unterschiedliche Füße gestellt. Unser Appell ist daher: bitte absagen, wenn Sie einen Termin im Impfzentrum nicht wahrnehmen können, weil das anderen die Chance gibt, dass sie schneller nachrücken.

In den ersten Monaten, als vor allem Ältere geimpft wurden, war das noch ganz anders, oder?

DALLWITZ: In den ersten Wochen war der Parkplatz hier voll, da sind viele Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gekommen ...

HART: ... die kamen zum Teil bis aus Schlüchtern hierher auf die Messe, mit Begleitpersonen.

DALLWITZ: Und sie waren natürlich aufgeregt. Man kann sich vorstellen, was das für ein Stresslevel war. Manche sind zweieinhalb Stunden früher zum Termin gekommen. Aber es war schon rührend, wie dankbar viele waren. Viele dieser Generation, die in den 1930er- und 1940er-Jahren geboren wurden, haben uns über die Radrennen berichtet, die früher hier stattgefunden haben. Sie haben eine besondere Verbindung zu dieser Halle. Und man hat so richtig gemerkt, wie bei ihnen eine Last abfiel, wenn sie nach der Impfung wieder rausgingen. Es war schon emotional, das zu sehen.

Manches dürfte Ihre Arbeit aber auch erschwert haben - Stichwort "Impfdrängler".

HART: Anfangs war die Überprüfung noch recht einfach. Aber vor allem mit der Öffnung der Priorisierungsgruppe drei wurde das schwierig. Wir haben das nach bestem Wissen und Gewissen kontrolliert. Natürlich gab es hin und wieder Menschen, denen man erklären musste, dass sie zwar über das System einen Termin ergattern konnten, aber dass sie einfach noch nicht dazu berechtigt waren. Das hat bei den Betreffenden natürlich nicht zu bester Laune geführt. Aber letztlich waren das Einzelfälle. Mit den Menschen, die hierherkommen, macht man zu 99 Prozent extrem positive Erfahrungen. Die begegnen einem sehr nett und sehr freundlich.

Und die Querelen um den Impfstoff Astrazeneca?

HART: Wir haben vier Impfstoffe, die in der EU zugelassen sind. Alle vier schützen vor schweren Verläufen - und das haben wir auch immer versucht, den Menschen zu vermitteln. Aber dieses Auf und Ab mit Astrazeneca - erst der Komplett-Stopp im März, dann nur für Unter-60-Jährige, danach nur noch für Über-60-Jährige, jetzt die Zweitimpfung nur noch mit einem MRNA-Impfstoff -, das führt natürlich nicht zu einem Vertrauensvorschuss in dieses Präparat.

DALLWITZ: Wer welchen Impfstoff erhält - das war aufwendig zu erklären, und das hat zu einer hohen Belastung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geführt. Nur: Die Mitarbeiter vor Ort waren ja nicht in der Entscheidungshoheit. Wir haben uns an die offiziellen Regelungen und Vorgaben gehalten. Das ist eben eine Fortentwicklung der Erkenntnislage in der Wissenschaft, auf die reagiert wird. Die Behörden entscheiden nach bestem Wissen und Gewissen anhand der Daten und Informationen, die sie haben.

HART: Einigen Menschen war das gut zu vermitteln, aber es gab natürlich auch Leute, die sind lautstark und mit wehenden Fahnen vom Hof gezogen und haben uns das schon spüren lassen, dass ihrer Ansicht nach nicht die richtige Entscheidung getroffen worden war.

Wie lange wird es das Impfzentrum in der Festhalle noch geben?

DALLWITZ: Bis Ende September, dann wird man sehen. Natürlich wird das nicht in dieser Größenordnung weiterlaufen. Aber ich glaube, dass wir gut beraten sind, wenn die Vertreter der Ärzte und die Betreiber von Impfzentren gemeinsam überlegen, wie sich die Systeme gegenseitig entlasten und ergänzen können.

Wie könnte das aussehen?

DALLWITZ: Es wird auch weiterhin mobile Lösungen geben müssen, für vulnerable Gruppen, die nicht an das Hausärztesystem angebunden sind. Zu diesen Menschen muss man hingehen, zu Impfaktionen in Einrichtungen, Kirchengemeinden, Sportvereinen. Solche Impfaktionen funktionieren vor Ort gut, weil es da auch Mittelsleute gibt, die Vertrauen schaffen können. Diese Chancen sollte man nutzen und ausbauen, damit die Impfquote hoch bleibt.

HART: Wir machen aktuell immer noch 3000 bis 4000 Impfungen pro Tag. Daran wird sich in den nächsten Wochen auch nichts ändern. Da sind sie im Monat bei knapp 100 000 Impfungen. Das müssen die Hausärzte erst einmal auffangen. Deshalb müssen wir zusammenarbeiten, um den bisherigen Impferfolg nicht zu gefährden.

Sie haben in der Pandemiezeit viel erlebt. Was hat Sie besonders beeindruckt?

DALLWITZ: Wenn ich sehe, was hier alle noch "on top" geleistet haben, dann erfüllt mich das mit großer Dankbarkeit. Kürzlich war ich außerdem in unserer Beratungsstelle "HIWA!", wo mir Senioren berichtet haben, wie es ihnen während der Pandemie ergangen ist, wie sehr ihnen die Einsamkeit zu schaffen gemacht hat. Das macht mich schon sehr nachdenklich. Da merkt man, dass die Gesellschaft und auch das DRK Frankfurt als Wohlfahrtsverband noch viel zu tun haben, um das aufzufangen und aufzuarbeiten.

HART: Beeindruckt hat mich das bunte Potpourri an Personal in unseren Testzentren und im Impfzentrum - aus aller Herren Länder und aus allen möglichen Bereichen. Da sind so viele Menschen dazugekommen, aus Branchen, die besonders von Corona beziehungsweise Kurzarbeit betroffen waren. Aus der Luftfahrt zum Beispiel und aus der Gastronomie, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, aber die jetzt zusammen an einem Thema arbeiten. Das waren tolle Begegnungen mit Menschen, die gesagt haben: "Es ist so schön, dass ich hier sein darf, dass ich hier Geld verdienen kann und gleichzeitig der Gesellschaft etwas zurückgeben kann." Es ist schön, dass man hier nicht nur eine Pandemie bekämpft, sondern auch Brücken baut für die Menschen.

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