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Kein Produkt kann Muttermilch ersetzen, sagen die Experten der Uniklinik Frankfurt. Gut fürs Baby also, wenn im Fläschchen auf mit Pulver Angerührtes zugunsten der reinen Natur verzichtet werden kann.

Geburtenstation

Uniklinik baut Angebot für Babys und besonders für Frühchen auf

Hessen bekommt eine Muttermilchbank. Im März soll an der Universitätsklinik Frankfurt das erste Baby mit der Milch einer unbekannten Frau gefüttert werden. Großen Wert legen die Projektbeteiligten auf die Qualitätsstandards.

Jungen Müttern, die keine Milch produzieren, soll bald auch in Frankfurt mit Milch anderer Mütter geholfen werden – beziehungsweise ihren Babys. Die Uniklinik baut eine sogenannte Milchbank auf. Andernorts wie etwa an der Uniklinik in Dortmund gibt es solche Projekte schon seit geraumer Zeit.

Hauptursache dafür, dass Mütter nicht selbst stillen können, ist meist Stress. Besonders virulent ist das Problem bei Frühgeburten. An diese sowie Babys mit Fehlbildung denkt Rolf Schlößer, Chef des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, besonders. „Andere Kinder haben das in der Regel nicht notwendig, die Mutter kann genug Milch liefern.“

Eingefrorener Überschuss

Schlößer freut sich darauf, den Winzlingen in der Kinderklinik einen noch besseren Start ins Leben ermöglichen zu können. Kein künstliches Produkt könne das von Mutter Natur ersetzen: „Milch von Menschen ist am besten verträglich für Menschen.“ Und Frühchen hätten einen besonders empfindlichen Darm. Ziel bleibe, dass auch sie gestillt werden. Doch manche Mütter bräuchten nach der Geburt etwas länger, bis sie dazu fähig sind. Bei anderen sprudelt es so stark, dass das Baby nicht alles trinken kann. Den Überschuss friert die Uniklinik derzeit noch ein, muss ihn wegschütten, wenn er nicht gebraucht wird.

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Von März an können die Frauen auch diese Milch spenden. Dazu müssen sie sich auf Bakterien und Viren testen lassen, so wie das auch bei Blutspenden Usus ist, sagt Seifried. Getestet wird auf Hepatitis A, B, C, HIV oder Syphilis. „Wir möchten die höchstmögliche Sicherheit, wie bei jedem Blutpräparat“, sagt Erhard Seifried, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie sowie des DRK-Blutspendediensts Baden-Württemberg–Hessen.

Wie hier in Dortmund, wo eine Krankenschwester gespendete Milch ins Kühlregal stellt, gibt es mancherorts schon Milchbänke.

Der Blutspendedienst übernimmt die Zuständigkeit für die Logistik und den Vertrieb, denn auch Kinder in anderen Kliniken im Rhein-Main-Gebiet sollen davon profitieren. Bedingung ist, dass es genug Spenderinnen gibt. Hier sind die Beteiligten zuversichtlich. „Viele Frauen sind bereit, ihren Überschuss abzugeben“, versichert Kinderkrankenschwester und Stillberaterin Sabine Philipi.

Eine Milchbank ist keine neue Erfindung. Vor der Entdeckung von HIV in den 70er Jahren gab es sie überall in Deutschland, danach nur noch in der DDR. Das Angebot überlebte die Wiedervereinigung; in jüngster Zeit zogen die neuen Bundesländer nach. Wenn Hessen im März einsteigt, gibt es noch vier weiße Flecken in der Republik: Bremen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Schleswig-Holstein.

Überlebenswichtig

Die Frauenmilchbank-Initiative will dies ändern. Seit Mai vergangenen Jahres gibt es den gemeinnützigen Verein. Sein Ziel: In fünf Jahren gibt es in jedem Bundesland die Möglichkeit, über eine seriöse Quelle an die Milch von Spenderinnen zu kommen. Die Initiative hat die Frankfurter Universitätsklinik bei den Vorbereitungen unterstützt. Und begrüßt, dass es bald auch in Hessen dieses Angebot gibt: „Das ist ein schöner Schritt, wenn jetzt auch dort so etwas aufgebaut wird“, sagt Anne Sunder-Plaßmann, eines der Gründungsmitglieder aus Hamburg.

Nach Darstellung des Vereins kann menschliche Milch gerade für Frühgeborene überlebenswichtig sein. Trotzdem hätten lediglich zwei Dutzend der mehr als 200 Perinatalzentren in Deutschland Zugang zu gespendeter Muttermilch. Der Bedarf liege weit über dem Angebot. Diese Lücke füllen dubiose Geschäftemacher. Speziell in den USA blüht der Internethandel. Aber auch in Deutschland, sagt Anne Sunder-Plaßmann und warnt: „Häufig sind Keime darin, weil die Kühlkette beim Verschicken nicht eingehalten wird.“ Um diese Gefahr zu bannen, beschloss der niedersächsische Landtag im Sommer 2016, die Einrichtung an den drei Standorten finanziell zu fördern. Eine vorbildliche Initiative, lobt Sunder-Plaßmann.

In Hessen gab es keine Hilfe. Die Frankfurter Universitätsklinik bekam das Geld für den Aufbau der Milchbank von der Kinderhilfestiftung. Den Betrieb muss sie aus ihrem eigenen Budget bestreiten.

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von JUTTA RIPPEGATHER

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