Jan Gerchow (62) stammt aus Braunschweig und studierte in Freiburg und im britischen Durham mittelalterliche Geschichte, Germanistik und Philosophie. Anschließend arbeitete er zunächst am Freiburger Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte, danach am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen. Seit 1993 ist er in Museen tätig: erst am Ruhrlandmuseum Essen, seit 2005 als Direktor des Historischen Museums in Frankfurt, das er mit seinem Team neu konzipiert hat. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder sowie drei Enkelkinder. Foto:Michael Faust
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Jan Gerchow (62) stammt aus Braunschweig und studierte in Freiburg und im britischen Durham mittelalterliche Geschichte, Germanistik und Philosophie. Anschließend arbeitete er zunächst am Freiburger Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte, danach am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen. Seit 1993 ist er in Museen tätig: erst am Ruhrlandmuseum Essen, seit 2005 als Direktor des Historischen Museums in Frankfurt, das er mit seinem Team neu konzipiert hat. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder sowie drei Enkelkinder.

Interview

Museumsdirektor: "Wir haben Corona-Monster bekommen"

  • vonBrigitte Degelmann
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Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums, spricht über die Pandemie-Geschichte der Stadt und Ausstellungsstücke von Bürgern.

Frankfurt -Obwohl die Pandemie noch läuft, ist Corona schon Thema im Historischen Museum Frankfurt. Vor allem dank Einsendungen von Bürgern. Was das Stadtlabor damit zu tun hat und was die Krankheitswellen dieser Tage von Seuchen früherer Jahrhunderte unterscheidet, das schildert Museumsleiter Jan Gerchow im Interview mit Brigitte Degelmann.

Herr Gerchow, wenn Sie in zehn Jahren eine Ausstellung über die Corona-Pandemie machen würden, wie würde die wohl aussehen? Vielleicht ein Raum voller Klopapier, Nudeln und blauer Masken?

Nein, eher nicht (lacht).

Was könnten Sie sich stattdessen vorstellen?

Wir sind ein Museum, das sich stark der Beteiligung von Bürgern verschrieben hat, denn wir glauben, dass es da Expertise und Interesse gibt, sich mit Themen dieser Stadt zu beschäftigen. Deshalb haben wir das Stadtlabor, in dem wir gemeinsam mit den Bürgern die Stadt erforschen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir auch zu Corona so ein Stadtlabor machen könnten - unter dem Motto: Was ist eigentlich übrig von dieser Zeit, an Erinnerungen, an Praktiken, an Dingen, die wir benutzen oder auch nicht mehr benutzen?

Und wie sähe das konkret aus?

Da würden wir Menschen suchen in der Stadt, die sich damit beschäftigt haben. Zum Beispiel unterschiedliche Gruppen, die es unabhängig von Corona gibt - vielleicht einen Sportverein oder einen Chor, für die diese Zeit ein Einschnitt gewesen ist, deren Leben und Wirken sich dadurch verändert haben. Diese könnten Beiträge in ganz unterschiedlichen Formen machen, die dann Teil einer größeren Gruppenausstellung werden. So erhält man ein Panorama von unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema.

Und spiegelt damit auch die Vielfalt der Stadt wider.

Genau, das ist ja der Sinn des Stadtlabors. Vielleicht hat sich der Chor Masken machen lassen, um im öffentlichen Raum aufzutreten. Daraus könnte man eine Kunstinstallation anfertigen, eine Art Mobile, in dem dann einzelne Geschichten und Biografien miteinander verbunden werden könnten. Oder vielleicht gibt es eine Gruppe von Müllabfuhrleuten, die einen Stammtisch haben oder als Initiative organisiert sind, und die diese Zeit auch in Erinnerung haben, weil es plötzlich sehr viel Müll gab. Die haben vielleicht Videos gedreht. Wenn dann 20 oder 30 Beiträge zusammenkommen und die Gruppen sich auch untereinander austauschen, sich aufeinander beziehen, dann kann daraus eine Ausstellung werden, die in ganz interessanter Art und Weise spiegelt, wie sich das Thema Corona in den unterschiedlichen Gruppen der Stadtgesellschaft dargestellt hat.

Ist Corona denn jetzt schon ein Thema im Historischen Museum?

Wir haben noch nicht aktiv gesammelt. Aber wir bitten die Frankfurter schon seit dem ersten Lockdown im März vergangenen Jahres, uns Dinge zu schicken, die mit Corona zu tun haben: Fotos, Videos und Audios, gerne auch Texte und Geschichten, die sich mit der Pandemie in der Stadt auseinandersetzen. Es gibt ja auch das "Stadtlabor digital", wo wir Beiträge zu allen möglichen Themen sammeln. Wenn man selbst User ist, kann man da Beiträge hochladen und sie auf einer virtuellen Stadtkarte bestimmten Themen zuordnen, kann sie taggen und kommentieren.

Interessieren Sie sich auch für Dinge zum Anfassen? Vielleicht für Masken oder ähnliches?

Ja, damit haben wir ebenfalls begonnen, aber auch das beruht auf Einsendungen.

Und was ist da bisher zusammengekommen?

Wir haben zum Beispiel "Corona-Monster" bekommen. Da hat ein Mädchen ein sehr freundliches Monster gehäkelt und gebastelt, das nach der Einführung der Maskenpflicht eine Maske bekam und dann auch noch ein Baby, um auf diese Weise mit dem Virus umzugehen. Die wurden uns zugeschickt, aber auch viele Kinderzeichnungen, Foto-Serien, Gedichte - textliche, visuelle, filmische Schöpfungen von Menschen und Gruppen, die sich damit beschäftigt haben. Corona ist ja auch ein Vereinzelungsthema, wo man auf sich selbst zurückfällt, darüber reflektiert und das versucht zu verarbeiten. Bisher haben wir da rund 300 Dinge erhalten und etwa 450 digitale Einsendungen.

Es ist ja nicht die erste Pandemie in der Stadthistorie. Wie haben denn frühere Krankheitsereignisse die Stadtgeschichte geprägt?

Es gab verschiedene Pest-Wellen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, die erste in den Jahren 1348 und 1349. Die kam übrigens ebenfalls aus dem asiatischen Raum, gelangte durch Seefahrer und Soldaten über Konstantinopel, das heutige Istanbul, nach Italien und breitete sich von dort über ganz Europa aus. Davon war Frankfurt erheblich betroffen.

Inwiefern?

Das zweite große bekannte Pogrom und damit die erste komplette Auslöschung der jüdischen Gemeinde in Frankfurt hat sich 1349 im Kontext mit der Pest ereignet.

Warum? Weil solche Katastrophen zu der Frage führen, wer daran schuld ist?

Genau. Da werden den Juden stereotype Vorwürfe gemacht - wie der rituelle Kindsmord oder die Brunnenvergiftung. Das wird benutzt, um diese ausgegrenzte Gruppe loszuwerden. Ihr war ja der übliche Gelderwerb, zum Beispiel als Handwerker, nicht erlaubt, und sie konnte auch nur in ganz geringem Umfang in der Landwirtschaft tätig sein. Deshalb war sie in speziellen Gewerben tätig. Ihr war zum Beispiel Geldverleih erlaubt. Doch das ist ein gefährliches Geschäft: Wenn man Gläubiger auf einen Schlag loswerden kann, dann beteiligen sich gerne alle Schuldner daran. So war es auch in Frankfurt.

Das heißt, man benutzte die Schuldfrage auch dafür, um sich lästiger Gläubiger zu entledigen?

Ja. Solche Pandemien wirken sich eben auf das Leben von Randgruppen aus: weil die Mehrheitsgesellschaft nach Schuldigen sucht, weil die Ressourcen knapper werden, weil der Markt sich verkleinert. Da verstärkt sich die Ausgrenzung. Obwohl hier im 14. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde existierte, weil es hier auch mehr "Schutz" durch den Kaiser für sie gab als anderswo. Dieser wurde übrigens nach dem vom Kaiser selbst begünstigten Pogrom wieder bestätigt: Juden wurden eingeladen, wieder in Frankfurt zu siedeln und Steuern zu zahlen, und die Stadt wurde dazu verpflichtet, ihnen Schutz zu geben. Es gab also danach bald wieder jüdisches Leben in der Stadt.

Der Pest-Ausbruch 1348 war ja nicht der einzige in Europa.

Die Pest ist ein Phänomen, das sich bis in das 18. Jahrhundert hineinzieht, zumindest in Westeuropa. Es gab mehrere Krankheitswellen, ein großer Ausbruch war zum Beispiel zwischen 1631 und 1635, auf dem Höhepunkt des 30-jährigen Krieges im Frankfurter Raum, weil die Stadt damals von den schwedischen Armeen belagert, ausgehungert und ausgeplündert wurde. Eine geschwächte Bevölkerung, dazu Armeen aus allen möglichen Ecken Europas, die da aufmarschierten - da war ein Epidemie-Ausbruch vorprogrammiert.

Wie viele Menschen sind der Pest damals zum Opfer gefallen?

Es gab damals ja keine Statistiken, aber die Stadt wird sich halbiert haben - weil viele Menschen vor dem Krieg geflohen und viele umgekommen sind. Eine Folge dieser Katastrophe war auch, dass die Messe nicht stattfand. Dabei war die Frankfurter Messe das wichtigste Ereignis in der Stadt. Seit dem frühen 14. Jahrhundert gab es zwei Messen, Frühjahrs- und Herbstmesse, die bis zum 18. Jahrhundert für den gesamten mitteleuropäischen Raum die führenden Handelsmessen waren. Davon lebte die Stadt auch finanziell und davon hing ihre Bedeutung ab. Wenn aber Kriege oder solche Epidemien auftraten, wurde die Messe unterbrochen.

Das heißt, das bedeutete auch wirtschaftliche Einschnitte?

Solche Unterbrechungen waren große finanzielle Katastrophen für die Stadt, vor allem dann, wenn das über mehrere Messetermine hinweg passierte.

Warum?

Der Handel hat ja so funktioniert, dass die Händler erst zu den Folgeterminen die jeweiligen Zahlungen ausgeglichen haben. Dadurch sind übrigens auch die Börsen entstanden: dass die Händler sich zu bestimmten Messeterminen getroffen, die Geldkurse ausgehandelt und Wechsel ausgestellt haben. Der gesamte Geldverkehr hing also stark an solchen Messeterminen - und wenn die ausfielen, war das katastrophal. Da wurden alle Geldströme unterbrochen, das hatte dann auch eine lange Wirkung.

Bei der Betrachtung von Corona werden hin und wieder auch Parallelen zu früheren Epidemien und Pandemien gezogen. Ist das angebracht?

Ich finde das nicht so richtig sinnvoll, unsere heutige sehr privilegierte Position zu vergleichen mit Zeiten, bevor es diese medizinische Totalversorgung gab. Ich würde sagen, wir klagen auf sehr hohem Niveau, wenn man das mit früheren Pandemien vergleicht. Das ist ein Zustand, den hatte man bis vor 120 Jahren gar nicht. Impfungen als Mittel der Volksgesundheit gibt es ja erst seit kurz vor 1900, dafür stehen Namen wie Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich. Da spielt Frankfurt übrigens auch eine interessante Rolle.

Warum?

Paul Ehrlich war ja einer der Mitstreiter von Emil Behring, wechselte dann aber nach Frankfurt und gründete hier das Institut für experimentelle Therapien - das spätere Paul-Ehrlich-Institut, das dann nach Langen übergesiedelt ist. Er war der Erfinder der Chemotherapie, aber er hat auch im Bereich Impfungen geforscht und Impftherapien entwickelt. Beispielsweise hatte er hier einen Pferdestall, wo Seren in Tierblut entwickelt wurden. Da steckt auch viel Frankfurter Geschichte darin, denn hier ist im Grunde das Werkzeug für eine Massen-Immunisierung entstanden. Darüber haben wir vor einigen Jahren übrigens zusammen mit der Berliner Charité eine Ausstellung gemacht.

Stichwort Ausstellungen - können Sie nachvollziehen, dass deren Besuch während des Lockdowns nicht möglich war?

Wir sind der festen Überzeugung, dass Museen kein Ort der Infektionen sind. Wir sind zwar in Räumen, aber wir haben moderne und leistungsfähige Belüftungsanlagen, und wir haben viel Platz. Die Leute können sich hier immer voneinander separieren. Es ist absurd, dass solche Orte, die sicher sind und so viel Kraft spenden können, den Menschen vorenthalten werden. Deshalb unser Appell, dass man während der Pandemie nicht auf solche pauschalen Einschränkungen setzt. Wir wissen es doch jetzt besser als vor einem Jahr. Ein Museum kann doch auch ein Ort sein, wo die Leute sich stärken können - ohne sich und andere zu gefährden.

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