Islam-Expertin Professor Susanne Schröter

„Muslime sind in einer schwierigen Situation“

Prof. Dr. Susanne Schröter leitet das neue Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität. FNP-Redakteurin Julia Lorenz sprach mit der 57-jährigen Ethnologin über die Angst der Deutschen vor Muslimen, den Islam und den Islamismus.

Frau Schröter, Sie setzen sich seit Jahren mit dem Islam und dem Islamismus auseinander. Ist der Islam in seiner Grundtendenz radikal?

SUSANNE SCHRÖTER: Der Islam ist in der Grundtendenz genauso wenig oder viel radikal wie das Christentum. Sie finden in der Bibel und im Koran Textstellen, die einem die Haare zu Berge treiben, und Sie finden ganz wunderbar friedfertige Stellen. Es kommt einzig und allein darauf an, wie man solche Texte liest und einordnet. Und da sind sowohl auf christlicher Seite, aber auch bei den Muslimen sehr unterschiedliche Interpretationen möglich. Die einen legen die Texte totalitär aus und versuchen, die Überlegenheit der eigenen Religionsgemeinschaft gegenüber allen anderen zu bekunden, während die anderen zu Bescheidenheit und Friedfertigkeit ermahnen. Außerdem gibt es den einen Islam nicht.

Sondern?

SCHRÖTER: Es gibt eine Fülle von Texten, die gedeutet werden müssen, denn das Buch spricht nicht. Man muss differenzierter an den Koran herangehen. Das hat man bei anderen Religionen auch gemacht. Religion muss zeitgemäß gedeutet werden. Ansonsten kollidiert sie immer mit anderen Werten wie Menschenrechten und Rechtstaatlichkeit. Von daher hat der Islam kein anderes Problem als andere Religionen, wenn man eine vernünftige Textdeutung vornimmt.

Dennoch hat eine aktuelle Bertelsmann-Studie offenbart, dass 57 Prozent der Deutschen den Islam als Bedrohung empfinden. 61 Prozent der Deutschen meinen, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Was sagt uns das?

SCHRÖTER: Die Studie ist in einer Zeit erhoben worden, in der die Medien voll waren mit dem Terror des Islamischen Staates in Syrien und im Irak. Da wurde deutlich, dass auch Deutschland durch Rückkehrer möglicherweise zum Anschlagsziel werden kann. Dass die deutsche Bevölkerung, die vielleicht wenig Kontakt mit Muslimen hat, vorwiegend jetzt den Islam als Bedrohung wahrnimmt, ist vor dem Hintergrund verständlich.

Also ist die Ablehnung gar nicht so groß?

SCHRÖTER: Nein, unter Normalbedingung nicht. Denn man hat auch erkannt, dass die Angst dort, wo die wenigsten Muslime leben wie in Ostdeutschland, am größten ist. Es liegt natürlich auf der Hand, dass Ängste begünstigt sind, wenn man Muslime nur von Schreckensnachrichten kennt. Wenn man allerdings Kontakt mit Muslimen hat, mit ihnen in einer Nachbarschaft lebt oder mit ihnen zusammen arbeitet, trägt das dazu bei, ein anderes Verhältnis zu gewinnen.

Das heißt, man muss sich mehr mit der Religion auseinandersetzen?

SCHRÖTER: Auseinandersetzung hilft immer. Diejenigen, die Angst haben, oder glauben, Muslime sind ein Gefährdungspotenzial, sagen oft gleichzeitig, dass sie wenig über den Islam wissen. Es gibt ein Wissensdefizit. Das ist aber auch verständlich. Es wird weder in der Schule noch sonst wo vernünftig aufgeklärt. Nicht nur über den Islam, sondern auch über andere Religionen. Das interkulturelle Wissen ist nicht so, wie es sein sollte. Da gibt es deutlich Nachholbedarf.

Nichtsdestotrotz scheint die Angst der Deutschen vor Muslimen so weit zu gehen, dass einige von ihnen auf der Straße beschimpft werden und ihnen insgeheim eine Mitschuld an den Terroranschlägen in Paris gegeben wird. Man differenziert nicht zwischen Islam und Islamismus.

SCHRÖTER: Das ist richtig. Und genau das ist auch das Problem. Denn man muss auch mal sagen, dass die Muslime wirklich in einer schwierigen Situation sind, weil sie und ihre Religion schlecht wegkommen. Wenn Terroristen in aller Welt im Namen des Islam morden, plündern und vergewaltigen, dann ist das nicht schön für diejenigen, die ihren Glauben einfach friedlich leben möchten und mit Terrorismus definitiv nichts zu tun haben. Aber sie werden mit ihnen in einen Topf geschmissen, weil sich die Menschen, wie schon erwähnt, zu wenig mit dem Islam auseinandergesetzt haben.

Die Muslime ihrerseits behaupten aber immer, die terroristischen Attentate haben mit dem Islam nichts zu tun.

SCHRÖTER: Das ist natürlich Quatsch. Das wirkt für einen Nicht-Muslim nicht überzeugend, immerhin sind die Attentäter mit den Worten „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) in die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“ gestürmt. Es muss wirklich Aufklärung auf allen Ebenen laufen. Da sind aber auch die Muslime selbst gefragt, die sich mehr mit ihrer Religion und der Deutungshoheit des Islam auseinandersetzen müssten. Viele Gläubige verstehen den Koran selbst nicht, weil sie nur einzelne Textstellen auf Arabisch auswendig gelernt haben, aber kein Arabisch verstehen. Nur wenn man die unterschiedlichen Verse im Koran kennt und selbst gelesen hat, kann man eine qualifizierte Meinung vertreten und islamistische von aufgeklärten Interpretationen unterscheiden. Nur so kann man sich gegenüber Vorurteilen verteidigen und glaubhaft wirken. Fakt ist: Islamismus ist ja nicht der Islam, sondern eine radikale Spielart, die es in allen möglichen Ländern gibt, aber die steht nicht für alle Muslime. Islamisten sind nur eine Randgruppe.

Und was kann man gegen sie machen?

SCHRÖTER: Ich glaube, wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist und jemand auf dem Weg nach Syrien ist, dann hilft nur noch die Polizeiarbeit. Deshalb ist es um so wichtiger, präventiv tätig zu sein. Denn Islamismus fällt nicht vom Himmel. Da müssen die Moscheegemeinden tätig werden und mehr Jugendprojekte anbieten, um zu verhindern, dass die Jugendlichen radikalisiert werden. Aber auch die Schulleiter sind gefragt, ebenso die Leiter von Gefängnissen, die Rekrutierungsanstalten sind. Sie alle sind noch viel zu wenig sensibilisiert für das Thema. Im Rahmen unserer Untersuchung über Muslime in Wiesbaden haben wir etwa von Schulleitern immer wieder zu hören bekommen, dass sie kein Problem mit Salafismus haben. Da wird an allen Enden gemauert.

Das klingt ja so, als ob bis zu den Anschlägen in Paris alle Welt die Augen zugemacht hat.

SCHRÖTER: Ich bin mir gar nicht sicher, ob sich das schon geändert hat. Bei all diesen Institutionen gibt es eine große Angst, dass sie in den Blick der Öffentlichkeit geraten, sobald sie zugeben, dass sie Probleme mit Salafisten haben. Dann leidet der Ruf. Da ist es natürlich verständlich, dass man sich nicht bekennen möchte. Nur ist mittlerweile offensichtlich, dass das nicht mehr so weitergeht. Zum Glück gibt es jetzt immerhin das Präventionswerk in Hessen als Anlaufstelle für Menschen, die merken, dass sich jemand in eine gefährliche Richtung bewegt.

Müssen wir Angst haben, dass sich die Bevölkerung spaltet in Deutschland?

SCHRÖTER: Es kommt jetzt darauf an, wie wir auf allen Seiten integrieren. Es besteht eine Gefahr, dass Vorurteile gegenüber Muslime stark zunehmen und es dann eine Gegenreaktion gibt. Gleichzeitig ist der Islamismus unglaublich populär. Es ist die am schnellsten wachsende Jugendbewegung, das muss man auch mal sagen. Das ist auf der Seite der politischen Rechten und auf Seite der Islamisten natürlich Sprengstoff. Deshalb hoffe ich, dass es hier keine großen Anschläge geben wird. Das würde sicherlich zu einer Radikalisierung innerhalb der deutschen Bevölkerung beitragen. Meiner Meinung nach kann das jetzt in zwei Richtungen gehen: Auf der einen Seite können innerhalb der Gesellschaft wirklich Gräben aufreißen, es kann auf der anderen Seite aber auch neue Koalitionen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen geben, die sagen, dass sie eine friedvolle demokratische Gesellschaft wollen, in der Platz für alle ist.

Ist es aber nicht traurig, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von Integration geredet wurde, aber zu wenig passiert ist?

SCHRÖTER: Deutschland versteht sich erst seit kurzem als Einwanderungsgesellschaft. Vorher wurde das weder von der Politik noch den Migrantengemeinden gefordert. Für alle war das immer nur ein vorübergehender Zustand. Die Migranten waren gerne unter sich. Wenn man möchte, dass es anders wird, dann muss man sich Mühe geben. Dann muss die Gesellschaft offen dafür sein und nicht misstrauisch, wenn jemand anders aussieht oder spricht. Integration ist eine beidseitige Sache. Alle müssen es wollen, alle müssen Abstriche machen, alle müssen Ängste verlieren und neugierig sein. Das ist ein schwieriger Prozess.

Der aber gelingen kann?

SCHRÖTER: Ja, wenn der Staat Verantwortung übernimmt. Denn gerade für die Jugendlichen aus Migrationsfamilien muss etwas gemacht werden. Die Herkunft spielt in Deutschland eine große Rolle beim Bildungserfolg. Denn wenn etwa die Mutter zu Hause kein Deutsch spricht, kann sie ihren Kindern auch nicht bei den Hausaufgaben helfen. Das ist ein großes Problem, und ich sehe da nur die Ganztagsschule als Lösung, um zu kompensieren, was das Elternhaus nicht leisten kann. Da muss der Staat aktiv werden. Andernfalls haben migrantische Familien weiterhin einen Nachteil, das sorgt für Frustration und ist ein guter Nährboden für den Salafismus.

Und was ist Ihre Hoffnung für die Zukunft?

SCHRÖTER: Wir müssen die schrecklichen Ereignisse in Paris und die Bedrohung durch den erstarkenden Dschihadismus zum Anlass nehmen, um darüber zu diskutieren, dass weder der Islamismus noch die fremdenfeindliche Stimmung gut für uns sind. Das kann dazu führen, dass ein neues Wir-Gefühl entsteht.

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