Justizia wacht auf dem Römerberg, Gregor Gysi und seine Mandantin unterhalten die Menschen im Oberlandesgericht. FOTO: Blatterspiel/Jan Huebner
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Justizia wacht auf dem Römerberg, Gregor Gysi und seine Mandantin unterhalten die Menschen im Oberlandesgericht.

Gerichtsreport

Mutmaßliche IS-Rückkehrerin und Gregor Gysi liefern in Frankfurt mehrstündige Show

  • VonMatthias Gerhart
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Eine 32-Jährige aus dem Ostend in Frankfurt hatte die Nase voll von Ehe, IS-Kampf und Religion. Ihr Verteidiger ist niemand Geringeres als Gregor Gysi.

Frankfurt - Ungläubiges Staunen gestern auf dem Gerichtsflur: "Das war doch der Gysi", tuscheln sich Rechtsanwälte zu, nachdem der mittelgroße Mann mit der charakteristischen runden Brille an ihnen vorbeigehuscht ist. Er war es wirklich, auf dem Weg zu einem Prozess vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts, in dem er eine 32-jährige, mutmaßliche IS-Rückkehrerin aus Syrien zu verteidigen hat. Die Frau kehrte nach zwei Jahren im Herbst vergangenen Jahres nach Deutschland zurück, nachdem sie "die Nase voll" von Ehe, IS-Kampf und Religion hatte. Noch am Flughafen wurde sie in Untersuchungshaft genommen. Zuletzt hatte sie in Frankfurt im Ostend gewohnt - 2018 erfolgte dann die Ausreise.

Frankfurt: Richter schmunzeln immer wieder

Zerzaustes Elternhaus mit ständig wechselnden, meist gewalttätigen Partnern der Mutter, vorzeitiges Ende der Schulzeit ohne anschließende Ausbildung, schließlich das Scheitern der Beziehung mit einem Afghanen und der darauf folgende Aufenthalt in einem Frauenhaus: Wer die Angeklagte am ersten Verhandlungstag erzählen und lachen hörte, konnte dies kaum glauben. In einer ungewöhnlichen Eloquenz und Beredsamkeit, mit Witz und Schlagfertigkeit, unterhielt sie mehrere Stunden lang alle Zuhörer, einschließlich der immer wieder schmunzelnden Richter. Verteidiger Gregor Gysi vervollständigte alles noch durch einfühlsame Fragen, etwa: "Wie denken Sie heute über Ehe?" Ihre Antwort: "Wenn man ein Steak essen möchte, holt man sich ja auch nicht gleich die ganze Kuh!"

Frankfurt: Mutmaßliche IS-Rückkehrerin soll eine Kalaschnikow besessen haben

Ihren Aussagen zufolge erging es ihr unter dem Regiment des radikalen Islamisten an ihrer Seite nicht gut. In Syrien sei sie praktisch eingesperrt und dem Willen der IS-Männer ausgesetzt gewesen. Laut Anklage soll sie - als Voraussetzung für die Gültigkeit der nach islamischem Ritus geschlossenen Ehe - Mitglied des "Islamischen Staats" (IS) geworden sein und ihrem Ehemann den Haushalt geführt haben. Darüber hinaus verfügte sie über ein Kalaschnikow-Sturmgewehr.

Über all das wurde gestern noch nicht gesprochen - zu ausführlich und unterhaltsam gestalteten sich die Ausführungen der Frau zu ihrer Zeit in Deutschland. Ende der Woche soll nun mit der Vernehmung zur Sache begonnen werden. Rechtsanwalt Gysi allerdings wird an drei Terminen seiner Kollegin den Vortritt lassen. Er befinde sich von heute (14. Juni 2021) an auf einer Dienstreise als Bundestagsabgeordneter, ließ er das Gericht am Nachmittag wissen. (Matthias Gerhart)

Das Oberlandesgericht Frankfurt hat zwei islamistische Kämpfer zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie Mitglied in Terrorvereinigungen im Ausland waren.

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