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Peter Schmidt (Inhaber, links), Mehdi Chavari (Azubi, rechts) und Christian Rein (Geselle) sanieren jetzt das Fundstück.

Fund bei Wohnungssanierung

Sensationell gut erhaltenes Exemplar einer Frankfurter Küche in Westhausen entdeckt

Bei einer Wohnungsmodernisierung in Westhausen finden Mitarbeiter der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte (NH) eine original Frankfurter Küche. Das ungewöhnliche Fundstück soll nun saniert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden

Frankfurt - Sie ist 1,87 Meter breit, 3,44 Meter lang, wurde zwischen 1926 und 1930 rund 10 000 Mal in Frankfurt verbaut und gilt unter Kunsthistorikern als anschaulicher Vertreter der Moderne. Die Rede ist von der sogenannten Ernst-May-Küche, auch Frankfurter Küche genannt, dem Urtyp der modernen Einbauküche. Den Prototyp dieser sechseinhalb Quadratmeter großen Koch-, Spül- und Aufbewahrungsnische hatte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky anno 1926 entworfen, im Rahmen des von Ernst May initiierten Bauprogramms „Das Neue Frankfurt“ mit nahezu 15 000 Wohnungen in 21 Siedlungen.

Noch kleiner als der Prototyp ist dieses gut erhaltene Exemplar.

Bis in die 1980er Jahre wanderten leider viele dieser Frankfurter Küchen nach und nach auf den Sperrmüll. Weil die Küchen keine Rückwände haben, kam nicht einmal eine Zweitverwertung als Kellermöbel in Frage. Angesichts dieser Praxis ist es umso erfreulicher, wenn hier und da mal ein gut erhaltenes Exemplar auftaucht. Zuletzt ist das in der Frankfurter Siedlung Westhausen geschehen.

Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte (NH) führt dort seit 2013 eine Mieterprivatisierung durch, in deren Rahmen in einigen Wohnungen auch umfangreiche Modernisierungsarbeiten anstehen. „Bei dieser Gelegenheit sind der Kundenbetreuer Stefan Müller und Bauleiter Guido Auth auf eine gut erhaltene Frankfurter Küche gestoßen“, sagt Sigrid Bleeck-Rische, Architektin und zuständige Planerin von der NH.

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Das Besondere daran: Diese Frankfurter Küche ist mit etwa 3,5 Quadratmetern sogar noch kleiner – und damit noch funktionaler – als der Prototyp. Zwar braucht sie noch die fürsorgliche Behandlung durch einen versierten Restaurator. Zweifel an ihrer Echtheit gab es jedoch zu keiner Zeit.

Ernst-May-Gesellschaft

Den Ausbau der Küche hat die Schreinerei Peter Schmidt aus Wehrheim übernommen, deren Mitarbeiter laut Bleeck-Rische „ein sehr feines Händchen und eine besondere Affinität für kulturhistorische Einrichtungsgegenstände besitzen und den Ausbau hervorragend durchgeführt haben“. Wegen ihrer Bedeutung als Zeitzeuge, beziehungsweise Teil der Architekturgeschichte war man sich bei der NH schnell einig, dass die Küche der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden soll. Daher wurde das gut erhaltene, kunsthistorisch interessante Fundstück an die Ernst-May-Gesellschaft (EMG) in Frankfurt übergeben.

Die Holz-Unterschränke wurden auf verkleidete Betonsockel gebaut, damit man den Boden leichter reinigen konnte.

Die NH und die EMG haben bereits mehrfach erfolgreich kooperiert. „Das funktioniert immer äußerst unkompliziert und zielführend“, lobte Bleeck-Rische. So auch dieses Mal: „Für uns war es wichtig zu wissen, dass die Küche in guten Händen ist. Diese Gewissheit haben wir durch die Zusammenarbeit mit den Experten von der EMG.“ Was genau mit der Küche geschieht, ist noch offen. „Zunächst muss untersucht werden, in welchem Zustand und wie vollständig sie ist. Vor allem Funktionselemente wie zum Beispiel die Spüle oder der Herd mussten in den meisten Fällen schon früh einem Austausch gegen moderne Elemente weichen“, sagt Peter Paul Schepp von der EMG.

Eine umfänglich ausgestattete Frankfurter Küche ist seit etwa zehn Jahren in ihrer ursprünglichen Wohnumgebung im Ernst-May-Haus in der Römerstadt ausgestellt. In diesem zweigeschossigen Reihenhaus ist ein Dokumentations- und Veranstaltungsort entstanden. Einzelne Frankfurter Küchen kann man auch in Museen besichtigen, natürlich in Frankfurt, aber auch in Nürnberg, Berlin, Hamburg, Wien, Minneapolis oder New York.

Erfinderin zählte Schritte

Mit der Stoppuhr in der Hand machte sich Margarete Schütte-Lihotzky ans Werk. Die Wiener Architektin und Erfinderin der Frankfurter Küche versuchte erstmals, die Arbeitsvorgänge in der Küche effizienter zu gestalten. Die moderne Frau der 20er Jahre wurde zunehmend berufstätig und wollte weniger Zeit in der Küche verbringen. Ausgangspunkt war für die Mitarbeiterin des damaligen Stadtbaurates Ernst May die Küche eines Mitropa-Speisewagens. Auf der Grundlage von Aufzeichnungen der Griff- und Schrittwege beim Kochen unterwarf sie die Arbeitsabläufe einer wissenschaftlichen Analyse. Zum einen sollten die Arbeitswege verkürzt werden und möglichst viele Dinge mit einem Handgriff erreichbar sein. Zum anderen sollten durch die serielle Herstellung von Einzelelementen wie Aufbewahrungsschütten, Glas-Schiebetüren oder Metallgriffen die Kosten minimiert werden. Die Optimierung erfolgte aber nicht nur unter funktionalen, sondern auch unter hygienischen Gesichtspunkten. So stellte man die Holz-Unterschränke auf verkleidete Betonsockel, damit sich darunter kein Schmutz sammeln und man den Boden leichter reinigen konnte. Die Schränke wurden bis unter die Decke gebaut, so dass sich die üblichen Ablagerungen nicht bilden konnten.

Ein Bügelbrett konnte von der Wand geklappt werden und brauchte daher wenig Platz. Kochtöpfe und Deckel stellte man nach dem Spülen noch tropfnass in einen belüfteten Schrank, dessen Boden eine flache emaillierte Wanne bildet. Auch ästhetisch setzte die Frankfurter Küche neue Maßstäbe. Aluminium-Schütten mit Beschriftungen, Glas-Schiebetüren im Oberschrank, ein Metallspülbecken und Metallgriffe an den Schränken kontrastierten mit stark farbigen Holzelementen. Die Küche war oft in Blau gehalten – dieser Farbton sollte Fliegen abweisen.

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