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Inhaberin Doris Breitinger (l.) und Freundin Renate Beyer stehen vor dem Geschäft Fleischhauer in der Münchener Straße.

Geschäftsaufgabe

Nach 118 Jahren ist Schluss

  • vonSabine Schramek
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Schreibwaren Fleischhauer in der Münchner Straße muss wegen der Corona-Krise an Weihnachten schließen.

"Dieses Jahr ist einfach nur schlimm", sagt Doris "Donna" Breitinger (62) mit Tränen in ihren Augen. Seit sie ein Baby war, ist der Schreibwarenladen in der Münchener Straße 44 ihr "zweites Zuhause". Bis Anfang des Jahres hat sie gemeinsam mit ihrer Mutter Kunigunde Fleischhauer (86) das Schreibwarengeschäft betrieben.

Aus Altersgründen hat sich Fleischhauer zurückgezogen aus dem Betrieb, der 1902 in der Moselstraße als kleines Schreibwarengeschäft mit Druckerei seinen Betrieb aufgenommen hatte. Sie vergrößerten sich, zogen 1953 in die Münchener Straße 41 und 1990 in die jetzige Filiale. "Es ist nicht nur der Laden, es ist das Lebenswerk meiner Großeltern, meiner Eltern und von mir, das jetzt gehen muss", so Breitinger leise. "Seit Corona bleiben die Kunden aus. Keine Touristen, keine Messen. Das war unsere Hauptkundschaft." Im vergangenen Jahr hatte sie bei einer Firma Waren für 15 000 Euro bestellt. "Das war normal. In diesem Jahr habe ich dort für 500 Euro Ware bestellt."

Hilfe von der besten Freundin

Die Frau, die Tränen runterschluckt, um strahlend lächelnd Kunden zu bedienen, kennt alles, was in ihrem Laden ist. Früher waren sie zu Dritt im Laden, jetzt ist nur noch sie da, ihr braun-weißer Langhaar-Chihuahua Louis und ihre beste Freundin Renate Beyer (69), die ihr hilft, die schwere Räumungsverkaufszeit bis Weihnachten zu überstehen. "Eigentlich spielen wir zusammen Tennis. Wegen Corona geht das nicht. Also habe ich Donna im Laden besucht und ihr immer wieder angeboten, zu helfen. Sie wollte nicht, da habe ich einfach vor ein paar Wochen mit angepackt."

Kunden kommen und gehen, suchen feine Edding, Geschenkpapier oder Ölfarbe. Breitinger berät, gibt Tipps und ein freundliches Lächeln, Beyer dekoriert Bestände aus dem Lager. Ebenfalls mit herzlichem Lächeln. Seit September steht fest, dass Fleischhauer schließt. "Das Einzige, was seit Corona noch gut läuft, ist Kopierpapier. Davon kann man keine Miete zahlen." Ihr Herz blutet, wenn sie an die schönen Zeiten denkt, an ihre Stammkunden, die auf ein Schwätzchen kommen. "Es ist für einige ein Ort des Trostes hier", sagt sie leise und erzählt von der Frau, die regelmäßig kommt, "wenn sie traurig ist. Dann krault sie eine Weile den Hund und geht wieder gut gelaunt raus". Louis ist eine Art Maskottchen. Eine Kundin hat ihm eine braun-orangene Decke gestrickt, die Breitinger stolz zeigt. "Lustig ist es immer mit Chinesen, die zücken sofort ihr Handy, um ihn zu fotografieren." Chinesen kommen nicht mehr. Ebenso wenig wie Amerikaner, andere Asiaten und Europäer. Nicht nur sie bleiben aus. Auch weniger Bürogeschäft läuft seit März, "weil so viele im Homeoffice sind, weil es keine Veranstaltungen gibt und schon gar keine Messen".

Nach dem Abitur wollte sie eigentlich studieren. Dann starb ihr Vater während ihrer Prüfungen. Um ihrer Mutter Kunigunde zu helfen, machte sie eine Lehre und blieb fortan im Laden. "Sechs Tage in der Woche. Ich bin ein altes Haus und ich glaube, dass ich richtig viel über Schreibwaren, Arbeit und Menschen weiß", sagt sie bescheiden. "Made in Germany", das käme besonders bei Touristen gut an. "Sie wissen, dass das sehr gute Qualität ist. Sie haben immer jede Menge Füller und gute Kulis gekauft", berichtet sie wehmütig und streicht Louis über den Kopf, der sich an sie schmiegt, als wolle er sie trösten. Immer wieder räumt sie mit ihrer Freundin Stifte und Pinsel um, Umschläge, Deko-Artikel und edle Notizbücher.

Schöne Kindheitserinnerung

"Ihr dürft nicht aufhören", sagt eine Kundin. "Wo soll ich denn dann hin?" Breitinger zuckt die Schultern. "Es geht einfach nicht", sagt sie. Bis Weihnachten läuft der Räumungsverkauf. "Dann muss ich das alles erst mal verarbeiten. Nichts tun, ist auch nicht gut. Ich werde schauen, dass ich wieder eine Arbeit für irgendetwas mit Verkauf bekomme, und ich werde mich ehrenamtlich engagieren." Sie wischt Tränen aus ihren Augen. "Wer weiß, was noch kommt. Dieses Jahr ist so schlimm - auch für Traditionsgeschäfte."

Auch im Internet wird deutlich, wie viel Erinnerung an Fleischhauer hängt. Eine der Bewertungen sagt: "Als Kind habe ich dort immer alles für die Schule auftreiben können. Hat schönes Geschenkpapier und allerlei andere schöne Dinge. So ein Traditionsgeschäft sollte man immer unterstützten." Sabine Schramek

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