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Mohamed El Bojaddayni ist der Vorstandsvorsitzende des Marokkanisch-Islamischen Kulturvereins, der hinter der Bilal-Moschee steht. Hier sitzt er im Gebetssaal.

Interview mit Vorstandschef der Bilal-Moschee

Nach Anti-Terror-Razzia: „Wir sind eine friedliche Moschee“

Bei der Anti-Terror-Razzia vor einer guten Woche haben die Strafverfolger auch die Bilal-Moschee in Griesheim durchsucht. Der Hauptbeschuldigte Haikel S., der für den sogenannten Islamischen Staat geworben und einen Terroranschlag in Deutschland geplant haben soll, ging in dem Gebetshaus ein und aus. Was sagt Mohamed El Bojaddayni, der Vorstandsvorsitzende des Moscheevereins, dazu? Polizeireporter Christian Scheh und Fotograf Rainer Rüffer haben ihn im Gebetshaus besucht und interviewt.

Das Sonnenuntergangsgebet in der Bilal-Moschee ist gerade vorbei. Die Türen des Gebetshauses in der Froschhäuser Straße (Griesheim) gehen auf, zahlreiche Männer kommen heraus. Die meisten von ihnen haben einen Vollbart, viele tragen ein muslimisches Gewand und eine Kopfbedeckung. Die Männer mustern die zwei Fremden auf dem Hof, vor allem die Fotokamera zieht Blicke auf sich. Ein Mann, der sich später als Kassierer des Moscheevereins vorstellt, spricht die Reporter an. Er weiß von der Verabredung zum Interview und führt sie in das Gebetshaus. Nach dem Ausziehen der Schuhe am Eingang und einem kurzen Rundgang geht es in ein kleines Büro. Hier will sich Mohamed El Bojaddayni, der Vorsitzende des Moscheevereins, den Fragen dieser Zeitung stellen. Der Kassierer bleibt im Raum. Dass das Gespräch mit einem Diktiergerät aufgezeichnet werden soll, wie bei Interviews üblich, passt den Männern nicht. Da hilft auch die Zusage nicht, dass die Aufnahme nur für die Verschriftlichung benutzt wird. Es heißt also: Notizen machen.

Kannten Sie den terrorverdächtigen Tunesier Haikel S.?

MOHAMED EL BOJADDAYNI: Nicht näher. Seinen Namen kannte ich überhaupt nicht. Als die Polizisten mir bei der Razzia Aufnahmen von ihm zeigten, erkannte ich aber sein Gesicht, weil er zum Beten in der Moschee gewesen war.

Wie oft kam Haikel S. in die Bilal-Moschee?

EL BOJADDAYNI: Das kann ich nicht sagen, weil ich berufstätig und selbst nicht immer bei den Gebeten bin. Die Polizei sagte mir, er sei 178 Mal hier gesehen worden.

So viele Besuche und Sie kannten ihn nicht näher?

EL BOJADDAYNI: Er war kein Mitglied in unserem Moscheeverein und hatte auch keine Funktion. Hunderte von Menschen kommen zum Beten in unsere Moschee. Wir kennen sie nicht alle und können ihnen auch nicht in die Köpfe schauen.

Welchen Eindruck hatten Sie von dem Terrorverdächtigen?

EL BOJADDAYNI: Ich kann nichts Besonderes über ihn sagen. Er wirkte ganz normal, wie alle anderen auch. Er sprach beim Rausgehen den Friedensgruß, mehr hatte ich nicht mit ihm zu tun.

Kennen Sie Menschen, die Haikel S. besser kannten?

EL BOJADDAYNI: Nach der Razzia habe ich mich natürlich sofort umgehört. Es gibt Leute, die ihn besser kannten und auch mal Fußball mit ihm gespielt haben. Sie glauben aber, dass die Vorwürfe gegen ihn Quatsch sind. Er ist auch aus ihrer Sicht unauffällig gewesen.

Kein Wort über einen Anschlagsplan und Werbung für den sogenannten Islamischen Staat (IS)?

EL BOJADDAYNI: Nein, davon ist mir nichts bekannt.

Was hätten Sie getan, wenn Sie von dergleichen gehört hätten?

EL BOJADDAYNI: Ich hätte umgehend die Behörden informiert. In unserem Verein dulden wir keine Terroristen.

War Haikel S. allein oder mit anderen in der Bilal-Moschee? Es wird ja gegen 15 weitere Personen ermittelt. . .

EL BOJADDAYNI: Wie bereits erwähnt, kommen viele Menschen zum Gebet. Ob weitere Personen, gegen die ermittelt wird, ebenfalls bei uns waren, entzieht sich meiner Kenntnis.

M ohamed El Bojaddayni trägt Jeans. einen dunklen Pullover und einen gepflegten schwarzen Bart. Er spricht sehr gut Deutsch. Im Interview wirkt er etwas nervös, fast schüchtern, aber sympathisch. Bei seinen Antworten blickt der 41-Jährige immer wieder zu dem Kassierer hinüber, als wolle er sich rückversichern. Der Kassierer, ein großer Mann, kommt sehr selbstbewusst rüber und schaltet sich auch immer wieder ins Gespräch ein. Es wirkt, als sei er der heimliche Chef. „Es ist schon konservativ, was wir hier machen“, sagt er auf die Frage nach dem Profil der Bilal-Moschee. Der Vorstandsvorsitzende El Bojaddayni äußert sich nicht in diesem Sinne, wie der folgende Abschnitt des Interviews zeigt.

Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) sagt, dass unter den Besuchern der Bilal-Moschee auch Dschihadisten sind. Was sagen Sie dazu?

EL BOJADDAYNI: Ich frage mich, warum uns der Verfassungsschutz die Namen der Personen nicht nennt, damit wir auch zu unserem eigenen Schutz und zum Schutz der Gemeinde handeln können. Mir wäre es am liebsten, wenn die Verfassungsschützer selbst vorbeikommen und die Personen, die angeblich Dschihadisten sind, abholen würden.

Dschihadisten sind in der Bilal-Moschee also nicht willkommen?

EL BOJADDAYNI: Nein, absolut nicht. Strömungen, die hinten die Endung „-ismus“ haben, wollen wir hier nicht haben.

Das LfV sagt aber, dass die Bilal-Moschee eine islamistisch beeinflusste Moschee ist. Welches Profil hat die Moschee aus Ihrer Sicht?

EL BOJADDAYNI: Wir sind eine friedliche Moschee, die allen gläubigen Menschen offen steht.

Ist die Bilal-Moschee eine besonders konservative Moschee?

EL BOJADDAYNI: Wir sind in erster Linie eine friedliche, islamische Gemeinde, die ihre Traditionen pflegt. Hierzu gehören beispielsweise die Ausrichtung einiger Feierlichkeiten oder auch das Erlernen der Muttersprache.

Es gibt Leute, die sagen, dass der konservative, traditionelle Islam und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht zusammenpassen. Wie sehen Sie das?

EL BOJADDAYNI: Ich sehe das anders. All unsere Aktivitäten zielen darauf ab, unsere Religion und Identität im Einklang mit der hiesigen Gesellschaft und verfassungskonform auszuüben.

Nach Angaben des LfV hat in der Bilal-Moschee auch schon Abu Walaa gepredigt, der im vergangenen Jahr als bekanntester deutscher IS-Unterstützer verhaftet wurde. Ist das wahr?

EL BOJADDAYNI: Er war tatsächlich zwei Mal da, es ist etwa zwei Jahre her. Damals war davon, dass er IS-Verbindungen hat, allerdings noch keine Rede. Sonst hätten wir ihn sicher nicht eingeladen. Abu Walaa trat in Moscheen in ganz Deutschland auf. Wir haben einen Prediger zum Thema „Islamische Erziehung“ gesucht, und es sprach nichts gegen ihn. Er hat hier auch nichts gesagt, was verfassungsfeindlich gewesen wäre.

Sein damals schon radikaler Ruf störte Sie nicht?

EL BOJADDAYNI: : Wir hatten keine Kenntnis davon, dass er irgendwie problematisch wäre. Wir wollten schon einmal einen anderen Prediger einladen, von dem uns das Amt für multikulturelle Angelegenheiten abgeraten hat. Wir folgten dem Rat der Behörden und nahmen Abstand davon. Gegen Abu Walaa gab es keine Einwände, also sprach er bei uns. Heute würden wir ihn nicht wieder einladen.

Ein paar Jahre früher gab es aber auch schon Ärger, weil der umstrittene Prediger Abdellatif R. regelmäßig in der Bilal-Moschee war. Es folgten Gespräche zwischen der Stadt und dem Moscheeverein, schließlich wurde Abdellatif ein Hausverbot erteilt.

EL BOJADDAYNI: Das Kapitel Abdellatif haben wir schon lange abgehakt. Wir haben uns geärgert, dass die Medien das nach so vielen Jahren noch einmal aufgerollt haben. Er durfte damals keine Vorträge mehr bei uns halten.

War es ein Hausverbot aus Überzeugung oder nur eines, um die Behörden zu besänftigen?

EL BOJADDAYNI: Es wurde kein Hausverbot erteilt. Er durfte jedoch keine Vorträge mehr bei uns halten. Wenn die Behörden sagen: „Lass die Finger von ihm“, dann hören wir schon darauf. Die haben ja in der Regel viel mehr Erkenntnisse als wir.

Wie stehen Sie heute zu Abdellatif R.?

EL BOJADDAYNI: Es besteht kein Kontakt.

Wird in der Bilal-Moschee der Hass auf Ungläubige gepredigt?

EL BOJADDAYNI: Nein, wir wollen hier auch keine Hassprediger. Unser Imam Scheikh Mohammed Hashim zeichnet seine Predigten und Vorträge auf und stellt sie ins Internet. Da kann jeder sehen, dass er keinen Hass predigt. Am vergangenen Freitag hat er in der Predigt ausdrücklich gesagt: Man soll die deutsche Gesellschaft so respektieren, wie sie ist. Und wenn man nicht bereit ist, sich zu integrieren, dann soll man wegziehen.

D as Interview wird unterbrochen, ein Abendgebet steht an. Ein paar Dutzend Männer, auch Buben, haben ihre Schuhe in die Regale im Foyer gestellt und sind schon im Gebetsraum. El Bojaddayni und der Kassierer entschuldigen sich, laden zur Teilnahme ein. Bald erklingt arabischer Gesang aus dem Gebetsraum. Der Fotograf macht Fotos, auch von der Tür des Büros, die bei der Razzia aufgebrochen wurde und noch beschädigt ist. Nach gut zehn Minuten wird das Interview fortgesetzt.

Sind Ihnen Fälle von jungen Menschen bekannt, die die Bilal-Moschee besuchten, sich radikalisiert haben und zum Beispiel nach Syrien gegangen sind?

EL BOJADDAYNI: Nein, sind mir nicht bekannt.

Syrien-Rückkehrer?

EL BOJADDAYNI: Auch nicht.

Was tun Sie gegen die Radikalisierung junger Menschen?

EL BOJADDAYNI: Dagegen tut vor allem unser Imam etwas. Durch seine Predigten, in denen er den Islam als eine Religion des Friedens verkündet.

Das klingt jetzt alles so schön. Aber warum, glauben Sie, hat die Polizei die Bilal-Moschee bei der Großrazzia gegen einen Terrorverdächtigen durchsucht?

EL BOJADDAYNI: Im Durchsuchungsbeschluss steht, dass er am 10. Dezember dabei gesehen wurde, wie er eine braune Tüte in die Moschee trug und danach ohne Tüte wieder herauskam. Man vermutete hier offensichtlich Beweismaterial. Die Durchsuchung hatte aus meiner Sicht allein mit dem Verdächtigen zu tun, aber nichts mit der Moschee.

Sie haben nichts von Haikel S. und seinen Plänen gewusst. Nichts von den IS-Kontakten Abu Waalas. Und Sie wissen nicht, ob das LfV mit der Behauptung Recht hat, dass Dschihadisten Ihre Moschee besuchen. Ist das nicht etwas zu viel Unwissenheit für den Vorstandsvorsitzenden eines Moscheevereins?

EL BOJADDAYNI: Die Arbeit im Verein erfolgt ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis. Ich habe lediglich die Aufgabe, in der bescheidenen Zeit, die mir neben Arbeit und Familie noch bleibt, den Betrieb in der Gemeinde aufrecht zu erhalten und den Betenden die Möglichkeit zu geben, ihren Glauben auszuüben. Mein Angebot an die Behörden ist nach wie vor: eine konstruktive Zusammenarbeit.

D ie beiden Vertreter des Moscheevereins verabschieden die Reporter freundlich mit Handschlag, geben ihnen zwei bereitgestellte, aber nicht getrunkene Bitter-Lemon-Flaschen mit auf den Weg. Der Textvorschlag für das Interview, der zwangläufig aus Notizen erstellt und zur Autorisierung per E-Mail geschickt wird, kommt mit mehreren, wenn auch kleinen Änderungswünschen zurück. So wird der Name des Predigers, der ein- und nach dem Hinweis des Amts für multikulturelle Angelegenheiten wieder ausgeladen wurde, gestrichen. Die Vorsicht des Moscheevereins ist deutlich zu spüren. Man will keinen Wirbel. Man will nicht mit Extremisten in Verbindung gebracht werden. Es wird mehrfach telefoniert, E-Mails gehen hin und her. Der vorliegende Interviewtext ist ein Kompromiss, mit dem am Ende beide Seiten leben konnten.

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