Auch solche klebrigen Brandreste mussten gestern noch von den Straßen im Ostend gekratzt werden.
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Auch solche klebrigen Brandreste mussten gestern noch von den Straßen im Ostend gekratzt werden.

Blockupy-Demo in Frankfurt

Der Tag nach dem Chaos

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
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Brennende Autos, brennende Barrikaden: Die Bilder aus dem Ostend sind um die Welt gegangen. Am Tag danach kehrt der Alltag zurück.

Wundenlecken am Tag danach. Frankfurt kehrt zur Normalität zurück, doch der Mittwoch hat tiefe Wunden hinterlassen. Anwohner des Ostends oder Menschen, die dort arbeiten, sind noch immer geschockt. „Ich bin mindestens zehnmal kontrolliert worden, ehe ich in die Uhlandstraße durfte“, erzählt Rechtsanwältin Muriel Scheid ihrem Nachbarn, dem Architekten Thomas Schmitt. Die beiden haben ihre Büros in der Uhlandstraße, und dorthin wurde, wie berichtet, eine Gruppe italienischer Blockupy-Aktivisten von der Polizei abgedrängt und die Straße gesperrt. „Es war wie im Bürgerkrieg“, sagt Schmitt. „Einfach entsetzlich“, ergänzt Muriel Scheid.

Nur ein Gesprächsthema

Die Ereignisse des Vortags sind überall Gesprächsthema. In der Hanauer Landstraße 25 bereiten sich die Mitarbeiter der Frankfurter Sparkasse darauf vor, wieder zu öffnen. Punkt zehn Uhr, zwei Stunden später als sonst, öffnen die Türen der Filiale. „Ich bin froh, dass niemand da war, als das hier passiert ist“, sagt eine Mitarbeiterin und weist auf die Fensterfront. Alle Scheiben – mehr als 20 – sind zerstört. „Hoffentlich bekommen wir jetzt bald wieder richtige Scheiben.“ Ein Glaser hat am frühen Morgen neue Scheiben auf die Zerstörten aus Sicherheitsglas aufgeklebt – ein Provisorium.

Ein paar Meter weiter an der Straßenbahnstation Ostendstraße erneuern Mitarbeiter der Verkehrsgesellschaft (VGF) die demolierten Aushangkästen. Fast keine Scheibe ist intakt geblieben. Marc Röhrborn (29) ist Servicetechniker bei der VGF. Seine Aufgabe und die seines Kollegen an diesem „ganz normalen“ Tag: Die Bildschirme von Fahrkartenautomaten reparieren. „Die sind zerschlagen worden, und das kostet jedes Mal mehrere Hundert Euro“, sagt Röhrborn.

Am frühen Morgen sind rund um die Europäische Zentralbank (EZB) im Ostend noch einige Straßen von der Polizei gesperrt, etwa die Sonnemannstraße ab der Flößerbrücke. Hier und an vielen anderen Straßen haben am Vortag Barrikaden gebrannt. Jetzt lösen Mitarbeiter der Frankfurter Entsorgungs- und Servicegesellschaft (FES) teils mit Stangen den erstarrten Kunststoff der Mülltonnen von der Straße. Nein, zum Reden haben sie keine Zeit. Es muss schnell gehen. FES-Sprecher Michael Werner bestätigt aber später: „Wir hatten Wasserwagen im Einsatz und die mobile Schnellreinigung, die mit ihrem Greifarm schon mal solche Kunststoffbrocken vom Asphalt lösen kann.“ Wo das nicht geht, hilft wirklich nur die Hebelkraft. Im Lauf des Tags entspannt sich die Situation, sind die Brandreste von mehreren Dutzend Mülltonnen von den Straßen gelöst.

Ljubica Matinovic hat am Vortag erlebt, wo das Brandmaterial hergekommen ist. Sie arbeitet seit 38 Jahren im Kolping-Hotel in der Langen Straße, aber so etwas wie am Mittwoch habe sie noch nie erlebt. Die Scheiben seien eingeworfen worden, dann hätten Vermummte die Mülltonnen aus dem Hof geholt und angezündet. „Als ich das verhindern wollte, haben sie mich bedroht“, erzählt sie. „Ich war völlig am Ende.“ Tagungen seien abgesagt worden, Gäste hätten das Hotel nicht verlassen können.

Möbel wurden verbrannt

Jedoch, Frankfurt kehrte gestern wieder in den Normalzustand zurück. Auch für Ali Esingen, den Inhaber von „Döner Fresh“ in der Hanauer Landstraße 72, war der Donnerstag ein normaler Tag. Geschickt bestreicht er den Hefeteig mit Fleischsoße und schiebt die Lahmaçun in den Ofen. „Meine Gartenmöbel sind kaputt“, sagt er und weist mit dem Kinn auf die Straße. Vor seinem kleinen Imbiss fehlen sämtliche Tische und Stühle – sie sind beim Barrikadenbau draufgegangen. Zudem haben Demonstranten seine Pflanzkübel auf der Straße verteilt. „Ich habe sie wieder eingesammelt, aber der Schaden beträgt mindestens 1500 Euro.“

Die Zeil war ein weiterer Brennpunkt des Krawalls am Mittwoch. Im Bürgeramt weist ein Schild die Besucher darauf hin, dass der Zugang zum Gebäude nur über die Lange Straße möglich ist. Amtsleiterin Waltraud Schröpfer berichtet: „Wir haben schon am Mittwoch gesehen, dass der Haupteingang geschlossen bleiben muss.“ Wann die zerstörten Scheiben, vor allem die an der Tür, ersetzt werden, vermochte sie noch nicht zu sagen. „Es ist klar, wir brauchen jetzt einen Mitarbeiter als Pförtner, der den Besuchern die Richtung weist.“

Für den stellvertretenden Leiter des 1. Reviers, Kriminalhauptkommissar Stephan Waldschmidt, endete gestern eine lange Schicht. „Ich habe zwei Nächte im Revier geschlafen.“ Gestern haben Handwerker die großen Löcher in der Scheibe zugeklebt, und auf einen Ersatz für die drei abgefackelten Polizeiwagen hofft Waldschmidt auch.

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