Unparteiische boykottieren

Nach Gewalttaten auf dem Fußballplatz: Der Streik der Schiedsrichter

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Der Kreisschiedsrichterausschuss hat in einer bislang beispiellosen Aktion entschieden, an diesem Wochenende sämtliche Referees vom Jugendspielbetrieb im Kreis Frankfurt abzuziehen: Heute und morgen bleiben somit knapp 150 Spiele unbesetzt. Ein weitreichendes Signal, das auch den Hessischen Fußball-Verband (HFV) beschäftigt.

Es wird viel getan gegen Gewalt. Und gegen Rassismus. In zahlreichen Vereinsheimen in Deutschland hängen entsprechende Plakate. Selbst die weltbesten Fußball-Stars rufen regelmäßig in TV-Spots zu einem fairen Miteinander und zu gegenseitigem Respekt auf. Das Ergebnis? Aus Sicht des Frankfurter Kreisschiedsrichterausschusses (KSA) ernüchternd. Die Zahl der Übergriffe auf Schiedsrichter auf Fußballplätzen habe zugenommen. Daher setzt der KSA in Absprache mit dem Verbandsschiedsrichterausschuss (VSA) ein bemerkenswertes Signal: An diesem Wochenende werden keine Unparteiischen für sämtliche Spiele der E- bis A-Jugend abgestellt – eine bislang einmalige Aktion in Frankfurt.

Das Fass zum Überlaufen brachte in der vergangenen Woche ein B-Jugend-Spiel. Der Schiedsrichter wurde mit Faustschlägen traktiert. Immerhin trug er „nur“ eine blutige Lippe davon. „Das war der Gipfel. Wir müssen ein Zeichen setzen, damit die Vereine sich hinterfragen“, betont Kreisschiedsrichterobmann Mathias Lippert und ergänzt: „Der angegriffene Schiedsrichter war ein gestandener Mann, ein Familienvater mit zwei Kindern. Hätte dieses Spiel ein junger Mann gepfiffen, hätte er einen Knacks fürs Leben erhalten.“ Im Jugendbereich werden viele jugendliche Schiedsrichter eingesetzt.

Dabei schien sich das Verhalten auf den Fußballplätzen zu bessern, als im September 2013 die sogenannte „Frankfurter Erklärung“ unterzeichnet wurde. 80 Vereine beteiligten sich und plädierten geschlossen für mehr Fair Play und weniger Gewalt im Amateurfußball. Auch die Stadt Frankfurt sowie der Hessische Fußball-Verband waren damals bei der Präsentation der Initiative auf dem Vereinsgelände des FSV Frankfurt anwesend. „Danach war es auch ruhiger, vor allem im Seniorenbereich“, erinnert sich Lippert. „Aber seit etwa 2016 hat es meiner Meinung nach wieder zugenommen.“

Das Problem seien nicht nur die Spieler, sondern auch die Trainer, Betreuer und Zuschauer. „Meistens sorgen die Trainer für Unruhe“, meint Lippert. „Dann kommen die Eltern dazu. Ich sage seit Jahren, die Eltern sollen weg vom Sportplatz. Den Kindern ist es peinlich, wenn die Eltern draußen den Hampelmann machen und sie zum Profi drillen wollen.“

Kommt es zu einem Handgemenge auf dem Platz, sind die Schiedsrichter eigentlich angehalten, dem Kreis Rückmeldung zu geben. Viele Referees unterrichten Lippert und Co. jedoch offenbar nicht. „Sie trauen sich nicht, sie haben vielleicht Angst. Die Dunkelziffer ist sehr hoch.“ Speziell junge Schiedsrichter würden dann lieber ganz aufhören. „Das nimmt erheblich zu“, sagt Lippert. „Sie geben dann kurzfristig die Spiele zurück. Das ist auch für uns eine große organisatorische Mehrarbeit.“ Probleme gebe es vor allem im E-Jugend-Bereich. Ebenso bei der D-Jugend. Dennoch ist die Zahl der Schiedsrichter im Kreis auf 330 angewachsen – Tendenz steigend.

Dass Trainer oder Betreuer am Spielfeldrand ihre Kontrolle verlieren, lastet Lippert auch manchem Profi-Coach an. Als Jürgen Klopp noch Trainer in der Bundesliga war, sei er ein „miserables Vorbild“ gewesen. „In England kann er es jetzt nicht mehr machen, da wird er zur Kasse gebeten.“ Auch Freiburgs Coach Christian Streich sei ein negatives Beispiel. „Wenn er am Spielfeldrand von zwei Spielern zurückgehalten wird, sind das Bilder, die hängen bleiben. Da denken die Trainer in den unteren Ligen, sich auch so verhalten zu können.“

Fair-Play-Aktionen, auch von den deutschen Nationalspielern, würden leider kaum einen nachhaltigen Effekt erzielen. „Man kann erzählen, was man will: Es geht links rein und rechts raus. Es muss leider immer erst etwa passieren“, so Lippert.

Der Kreisschiedsrichterausschuss und auch der Verband wollen am Wochenende nun beobachten, wie die Nachwuchsspiele verlaufen. Die Partien fallen nicht aus, sie sollen von den Trainern, Betreuern oder Zuschauern selbst geleitet werden. Ein gewisses Chaos ist programmiert. Dadurch sollen die Vereine die Erfahrung machen, was es bedeutet, ein Spiel zu leiten. „Mancher wird merken, welche Verantwortung junge Schiedsrichter haben und für welche Entscheidungen sie auf dem Platz einstehen müssen“, betont Lippert. Der Kreisschiedsrichterobmann ist sich bewusst, dass der Streik auch Vereine trifft, „die sich immer vorbildlich verhalten. Aber wir konnten nicht nur einzelne Spiele auswählen“.

Nicht alle Beteiligten sind mit dem Streik einverstanden. Mehrere Vereine beschwerten sich offenbar bereits schriftlich. Auch der Frankfurter Kreisfußballausschuss (KFA) und Kreisjugendausschuss (KJA) übten Kritik. „Die Aktion wird gegen die Stimmen des KFA und KJA Frankfurt durchgeführt“, kritisiert Kreisfußballwart Rainer Nagel. „Wir sind mit der Bestrafung des ganzen Kreises wegen ein paar Vereinen und Spielern, die aus der Reihe tanzen, nicht einverstanden und lehnen eine Kollektivstrafe ab.“ 90 Prozent aller Jugend-treibenden Vereine würden sich „ausnahmslos im Rahmen der vorgegebenen Satzungen des HFV bewegen“, so Nagel. Der Hessische Fußball-Verband (HFV) gab sich gestern solidarisch. In einer Pressemitteilung hieß es: „Der HFV setzt sich gegen Gewalt und für Fairness sowie ein sportliches Miteinander auf dem Fußballplatz ein.“

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