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Nach wem sind die Frankfurter Gymnasien benannt?

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Klar, einige Schulnamen wie das Gymnasium Riedberg oder die IGS Nordend geben wenig Rätsel auf, woher der Name kommt. Doch welche Bettina verbirgt sich hinter der Bettinaschule und wer war Carl Schurz? Wir haben nach den Menschen hinter den Namen der Frankfurter Gymnasien gesucht.

In diesen Tagen sitzen eifrige Gymnasiasten wieder über Stunden an ihren Abi-Klausuren und kämpfen um jeden Punkt. Acht bis neun Jahre, in manch einem Fall auch ein paar Jahre mehr, haben sie dann an ihrer Schule verbracht, deren Name ihnen mehr als vertraut ist. Doch wer sind die Personen hinter den Schulnamen? Im Geiste welcher Patrone absolvieren Frankfurter Gymnasiasten derzeit ihr Abitur? Wir haben nachgeschlagen:

Das ehemalige Gymnasium Nied wird bald am Campus Westend zu finden sein. Benannt ist es nach dem deutschen Philosophen, Soziologen, Musiktheoretiker und Komponisten Theodor W. Adorno (1903-1969). Zusammen mit Max Horkheimer zählt er zu den Hauptvertretern der als Kritische Theorie bezeichneten Denkrichtung, die auch unter dem Namen Frankfurter Schule bekannt wurde.  

Das Gymnasium im Westend ist einer Frauenrechtlerin gewidmet. Die gebürtige Frankfurterin Anna Schmidt (1837-1908) gründete eine eigene Schule für "Töchter aus gutem Haus". Ein Wagnis vor mehr als 100 Jahren. Doch die Schule wurde schnell zu Erfolg und erwarb sich noch zu Schmidts Lebzeiten einen hervorragenden Ruf.

Das Logo der Schule im Westend zeigt ebenso wie die Fassade ein Frauenportrait: Bettina von Arnin (geborene Brentano, 1785-1859) war eine Schriftstellerin und bedeutende Vertreterin der deutschen Romantik. Die Schwester von Clemens Brentano war zudem eine gute Bekannte von Goethe - vielleicht auch mehr. Doch sie war nicht nur ein ausgesprochen schwärmerischer Mensch, sondern zeichnete sich auch durch einen eigenen Kopf und Durchsetzungsvermögen aus.  

Carl von Weinberg (1861-1943) war Prokurist der ehemals selbstständigen Firma Cassella in Fechenheim. Er gilt als großer Wohltäter für die Stadtteile Schwanheim und Niederrad. Dort förderte er den Aufbau der Mittelschule und die Gründung eines Waisenhauses. Als Pferdeliebhaber und Polospieler war er Mitbegründer des Gestüts Waldfried und des Frankfurter Poloclubs. Im Nationalsozialismus wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgt und gezwungen, seine Ämter in der Wirtschaft aufzugeben. Nach der Enteignung seiner Villa ging er 1938 ins Exil nach Italien.

Carlo-Mierendorff (1897-1943) war führender Sozialdemokrat und Widerstandskämpfer während der Nazizeit. Der Sozialwissenschaftler und Schriftsteller positionierte sich von Beginn an gegen die NSDAP und scheute auch nicht vor Wortgefechten mit Goebbels zurück. Ebenso stimmte er gegen das Ermächtigungsgesetz was ihm fünf Jahre im KZ einbrachte. Doch er wurde freigelassen und publizierte weiter gegen die Diktatur. Er starb bei einem Luftangriff in Leipzig.

Ob der Geist des Namensgeber an dieser Schule den Alltag bestimmt? Carl Schurz (1829-1906) war ein radikaldemokratischer deutscher Revolutionär. Er nahm 1848/49 an der bürgerlichen Märzrevolution teil und setze sich anschließend ins Exil ab. 1852 wanderte er in die USA aus, machte dort Kariere in der republikanischen Partei und wurde General im Sezessionskrieg. Von 1877 bis 1881 war er amerikanischer Innenminister unter Präsident Rutherford B. Hayes.

Es gibt in der Geschichte zahlreiche Elisabeths, denen eine Schule gewidmet sein könnte. In diesem Fall handelt es sich um Catharina Elisabeth Goethe, Johann Wolfgangs Mutter. Dieser beschreibt sie als Frohnatur, darüber hinaus war sie primär Ehefrau und brachte insgesamt sechs Kinder zu Welt. 1876 wurde ihr zu Ehren die erste höhere Schule für Mädchen nach ihr benannt. Ihr Grab befindet sich mutmaßlich auf dem Schulhof der Liebfrauenschule.

Die Ernst-Reuter-Schule ist so groß, dass sie gleich in zwei Teile gegliedert ist. Benannt ist sie in jedem Fall nach Ernst Reuter (1889-1953). Der SPD-Politiker war Oberbürgermeister in Berlin zur Zeit der Spaltung der Stadt im Jahr 1948. Legendär ist seine Rede "Ihr Völker der Welt, (...) Schaut auf diese Stadt," mit der er die Berliner Bevölkerung zusammenrücken ließ. Als sein Tod verkündet wurde, stellten etliche Berliner Kerzen an ihre Fenster. 

Ein hessischer Landesvater, ein Revolutionär und natürlich Goethe auf Seite 2

1912 wurde die Schule als Röderberg-Reformschule gegründet und 1930 nach dem ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871-1925) umbenannt. Aus einfachen Verhältnissen stammend, arbeitete sich der umstrittene Sozialdemokrat bis an die Spitze seiner Partei hoch. In seiner Amtszeit schlug er zahlreiche Putschversuche von rechts und links nieder. Sein früher Tod im Alter von 54 Jahren und die darauffolgende Wahl des monarchistisch gesinnten Paul von Hindenburg,  stellen eine Zäsur in der Weimarer Republik dar.

Die französische Schule in Praunheim ist nach dem französischen Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) benannt. Der Publizist setze sich auch politisch ein und gilt als wegweisender Verfechter für die Schaffung eines Urheberrechts. Neben Molière, Voltaire oder Balzac gilt er vielen Franzosen als ihr größter Autor überhaupt. Einem internationalem Publikum dürfte am ehesten sein "Glöckner von Notre-Dame" bekannt sein.

Es hat vermutlich Gründe, dass die Schule nicht den vollen Namen ihres Patronen trägt: Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) passt auch kaum auf ein Zeugnis. Während der Befreiungskriege verwaltete der Beamte, Staatsmann und Reformer als Leiter der Zentralverwaltungsbehörde die von Napoleon zurückeroberten Gebiete in Deutschland und Frankreich. Und auch Germanistik-Studenten können ihm danken, so spielt er eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Mediävistik in Deutschland.

Friedrich Dessauer (1881-1963) war ein Multitalent: Physiker, Röntgenpionier, Wissenschaftsphilosoph, Politiker, Unternehmer, Publizist und Professor. Im Zentrum seiner Forschung stand die Anwendbarkeit der Radioaktivität in der Medizintechnik. Mit seinen Forschungen zum Wirkmechanismus von Röntgenstrahlen gilt er darüber hinaus als Begründer der Quantenbiologie.

Niemand war länger hessischer Ministerpräsident als Georg August Zinn (1901-1976). Von 1950 bis 1969 war der SPD-Politiker hessischer Landesvater. Zinn gilt als Gestalter des neuen Hessens und war Mitschöpfer des Grundgesetzes. Historische Bedeutung erlangte er auch als Freund des Oberstadtanwaltes Fritz Bauer. Da Zinn ihm stets Rückendeckung gab, hatte er entscheidenden Anteil an der Durchführung der Frankfurter Auschwitzprozesse.  

Es ist kein Leichtes für Oberstufenschüler sich durch die Fragmente von Woyzeck kämpfen zu müssen, dennoch: Wäre Georg Büchner (1813-1837) nicht bereits im Alter von 23 Jahren gestorben, selbst Goethe hätte sich in der historischen Einordnung womöglich hinter ihm einordnen müssen. Nicht nur als Schriftsteller eine Legende, als Sozialkritiker und Revolutionär von enormer historischer Bedeutung.

An kaum einer anderen Schule haben es Schüler so leicht zu wissen, wer ihr Namenspatron ist: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Dichter, Naturwissenschaftler und der beste Beweis, dass aus einem lustlosen Studenten immer noch ein Nationalheld werden kann.

Die Förderschule für Kranke unterrichtet Schüler jeden Alters und jeder Stufe und ist nach dem Frankfurter Psychiater und Kinderbuchautoren Heinrich Hoffmann (1809-1894) benannt. Dem angesehenen Frankfurter Bürger gelang es die Psychiatrie wegweisend zu reformieren. Dabei gilt er als erster Vertreter der Jugendpsychiatrie. Vor allem sein Werk "Der Struwwelpeter", das er zu Weihnachten 1844 für seinen ältesten Sohn schrieb, sorgt nicht nur bis heute für schlaflose Nächte bei zahlreichen Kindern, sondern wurde auch weltweit bekannt.

Eine Frauenrechtlerin, ein Erfinder von Rindfleisch-Extrakten und ein Maler auf Seite 3

Heinrich von Gagern (1799-1880) ist der bedeutende Charakter zum historisch wichtigsten Frankfurter Bauwerk, der Paulskirche. Nachdem der liberale Politiker in der Revolution von 1848 zweieinhalb Monate als hessischer Ministerpräsident diente, wurde er am 19. Mai 1848 Präsident der Frankfurter Nationalversammlung. Zeitgenossen schätzten an Gagern, wie er eine bürgerliche Kommunikationsform, nämlich die öffentliche Rede, mit einem adligen Auftreten verband.  

Das Namen bedeutender Frauenrechtlerinnen meist recht unbekannt sind, erklärt deren Notwendigkeit. Auch Helene Lange (1848-1930) setze sich für die Rechte der Frauen ein. Dank eines geerbten Vermögens konnte sie die Fächer Latein, Geschichte und Philosophie studieren. Erste Bekanntheit erlangte sie, als sie 1887 mit einer Petition eine größere Beteiligung der Frauen in Schulen und Ausbildungsanstalten forderte. Der Antrag wurde vom preußischen Unterrichtsministerium abgelehnt. 1890 gründete sie den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein.

Es ist das Schicksal der Wissenschaft, dass bedeutende Errungenschaften, nicht immer mit Ruhm für den eigenen Namen verbunden sind. Zum Glück gibt es Schulen, die nach einem benannt werden können. So geht es auch dem Universalgelehrten Hermann von Helmholtz (1821-1894). Seinen Namen kennen eher Experten. Er prägte als Wissenschaftler die Optik, Akustik, Elektro-, Thermo- und Hydrodynamik.

Ein weiterer recht unbekannter Name mit nicht zu unterschätzender Bedeutung: Isaak Emil Lichtigfeld (1894-1967) war von 1954 bis 1967 Landesrabbiner von Hessen. Seinen Entschluss Rabbiner zu werden, fasste der Anwalt während des zweiten Weltkriegs im Londoner Exil. Die Schule wurde anlässlich seines ersten Todestages am 13.12.1968 nach ihm benannt.

Nein, die Schule ist nicht nach einem Keks benannt. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war ein deutscher Philosoph, Mathematiker, Diplomat, Historiker und politischer Berater der frühen Aufklärung. Wie die Aufzählung seiner Berufe vermuten lässt, gilt er als der universale Geist seiner Zeit schlechthin. Ganz nebenbei war er auch noch Erfinder und kreierte mit seiner Rechenmaschine einen sehr frühen Vorläufer des Taschenrechners - die Schüler von heute danken.

Das Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der bedeutende Dichter, Aufklärer und erste deutsche Dramatiker, ein verdienter Schulnamengeber ist, ist unbestritten. Dabei ging Lessing selbst zunächst auf keine Schule. Sein Vater unterrichtete ihn selbst. Und das mit Erfolg: Schon mit fünf Jahren konnte Lessing die Bibel lesen. Später erhielt er einen Privatlehrer ehe er auf eine öffentlich Lateinschule kam. 

Das Chemiker nicht nur mit Atomexplosionen und spektakulären Vergiftungen berühmt werden können, beweist Justus von Liebig (1803-1873). Der Gießener Universitätsprofessor entdeckte, dass Pflanzen wichtige anorganische Nährstoffe in Form von Salzen aufnehmen können und begründete damit die Entwicklung von Pflanzendünger. Zudem entwickelte er ein Herstellungsverfahren für Rindfleisch-Extrakte.

Würde ein Schüler Gemälde im Stil von Max Beckmann (1884-1950) im Kunstunterricht malen, er bekäme freilich eine gute Note. Doch womöglich müsste er auch zu einem Gespräch bei einem Schulpsychologen. Beckmann hingegen zählt zu den bedeutendsten Malern der Moderne. 2001 wurde ein Selbstbildnis von Beckmann für über 22 Millionen Dollar versteigert - spätestens das sollte jeden Schüler im Kunstunterricht motivieren. 

Ein Rassist, ein ständig Kranker und die

Musterschule

auf Seite 4

Ein Gymnasium, dass nicht nach einem Menschen benannt ist und dennoch Fragen aufwirft. Der Name bedeutet jedoch tatsächlich das, was sich vermuten lässt. Die Schule wurde 1803 von der Frankfurter Bürgerschaft als Probier- und Experimentierschule gegründet, also quasi als Muster einer Schule. Sie könnte genauso gut auch Beispielschule heißen, warum sich gerade das Muster durchsetzte, ist nicht bekannt.

Wer will, dass mal eine Schule nach ihm benannt wird, sollte am besten einfach einen Nobelpreis gewinnen - so wie Otto Hahn (1879-1968). Nach dem radiochemischen Nachweis der Kernspaltung des Urans im Jahr 1938 erhielt er 1944 den Nobelpreis. Doch keine Wissenschaft bleibt ohne Folgen: Seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki gehörte er zu den schärfsten Kritikern der nuklearen Aufrüstung und der durch unkontrollierte Atomtests fortschreitenden radioaktiven Verseuchung der Erde. 

Zwischen all den Politikern, Schriftstellern und Naturwissenschaftlern gehört Paul Hindemith (1895-1963) einer seltenen Berufsgruppe unter den Schulnamen-Patronen an. Er war Komponist. Als Anhänger der Moderne schockierte er in seiner frühen Schaffensphase das klassische Konzertpublikum mit neuartigen Klängen. Später distanzierte er sich zudem vom romantischen Künstlerbild des durch Inspiration beflügelten Genies und sah sich mehr als Handwerker.

Seit jeher wird der Kategorische Imperativ beispielhaft an der Sauberkeit von Schultoiletten erklärt, doch Immanuel Kant (1724-1804) qualifiziert noch mehr zum Namenspatron. Seine kritischen, philosophischen Gedanken wirken bis heute. Von der Erkenntnistheorie über die Ästhetik und die Ethik bis hin zur Religion, dem Recht, der Geschichte und Astronomie, philosophierte er über alles was ihm unter die Feder kam. All das aufklärerische Gedankengut konnte jedoch nicht verhindern, dass Kant auch als Rassist und Antisemit in den Geschichtsbüchern steht.

Wenn doch alles so einfach wäre: Die berufliche Rackow-Schule ist nach ihrem Gründer August Rackow benannt. Der Kalligraph lernte und lehrte Schönschrift und eröffnete 1867 die "Akademie für Kalligraphie und Handelswissenschaft". Er zählt damit zu den Begründern der Erwachsenenbildung. 

Friedrich von Schiller (1759-1805) einer der bedeutendsten deutschen Dichter, einerseits. Anderseits: Noch mit 15 Bettnässer, quasi ständig krank, hatte mal was mit zwei Schwestern gleichzeitig und verwendete in seiner Dissertation Zitate aus seinen eigenen Werken. Starb mit 45 Jahren. Weltberühmt wurde er trotzdem.

Die

Wöhlerschule

ist nach August Anton Wöhler (1771-1859) benannt und nicht nach dessen Sohn, dem berühmten Chemiker Friedrich Wöhler. August Anton war Tierarzt, Agrarwissenschaftler und Pädagoge. 1806 war er Mitbegründer der "Gesellschaft zur Beförderung nützlicher Künste und deren Hülfswissenschaften", die heutige Polytechnische Gesellschaft. 

Nicht jede Schule kann nach historischen Persönlichkeiten der Weltgeschichte benannt sein, doch auch das Vermächtnis von Julius Ziehen (1864-1925) kann sich sehen lassen. Der Pädagoge und Altphilologe wurde 1905 zum Frankfurter Stadtrat für Schulwesen gewählt. 1916 wurde er ordentlicher Professor am Lehrstuhl für Pädagogik. Zudem war er Linkshänder, konnte mit links und rechts flüssig schreiben und verschiedene Wörter sogar mit beiden Händen gleichzeitig.

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