Bahnhofsviertel

Nachtcafé: Neues Hilfsangebot für Drogenabhängige

Seit Mai gibt es das Nachtcafé für Drogenabhängige im Bahnhofsviertel. Bis zu fünf Mitarbeiter kümmern sich hier zwischen 22.30 und 6 Uhr um Gäste, die sonst nirgendwo willkommen sind. Ein Besuch.

Die weißen Schläppchen mit den silbernen Schleifen wirken seltsam deplatziert an den nackten, staubigen Füßen dieser ausgemergelten Frau, die gerade am Eingangstresen des Nachtcafés in der Moselstraße steht. Auch deshalb, weil das Thermometer in dieser kühlen Nacht auf fünf Grad gesunken ist. Aber daran verschwendet die Frau offenbar keinen Gedanken. Sie sucht gerade nach dem Kärtchen, das ihr den Zugang zum Nachtcafé ermöglicht. Minutenlang fingert sie sich durch ihre vollgestopfte Handtasche, bis sie den scheckkartengroßen Ausweis findet und dann langsam in Richtung Essensausgabe schlurfen kann. Mit ihrem schäbigen Pulli und den strähnigen dunklen Haaren wirkt sie ungepflegt, heruntergekommen.

In einem normalen Lokal würde diese klapperdürre Gestalt vermutlich etliche Blicke auf sich ziehen – mitleidige, aber auch solche voller Ekel und Abscheu. Nicht jedoch im Nachtcafé „m47“ im Bahnhofsviertel, das es seit Anfang Mai gibt. Jeden Abend öffnen sich hier pünktlich um 22.30 Uhr die Türen. Hellgraue Fliesen auf dem Boden, vier weiße Tische, um die sich rote, blaue und grüne Stühle herumgruppieren, rechts eine Küche mit einer großen Durchreiche zum Café-Raum, im Hintergrund Stühle und Sessel an der Wand – alles nüchtern, zweckmäßig.

Bis zu fünf Mitarbeiter kümmern sich hier um die Besucher. Zum Beispiel um Roland (46), einen kleinen grauhaarigen Mann, der zusammengesunken vor einem der Tische sitzt. Vor sich hat er eine Tasse mit Gemüsesuppe und einen Teller mit Würstchen, die er in kleine Stücke bricht, bevor er sie mit der Suppe verzehrt. Seine erste Mahlzeit an diesem Tag. Fast jeden Abend komme er hierher, sagt er. Wo er lebt? Er senkt den Blick, antwortet ausweichend. Erzählt davon, dass er ein altes Auto gehabt habe, das abgeschleppt worden sei. Seitdem sei es verschwunden.

Vor Kurzem sei er im Krankenhaus gewesen – Herzinfarkt. Er zeigt seine angeschwollenen Fußknöchel. Überall in seinem Körper habe sich Wasser angesammelt, wahrscheinlich werde er nicht mehr lange leben. Dann nimmt er wieder einen Löffel Suppe. Froh sei er, dass es das „m47“ gebe, sagt er: „Sie geben sich hier wirklich Mühe.“

Plötzlich wird es an der Essensausgabe laut: Unter den zehn Männern, die sich dort scharen, ist offenbar ein Streit ausgebrochen. Ein Mann mit langen graublonden Haaren blafft den neben ihm Stehenden an: „Halt’s Maul jetzt, irgendwann reicht es mal.“ Unwilliges Gemurmel, dann beruhigen sich die Gemüter wieder, ohne dass die „m47“-Mitarbeiter eingreifen müssen.

Gegen 23 Uhr sind alle Tische besetzt. Nachtcafé-Mitarbeiterin Yvonne Busenbach signalisiert ihrem Kollegen Abdessattar Saidan am Empfang, dass er in den nächsten Minuten niemanden mehr einlassen soll: „Wir haben keinen Sitzplatz mehr, leider.“

Manche Besucher wirken völlig erschöpft. Etwa jener Mann mittleren Alters, der über dem Essen eingenickt ist. Nach ein paar Minuten öffnet er die Augen, richtet sich mühsam auf und löffelt schlaftrunken seinen Joghurt. Andere Besucher sind unruhig, treten von einem Bein auf das andere. Das Warten fällt ihnen offensichtlich schwer, so dass es bei der Anmeldung und an der Essensausgabe manchmal zu Streitereien kommt. Etwa als eine Frau nicht am Empfangstresen ausharren will, bis sie an der Reihe ist, sondern sich einfach an Abdessattar Saidan vorbeidrückt. „Hallo“, ruft Saidan streng, „erst den Ausweis zeigen“. Schimpfend geht die Frau zum Eingang zurück.

Yvonne Busenbach seufzt ein wenig. Am Ende eines Monats sei die Stimmung oft aggressiv, erzählt sie. Dann nämlich hätten viele gar kein Geld mehr. Dazu kommt die Kälte der Herbstnächte – „das ist eine schlimme Kombination“. Viele Besucher geben sich jedoch sichtlich Mühe. Warten geduldig an der Essensausgabe, tragen später ihre benutzten Teller und Tassen zum Geschirrwagen. Manche fegen sogar die Krümel vom Tisch.

Gegen 23.30 Uhr ist der erste Ansturm vorbei. Yvonne Busenbach nutzt die Pause: wischt die Tische mit einem Lappen ab und stellt Stühle ordentlich hin. Sie bleiben nicht lange unbesetzt. 15- bis 20-mal pro Abend sehe er viele Besucher, sagt Mitarbeiter Naoufel Zouaoui: „Sie sind draußen am Rauchen oder Konsumieren, dann kommen sie wieder rein.“ Es seien „arme Seelen“, die hier landeten, sagt Theodora, die das „m47“ regelmäßig besucht: „Die meisten sind am Ende.“ Zehn Jahre lang sei sie drogenabhängig gewesen, seit 2004 sei sie clean, erzählt sie. Obwohl sie inzwischen in Oberrad lebt, fühlt sie sich dem Bahnhofsviertel immer noch verbunden. Und sie ist dankbar für die Arbeit der Nachtcafé-Mitarbeiter: „Das ist eine wunderbare Truppe. Die behandeln die Menschen wie Menschen und nicht wie Tiere.“

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