Instandhaltung

Nachts im Griesheimer ICE-Werk

Im Griesheimer ICE-Werk werden die Hochgeschwindigkeitszüge der Deutschen Bahn gewartet und von dort auf ihren Einsatz durch Deutschland geschickt. In der kürzesten Nacht das Jahres lud der Konzern in sein Werk und zur exklusiven frühmorgendlichen Fahrt im neuesten ICE ein.

Das liebste Fortbewegungsmittel eines ICE-Technikers der Deutschen Bahn ist das Rad. Denn die heiligen Hallen zwischen dem Gallusviertel und Griesheim sind lang. Und Deutschlands schnellste, erdgebundene Fortbewegungsmittel dürfen sich hier mal erholen.

So weitläufig die Hallen auch sind. Ihr Standort ist in der Hermann-Eggert-Straße im Niemandsland des Frankfurter Westens leicht zu übersehen. Was dort passiert – oder auch nicht – wirkt sich jeden Tag auf den Verkehr im ganzen Land aus.

In der kürzesten Nacht des Jahres hat die Deutsche Bahn daher in ihr ICE-Werk geladen, um vor Augen zu führen, wie ihre Hochgeschwindigkeitszüge für den täglichen Einsatz fit gemacht werden. Auf den ersten Blick scheint das Werk fast menschenleer. Doch hin und wieder taucht ein ölverschmierter Arm unter den hoch gebockten Fernverkehrszügen auf.

DB-Techniker auf Rädern huschen durchs Bild. „Weit über 100 Mitarbeiter arbeiten hier jede Nacht“, sagt Steven Neumann, Schichtleiter in Halle 3, der neuesten von insgesamt drei ICE-Wartungshallen in Frankfurt. Dann zischt Druckluft aus der Bremse eines stillstehenden ICEs und unterdrückt seine Worte.

Jener ICE stehe kurz davor, „auf Strecke zu gehen, erklärt Neumann. Die Zugführer testen daher die wichtigsten Funktionen, allen voran die Bremsen.

Die Züge in Halle 3 müssen dort noch ein wenig stehen bleiben. Sie haben ihre sogenannten „Fristen“ überschritten, sprich: Eine gewisse Anzahl von Kilometern wurde erreicht, nach denen die ICEs zur Routinekontrolle ins Werk müssen. „Ähnlich wie bei der Inspektion eines Autos, nur halt weit umfangreicher“, betont Neumann. Einem der Züge geht es buchstäblich an die Eingeweide. Toiletten müssen ausgetauscht werden, weil es während der letzten Fahrten zu mehreren WC-Störungen gekommen war.

Das neue Klo sieht mit Dutzenden Kabeln und kleinen Kupferrohren eher aus wie ein hochmoderner Kleinwagenmotor. Auch zwei Radsätze müssen ausgetauscht werden, bevor der Zug dann wieder aufs Gleis darf.

Die Wartungsprioritäten bewegen sich auf einer Skala von eins bis neun. Kraft aufnehmende Teile wie Radsätze, Luftfedern und Kommunikationswege für das Zugpersonal – wie der Funk – haben die höchste Priorität.

In Halle 3 sind die Mitarbeiter für jede Störung gewappnet: Es gibt dort eine Schlosserei, eine Schreinerei sowie eine Werkstatt für Klimaanlagen. Fast ebenso wichtig ist die Kaffeemaschinenwerkstatt. Die Deutsche Bahn stellt damit den Betrieb einer ihrer wichtigsten Serviceleistungen sicher.

„Kein Witz“, macht DB-Sprecher Thomas Bischoff klar, „funktionierende Kaffeemaschinen sind essenziell. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Pendler morgens um halb sieben keinen Kaffee kriegt.“

Um die Koffeinversorgung und die Instandhaltung ihrer Züge kümmert sich die Deutsche Bahn an jedem Tag des Jahres. Sogar an Heiligabend und in der Neujahrsnacht wird in der Hermann-Eggert-Straße und in den zwei anderen ICE-Hallen gearbeitet. „Das sind die Hauptverkehrstage. Da fällt hier die meiste Arbeit an“, berichtet DB-Sprecher Bischoff.

Doch auch in der kürzesten Nacht des Jahres müssen sich Neumann und seine Kollegen sputen. Vor dem Werk steht mit einem fertig gewarteten ICE 407 ein Modell der neuesten Baureihe, um Gleis 13 des Frankfurter Hauptbahnhofs anzufahren und von dort frühmorgens auf Deutschlands Gleise geschickt zu werden. Überführt wird er von sogenannten Bereitstellern wie Marcel Neukirch.

Dass er meist nachts arbeitet, stört ihn gar nicht. „Denn am schönsten ist es, mit dem Zug in Richtung Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang zu fahren“, findet Neukirch. Dann parkt er den ICE auf Gleis 13 und weiß, dass dieser für einen der längsten Tage des Jahres einsatzbereit ist, und seine Kaffeemaschine läuft.

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