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Frankfurt hat bei Nachtzug-Verbindungen einen großen Nachteil

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Von: Dennis Pfeiffer-Goldmann

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Der "Nightjet" der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) hält auf dem Weg von Zürich nach Hamburg und Berlin auch in Frankfurt, seit Dezember außerdem auf der Fahrt von Amsterdam nach Wien und Innsbruck. FOTO: michael faust
Der "Nightjet" der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) hält auf dem Weg von Zürich nach Hamburg und Berlin auch in Frankfurt, seit Dezember außerdem auf der Fahrt von Amsterdam nach Wien und Innsbruck. © Michael Faust

Wenn Zugverbindungen zunehmend Kurzstreckenflüge ersetzen sollen, müssen wieder mehr Nachtzüge her. Was Frankfurt am Tag allerdings hilft, wird in der Nacht zum Problem.

Frankfurt -Von einer Renaissance der Nachtzüge in Europa könnte auch Frankfurt profitieren. Seit Dezember ist eine zweite Nachtzugverbindung nach Österreich und in die Niederlande wiederbelebt. Doch hat die Stadt am Main beim Verkehr einen strategischen Vorteil, der im Nachtzugverkehr zum Nachteil wird.

Der Bau von Schnellfahrstrecken und die zentrale Lage Frankfurts seien Gründe, warum das Nachtzugangebot hier in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach reduziert wurde, schätzt Wolfgang Klapdor. Er ist Vizechef des Deutschen Bahnkunden-Verbands und Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn & Bus Hessen. Von Frankfurt aus lässt sich etwa Paris "ziemlich flott" per ICE und TGV erreichen, in nicht einmal vier Fahrstunden, erinnert Klapdor. "Da muss man nicht mehr über Nacht fahren." Noch in den 2000er-Jahren fuhren auf dieser Strecke täglich Nachtzüge.

Nachtzüge ab Frankfurt betreibt ein Unternehmen aus Österreich

Amsterdam, Brüssel, Mailand und Marseille sind ebenso über Schnellfahrstrecken mit viel kürzeren Fahrzeiten als früher erreichbar. Den Niedergang der Nachtzüge verursachte vor allem der Boom der Billigflieger. Die Deutsche Bahn zog sich, wie andere Bahnen zuvor, Ende 2016 aus dem unwirtschaftlich gewordenen Geschäft ganz zurück.

Einige Strecken übernahmen die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) mit ihrem Nightjet. "Sie haben den Nachtzug erfolgreich wiederbelebt", lobt Bahnkundenvertreter Klapdor. Auch die beiden Nachtzüge, die wieder in Frankfurt halten, betreiben die ÖBB. Sie führen traditionsreiche Strecken fort: von Zürich nach Hamburg und Berlin sowie seit Dezember wieder von Amsterdam nach Wien und Innsbruck.

Von Frankfurt nach Sylt in zwölfeinhalb Stunden

Auch ein zweiter Anbieter steuert seit vorigem Jahr Frankfurt an: Der Alpen-Sylt-Nachtexpress von Bahn-Touristik-Express fährt von Mai bis Oktober freitags um 23.20 Uhr nach Sylt, Ankunft 12 Uhr, und samstags um 20 Uhr ab Sylt nach Frankfurt-Süd, Ankunft 6 Uhr. Noch nicht wieder gestartet hat die Russische Staatsbahn ihre wegen der Corona-Pandemie eingestellte Verbindung Moskau-Paris mit Halt in Frankfurt. Der legendäre Zug, der seit dem 19. Jahrhundert verkehrt, ist rund 39 Stunden lang unterwegs und hat einen der längsten Zugläufe auf dem Kontinent.

Die Sylt-Strecke ist somit für Frankfurt derzeit die einzige echte Übernacht-Verbindung. Die übrigen Nachtzugfahrten sind eher Spätabend- oder Frühmorgenverbindungen. So startet der Nightjet aus Zürich im Hauptbahnhof um 0.52 Uhr nach Berlin und Hamburg, in der Gegenrichtung hält der Zug um 3.46 Uhr. Der Nightjet nach Wien und Innsbruck hat Abfahrt um 1.17 Uhr am Südbahnhof, der Gegenzug nach Amsterdam um 3.45 Uhr. Für Tagesrandreisende bieten die Züge immerhin Intercity-Sitzwagen an.

Die für Frankfurt ungünstigen Fahrzeiten resultieren aus der zentralen Lage im Bahnnetz, erklärt Wolfgang Klapdor. Diese hat mit den sehr guten Tagesverbindungen natürlich vor allem große Vorteile. Viele Nachtzüge fahren seit jeher an der Stadt vorbei, um Reisende mitten in der Nacht nicht mit einem Fahrgastwechsel aus dem Schlaf zu reißen.

Nachtzüge ab Frankfurt: ICE-Züge sind meist wenig schlaftauglich

Statt Nachtzüge mit bequemen Schlaf- und Liegewagen lässt die Deutsche Bahn nachts nur ICE-Züge fahren. Sie verbinden Frankfurt mit Kiel, Hamburg, Berlin, München. Mit normalen Sitzen und Standard-Beleuchtung sind die ICE aber häufig kaum schlaftauglich - und oft auch nicht im Expresstempo unterwegs, haben lange Aufenthalte an Bahnhöfen.

Während die ÖBB neue Schlafwagen bestellt haben, will die DB den Ausbau des Nachtzugnetzes nur unterstützen, aber ohne eigene Wagen. Die Politik auf Bundes- und Europaebene drängt zu diesem Ausbau als Beitrag zu Klimaschutz und Verkehrswende. "Grenzüberschreitenden Verkehr wollen wir stärken und mit der EU sowie ihren Mitgliedstaaten Nachtzugangebote aufbauen", hat sich die neue Ampelkoalition im Bundestag laut ihres Koalitionsvertrags vorgenommen.

Fahrgastvertreter: Frankfurt braucht Verbindungen nach Skandinavien

Im Wahlkampf skizzierten die Grünen ein europaweites Nachtzugnetz auch auf Schnellfahrstrecken, um Billigflieger zu ersetzen. Sie sehen für Frankfurt Verbindungen nach Stockholm, Wien, Belgrad, Genua, Bordeaux, London, Glasgow und Edinburgh vor. Die Nutzung der Rennbahnen sieht auch Wolfgang Klapdor als notwendig an, damit Fahrgäste bei hohem Tempo im Schlaf lange Strecken zurücklegen. "Damit lassen sich durchaus Flugverbindungen ersetzen", zum Beispiel zu den bei Touristen beliebten Zielen Madrid oder Lissabon.

Dem Fahrgastvertreter fehlt es aber an der praktischen Umsetzung. "Das Wiederinstallieren der Nachtzüge geht viel zu langsam", kritisiert Klapdor. So fehlten in Frankfurt Verbindungen nach Skandinavien. 2014 war die langjährige Nachtverbindung nach Kopenhagen eingestellt worden. Auch viele andere Ziele waren schon einmal über Nacht vom Main aus erreichbar: Rügen, Warschau, Prag, Rijeka, Venedig, Rimini, Florenz, Mailand und Katalonien. (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

Zuletzt wurde wieder über einen Nachtzug ab Frankfurt nach Barcelona diskutiert.

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